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Religion und Entwicklung

Seit zwei Jahrzehnten kehren Religionen in die öffentliche Diskussion zurück. Frühere Annahmen, dass Religion absterben werde, dass das Christentum lediglich die europäische Vorherrschaft in der Welt sichern wolle, oder dass religiöse Bindungen ein friedliches Zusammenleben der Völker verhinderten, weichen einer differenzierteren Betrachtung . „Nicht selten herrscht ein Tenor vor, dass die Religionen letztlich an allem oder zumindest vielem Schuld seien, dass sie in erster Linie ein Gefahrenpotential bergen und dass ohne sie die Welt friedlicher wäre", sagt Markus Weingardt. Der Friedensforscher hat dagegen an zahlreichen Fallbeispielen gezeigt, dass religiöse Akteure weltweit zur friedlichen Beilegung von gewalttätigen Konflikten beitragen, so zum Beispiel der Vatikan im Streit Argentiniens und Chiles um den Beagle-Kanal, die Evangelische Kirche in der DDR auf dem Weg zum friedlichen Ende der Diktatur, oder der buddhistische Mönch Maha Ghosananda, der mit einigen Kollegen maßgeblich zum Abschluss des Pariser Friedensabkommens 1993 und zum Wiederaufbau Kambodschas nach den Schrecken des Pol Pot - Regimes beitrug.

Um die Jahrtausendwende wuchs - sicher verstärkt durch die Anschläge am 11. September 2001 - auch das Interesse staatlicher Organe an dieser erstaunlichen Rückkehr der Religion. So haben die Regierungen zum Beispiel der USA, Großbritanniens, Schwedens und anderer europäischer Staaten ausführliche Studien über den Einfluss von Religion auf das gesellschaftliche Leben in Auftrag gegeben.

Besonderes Interesse gilt dem Einfluss religiöser Überzeugungen auf das Verständnis von Entwicklung und die Praxis der Entwicklungszusammenarbeit. Brot für die Welt beschäftigt sich vor allem mit den folgenden Schwerpunkten:

    Religion und Konflikt
    Religion und Geschlechtergerechtigkeit
    Mission und Entwicklung
    Menschenrechte und Entwicklung.

Im ökumenischen Gespräch über das Verhältnis von Religion und Entwicklung ist eine kritische theologische Reflexion darüber wichtig, was „Entwicklung" genau bedeutet. Evangelikal und pfingstkirchlich geprägte Entwicklungsdienste zum Beispiel verstehen „Entwicklung" als einen Prozess, der nur gelingen kann, wenn die Menschen in diesem Prozess zu einem lebendigen Glauben an Jesus Christus als Befreier von Sünde und Not kommen. Das rasante Erstarken solcher Entwicklungsdienste weltweit macht eine theologische Auseinandersetzung unumgänglich.

Es reicht auch nicht, religionssoziologische oder sozialpsychologische Forschungsergebnisse ohne kritische Bewertung als handlungsleitend zu übernehmen. Sie müssen theologisch reflektiert werden, um daraus abzuleiten, welche Formen von Entwicklungszusammenarbeit dem Verständnis eines kirchlichen Entwicklungsdienstes entsprechen und welche als problematisch oder gar kontraproduktiv zu betrachten sind.

Brot für die Welt steht in dieser Reflektion nicht allein. Das Werk ist Gründungsmitglied der 2010 eingerichteten Arbeitsgruppe „Religion und Entwicklung" im Verbund protestantischer Entwicklungsdienste in Europa (APRODEV). Ein wichtiges gemeinsames Ziel der europäischen protestantischen Entwicklungsdienste ist, in der Ökumene, im interreligiösen Dialog und in der Zusammenarbeit mit staatlichen  sowie zivilgesellschaftlichen Akteuren ihr durch reformatorische Theologie und Aufklärung geprägtes Selbstverständnis einzubringen.

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