Blog-Beitrag

Ägypten: Flüchtlinge ohne Perspektiven und Schutz

Markus Schildauer arbeitet für die Deutsche Seemannsmission in Alexandria, einem Netzwerkpartner von Brot für die Welt. Er schildert seine persönliche Sicht auf die Situation in Ägypten, wie Flüchtlinge dort leben und berichtet von Seeleuten, die durch das Sterben im Mittelmeer traumatisiert sind.
Von Eva Wagner am 02.03.2017 - 12:43
Eva WagnerPressereferentin Brot für die Welt Schwerpunkt Migration/Flucht

Was erleben die Seeleute auf dem Mittelmeer?

Mehr als 50.000 Flüchtlinge in Seenot wurden im letzten Jahr auf Handelsschiffe gerettet, die jeweils nur für circa zwanzig Personen ausgelegt sind, was für alle eine riesige Belastung bedeutet. Leider kommen auch Menschen bei den Rettungsaktionen, bei dem „An die Seite nehmen“ ums Leben, wenn das Flüchtlingsboot noch nicht gesichert ist. Letztens erzählte eine Schiffsbesatzung davon, wie sich bei so einem Rettungsmanöver die Menschen auf eine Seite ihres Schlauchbootes bewegten und es dabei kenterte. Viele Insassen sind dabei ertrunken.

Sind Handelsschiffe zwangsläufig mit dem Sterben auf dem Meer konfrontiert?

Flüchtlingsorganisationen gehen davon aus, dass viel mehr Menschen bei der Überfahrt über das Mittelmeer sterben als offizielle Zahlen vermitteln. Unter den Insassen sind zunehmend Frauen mit ihren Kindern und unbegleitete Minderjährige. Es ist furchtbar für die Seeleute, von ihren Schiffen aus ständig Rucksäcke, einzelne Schuhe oder Sachen zu sehen, die eindeutig Menschen zuzuordnen sind. Die Vorstellung ist unerträglich, für was diese Gegenstände stehen. Wir von der Seemannsmission wissen von einigen Kapitänen, die ihren Beruf wegen dieser psychischen Belastung aufgegeben haben. Und in Alexandria und anderen ägyptischen Küstenstädten werden immer mal wieder  Leichen an die Strände geschwemmt.

Wie viele Flüchtlinge halten sich Ihren Schätzungen nach in Ägypten auf?

Man geht von rund 260.000 registrierten Flüchtlingen aus, wovon die meisten Syrer sind, die unter Präsident Mohamed Mursi noch ohne Visum einreisen durften. Vorsichtigen Schätzungen der Flüchtlingsorganisationen zufolge halten sich weitere 500.000 nicht registrierte Geflüchtete und Migranten aus Südsudan, Syrien, Somalia und Eritrea überwiegend im Nildelta auf.

Wie viele starten aus Ägypten nach Europa im Vergleich zum Transitland Libyen?

Die Überfahrt von Ägypten ist sicherer, darum war sie 2016 frequentierter und auch teurer. Je dichter die ägyptische Küste gemacht wird, desto mehr steigen die Preise. Von Ägypten aus kostete eine Überfahrt im vergangenen Jahr bis zu 3.000 US$, von der libyschen Küste nur rund 700 US$. Die Menschen werden gezwungenermaßen auf die gefährlichere libysche Alternativroute ausweichen. Allerdings ist die Sicherheitslage in Libyen katastrophal. Somalische Gruppen und der sogenannte IS kämpfen um die Kontrolle des Schlepperwesens, denn das ist ein millionenschweres Geschäft. Im Januar sind offiziell mehr als 14.000 Flüchtlinge in Italien angekommen, so viele wie nie zuvor, obwohl das Meer wild und rau war zu dieser Zeit. Allein nach offiziellen Angaben sind 400 Menschen ertrunken. Eine unglaublich hohe Zahl. Anscheinend versuchen gerade viele noch über Libyen zu starten, bevor durch Vereinbarungen mit den lokalen Regierungen Europa die Grenzen zu schließen versucht. Leider können die Geflüchteten häufig den Zeitpunkt der Fahrt nicht bestimmen, sondern werden auch bei ungünstigen Wetterbedingungen von Schleppern in die Boote gezwungen.

Gibt es Lager für Flüchtlinge in Ägypten?

Ja. Internierungslager sind häufig Polizeistationen mit nur einer Zelle. Es gibt landesweit angeblich bis zu vierzig dieser Lager. Die Bedingungen dort sind sehr grenzwertig. Ein Somalier erzählte mir von so einer Polizeizelle, die viel zu klein für alle Insassen war, so dass nicht jeder gleichzeitig sitzen konnte. Der Mann war acht Monate dort eingesperrt. Die sanitäre Versorgung ist nicht auf längere Aufenthalte angelegt und entsprechend schlecht.
Die registrierten Flüchtlinge verbringen in den meisten Fällen dort nur eine kurze Zeit. Nicht-registrierte Flüchtlinge sind manchmal monatelang inhaftiert. Ihr Schicksal hängt davon ab, ob sie von einer internationalen Organisation wie dem UNHCR oder Ärzte ohne Grenzen entdeckt, sie dann registriert und befreit werden oder ob sie jemanden finden, der für ihre Entlassung zahlt. Ich habe von einer Frau aus Eritrea gehört mit zwei kleinen Kindern, die etwa 19 Monate in so einem Lager ausharren musste.

Was macht Ägypten mit seinen Außengrenzen?

Vor zwei Tagen wurde in einem Zeitungsartikel als Erfolg verbucht, dass der Grenzschutz an der Küste 18.000 Menschen zurückgehalten habe. Die Regierung ist bestrebt, Stärke zu zeigen und ich höre viel von der „Aufrüstung“ der Polizei mit neuen Fahrzeugen. Trotzdem hat die Internationale Organisation für Migration vor einigen Tagen wieder von über vierzig ertrunkenen Menschen berichtet. Die Küste ist also durchlässig. Die Grenze zu den Nachbarländern Sudan und Libyen lässt sich gar nicht überwachen. Das sind tausende Kilometer Wüste und die Einreise ist nicht kontrollierbar.

Was wissen Sie über das Schlepperwesen in Ägypten, das ja durch diverse Abkommen bekämpft werden soll?

Das Schlepperwesen für die Route über das Mittelmeer wird angeblich von ungefähr zehn Familien organsiert, die Verbindungen in höchste Kreise haben. Dann gibt es noch die kleineren Schlepper, die die Unterkünfte im Nildelta managen, wo viele Eingereiste auf die Überfahrt warten. Oft werden die Menschen mit kleinen Fischerbooten jenseits der 12-Kilometer-Zone aufs offene Meer gebracht und steigen von dort im besten Fall auf größere Schiffe um, die für 400-600 Menschen ausgerichtet sind. Augenzeugen berichteten mir, dass bei dem Umsteigen immer wieder Menschen ins Wasser fallen und ihnen nicht geholfen wird. Vor kurzem sind auf diese Weise laut Berichten wieder eine Frau und ihre Kinder ums Leben gekommen.

Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die deutsche Migrations- und Flüchtlingspolitik gegenüber Ägypten? 

Die ägyptische Regierung hofft auf finanzielle Unterstützung und ist wahrscheinlich an einem Abkommen mit der EU interessiert, wie es auch mit der Türkei geschlossen wurde. Der türkischen Regierung werden drei Milliarden Euro dafür gezahlt. An so einer Summe wäre Ägypten sehr interessiert, denn der Staat ist nahezu pleite und jeder Dollar zählt. Darum hat die Regierung aktuell völlig überhöhte Zahlen von über fünf Millionen Flüchtlingen allein in Ägypten veröffentlicht, was nicht realistisch ist. 
Doch falls es zu irgendwelchen Abkommen zwischen der EU und Ägypten kommt, müssen wir strenge Kontrollmöglichkeiten eingerichtet werden, ansonsten werden sich die Lebensbedingungen für Flüchtlinge und Migranten extrem verschlechtern. Korruption und Willkür hören hier nicht vor Lagertoren auf.

Bringen solche Migrationsabkommen etwas?

Nein. Durch solche Vereinbarungen kann die EU versuchen, sich zu verbarrikadieren und zu verschließen. Die Folge wird sein, dass illegale Kräfte und große finanzielle Interessen hinter diesem Migrationsgeschäft noch skrupelloser agieren werden. Die Geflüchteten werden noch mehr in die Illegalität abgetrieben. Das ist aber keine Lösung des Problems.

Was sollte Ihrer Ansicht nach die internationale Gemeinschaft in Ägypten tun?

Eine Lebengrundlage hier in Ägypten würde Flüchtlingen und Migranten ermöglichen, von der riskanten und gefährlichen Fahrt über das Meer abzusehen, denn die Menschen wissen über die Risiken bescheid. Doch in Ägypten haben Geflüchtete keinen Zugang zum regulären Arbeitsmarkt, die Kinder dürfen nicht zur Schule gehen und die Lebensmittel sind knapp. Für eine ganze Generation ist das eine völlig verlorene Zeit und darum wollen die Menschen nicht hierbleiben. Sie brauchen in erster Linie  Nahrungsmittelhilfen, einen Lebensunterhalt und Ausbildungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Aber die Lebensmittelhilfe des Welternährungsprogramms, das den UNHCR unterstützt, ist zum Erliegen gekommen. Die Japaner waren die letzten, die bis März 2016 gezahlt haben. Die Deutschen und Europäer haben viel versprochen, aber nichts eingezahlt. Die Situation verschärft sich weiter, weil der UNHCR Somalier, Eritreer und Sudanesen nicht mitversorgen darf – auch wenn er könnte. Da sehe ich Handlungsmöglichkeiten für die internationale Gemeinschaft. Letzte Anmerkung dazu… eine grundsätzliche Lösung wäre natürlich, die Rüstungsexporte einzustellen, Kriege und Potentaten in den Herkunftsländern nicht zu unterstützen und eine Wirtschaftsförderung mit Jobs und Berufsperspektiven für das Gros der Bevölkerung zu gewährleisten - aber das ist im Moment wohl viel zu idealistisch geträumt.

Wie ist das gesellschaftliche Klima gegenüber Flüchtlingen?

Früher waren Syrer sehr willkommen, doch mittlerweile sind sie in „Ungnade“ gefallen, weil sie die Regierung der Moslembrüder unterstützt haben. Schwarze Menschen halten sich aus Furcht vor rassistischen Übergriffen weitgehend versteckt. Die Armut unter den Ägyptern hat durch die Wirtschaftsprobleme massiv zugenommen und das führt zu einem Anstieg von Rassismus.

Welche Gefahren gibt es noch für Flüchtlinge in Ägypten?

Das organisierte Verbrechen rund um die Migration nimmt brutale Ausmaße an. Auch der Handel mit Organen spielt wohl eine Rolle. Es gibt angeblich in Alexandria zwei neue Kliniken, in denen nach westlichen Standards Hornhäute und Nieren transplantiert werden. Vor einiger Zeit wurden vollständig „ausgeweidete“ Leichen in der Stadt gefunden. Das hat jetzt aufgehört, da Flüchtlingsorganisationen darüber berichtet haben und Verantwortliche einer Klinik verhaftet wurden. Seitdem gibt es keine Berichterstattung mehr darüber. Die Menschen werden durch die Polizei weder vor Übergriffen durch die Bevölkerung, noch vor organisierten Verbrechen geschützt.

Gibt es Nichtregierungsorganisationen, die sich für Flüchtlinge engagieren?

Ägyptischen Nichtregierungsorganisationen ist es nicht erlaubt, Geld von ausländischen Organisationen zu erhalten und ausländische NGOs sind nicht zugelassen. Flüchtlingshilfe leisten nur wenige. Jetzt im Februar wurde das Nadeem Center geschlossen, das einzige Zentrum, das sich um Opfer von Folter und sexualisierter Gewalt kümmerte. Das Zentrum hatte zuvor den ägyptischen Behörden die systematische Anwendung von Gewalt vorgeworfen.

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