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Arbeiten ohne Lohn, ohne Papiere und mit Zwang

Eine neue Studie über Menschenhandel und Ausbeutung stellt Frauen in den Fokus. Wie werden Frauen Opfer und was vermitteln Medien darüber? Sophia Wirsching, Referentin für Migration und Entwicklung, im Gespräch.
Von Eva Wagner am 23.03.2017 - 13:45
Eva WagnerPressereferentin Brot für die Welt Schwerpunkt Migration/Flucht

Warum geraten besonders Migranten und Migrantinnen in die Ausbeutungsmaschinerie des Menschenhandels? 

Sophia Wirsching, Referentin für Migration und Entwicklung: Es besteht oft ein Zusammenhang zwischen Menschenhandel und Migration. Migranten und Migrantinnen sind ja häufig sehr verzweifelt auf der Suche nach Einkommensmöglichkeiten, weil es in ihrer Heimat keine Perspektiven für sie gibt. Sie werden darum leichter Opfer von Menschenhandel und gehen beispielsweise Beschäftigungsverhältnisse ein, die auf unseriösen Vereinbarungen beruhen oder für die es keine Arbeitsverträge gibt. Um sogenannte „Arbeitsausbeutung“ handelt es sich dann, wenn die Betroffenen gar nicht oder unangemessen entlohnt werden. Die Abgrenzung zu dem anderen kriminellen Geschäftsfeld „Menschenhandel“ ist schwierig. Man spricht davon, wenn die Betroffenen durch Gewaltanwendung zur Arbeit gezwungen oder bedroht werden. Migrantinnen und Migranten geraten häufiger in solche Situationen, weil sie im Ausland schutzloser, hilfloser und häufig auch isoliert sind. Die meisten sprechen die Sprache nicht und sind nicht über ihre Rechte informiert oder wissen nicht, wie sie diese  Rechte einfordern können, um sich gegen Missbrauch zu schützen. Ganz besonders schwer haben es Menschen ohne regulären Aufenthaltsstatus. Grundsätzlich ist es aber so, dass auch die Staatsbürger eines Landes Opfer von Menschenhändlern werden können.

Können Sie ein paar Beispiele nennen, wie das alles abläuft?

Sophia Wirsching, Referentin für Migration und Entwicklung: Im asiatisch-arabischen Raum ist es so, dass arbeitssuchende  Frauen, beispielsweise aus Bangladesch oder Sri Lanka, von ortsansässigen Agenten mit falschen Versprechungen auf einen guten Job und auf gute Bezahlung in die Golfstaaten gelockt werden, wo sie dann aber als Hausangestellte völlig entrechtet schuften müssen. Die Arbeitgeber nehmen ihnen oft ihre Papiere weg und enthalten ihnen den Lohn vor. Oftmals müssen die Frauen sieben Tage in der Woche mehr als zwölf Stunden täglich arbeiten. Zu trauriger Berühmtheit ist der Fall nepalesischer Männer geworden, die in sklavenähnlichen Verhältnissen auf den Baustellen in Katar schuften müssen. Aber auch in Deutschland gibt es in der Fleisch verarbeitenden Industrie, bei der Pflege in Privathaushalten oder im Hotelgewerbe Fälle von schwerer Arbeitsausbeutung - verbunden mit Repressalien.

Auf welche Weise sind Frauen von Menschenhandel spezifisch betroffen?

Sophia Wirsching, Referentin für Migration und Entwicklung: Die Vereinten Nationen haben letztes Jahr einen Bericht veröffentlicht, dem zufolge 75 Prozent aller Opfer des weltweiten Menschenhandels Frauen sind. Es geht dabei sehr häufig um sexuelle Ausbeutung. Daneben werden viele Opfer auch für Zwangsheiraten gehandelt oder um als Bettlerinnen zu arbeiten. Das Geschäft mit dem Menschenhandel wird dem Bericht zufolge häufig durch Konflikte und Terror befeuert, weil dadurch die hohe Nachfrage von Arbeitskräften und Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern steigt.

Wie wird darüber in den Medien bei uns berichtet?

Sophia Wirsching, Referentin für Migration und Entwicklung: Wenn in den Medien in Deutschland über Menschenhandel berichtet wird, dann geht es entweder um Frauen, die als Zwangsprostituierte arbeiten müssen oder um Männer, die zu Arbeitszwecken ausgebeutet werden. Dabei fällt leider unter den Tisch, dass Frauen gerade in der Pflege und in haushaltsnahen Berufen sehr schwer ausgebeutet werden und keineswegs „nur“ von sexueller Ausbeutung betroffen sind. Das liegt sicherlich auch daran, dass diese Berufe gesellschaftlich kaum anerkannt sind.

Brot für die Welt hat eine Studie zu diesem Thema unterstützt, wie Frauen durch Menschenhandel betroffen sind. Welches Problem wurde in der Studie behandelt?  

Sophia Wirsching, Referentin für Migration und Entwicklung: Die Studie von Janina Mitwalli „Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung und schwere Arbeitsausbeutung von Frauen – Ein nicht gesehenes Phänomen?“macht darauf aufmerksam, dass Frauen in Deutschland auch Opfer von schwerer Arbeitsausbeutung und von Menschenhandel werden, obwohl das Thema in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Sie hinterfragt die Gründe, warum das so ist und sensibilisiert für die ausschlaggebenden Stereotypen und Denkmuster.

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