Blog-Beitrag

Bis vor 10 Jahren kein Stück Plastik im Rio Yorkin

Paul lebt in einer indigenen Gemeinschaft und hilft bei einem nachhaltigen Tourismusprojekt. Dort begegnen ihm der Verlust der kulturellen Identität und ein Zerrbild über Menschen, die doch der kapitalistischen Globalisierung trotzend, ein Leben nach jahrhundertealten Traditionen führen sollten.
Von Klaus Ehrlich am 14.05.2018 - 10:12
Klaus EhrlichReferent Personalmarketing

Häuser der Bribri in Yorkin

“Yael!” ruft mein 28-jähriger Gastvater Eduardo* streng, “Lass das Handy von deiner Mutter dort liegen!”. Yael, vier Jahre alt und der Sohn von Eduardo und Yenni* fängt spontan an zu weinen. Gerne schaut er sich Musikvideos von Romeo Santos auf dem Smartphone seiner Mutter an. Meine Gastfamilie besteht aus meinen Gasteltern Eduardo und Yenni, Yael und seinem wenige Monate alten Bruder Gael. Eduardo und Yenni besitzen zwei Hunde, ein Pferd und 30 Hühner.  Wie fast alle der etwa 250 Einwohner von Yorkín, wohnen auch sie in einem Stelzenhaus, gebaut aus dem Holz der Bäume, die in der Umgebung wachsen.

Die Bribri im costaricanischen Staat des 21. Jahrhunderts

Costa Rica setzt sich politisch aus mehreren Provinzen zusammen. Die gesamte Karibik-, also Ostküste Costa Ricas ist Teil der Provinz Limón, an deren Südspitze, unmittelbar an Panama grenzend, das Dorf Yorkín liegt. Costa Ricas indigene Bevölkerung wird heute allgemein in acht verschiedene Völker gefasst. Das in Costa Rica zahlenmäßig am stärksten vertretene Volk ist das der Bribri. Früher als Nomaden durch weite Teile Costa Ricas und Panamas gezogen, leben sie heute in verschiedenen Dörfern an den West- und Osthängen der Cordillera de Talamanca, der südlichsten der vier Gebirgsketten, die Costa Rica von Norden nach Süden durchziehen. Auf dem Papier ist den Bribri an ihrem Land bis heute geschützte Fläche in Form von vier Reservaten zugestanden worden. Auf dem Papier, weil es nach wie vor Reservatsland gibt, dass von nicht-Indigenen besetzt wird und die Regierung ihrem Versprechen, veräußertes Reservatsland für die indigenen Völker zurückzukaufen teils nur halbherzig nachkommt. Das flächenmäßig größte der Bribri-Reservate liegt auf atlantischer Seite und beherbergt auch das Dorf Yorkín, das bislang über keinen Straßenanschluss verfügt und lediglich zu Fuß oder Boot erreicht werden kann.

Einblick in die Kultur der Bribri

Traditionell wohnten die Bribri in kegelförmigen Rundhäusern, die an Tipis erinnern. Sie sind nach außen hin komplett mit Blättern einer bestimmten Palme gedeckt, die durch ein Holzgestell auf der Innenseite des Hauses getragen werden. Im Zentrum dieses Gebäudes befindet sich typischerweise ein Feuer. Kakao ist in der Bribri-Kultur eine heilige Pflanze, die die Gattin Gottes, der auf bribri Sibú heißt, verkörpert. Das äußert sich nicht nur darin, dass Kakao beim Backen, für heiße Schokolade, Naturkosmetik und als Medizin viel Verwendung findet, sondern auch darin, dass es Leute gibt, die weder Blätter noch Früchte oder Holz des Kakaos verbrennen. Selbst die von Pilzsporen bedeckten und verdorbenen Früchte werden nicht verbrannt, obwohl sie den Kakaopilz potenziell weitertragen. Das Verbrennen hat eine große spirituelle Bedeutung, die sich mir selbst noch nicht ganz erschlossen hat. Ich glaube, dass es symbolisch für das Auslöschen stehen kann. Besonders zentrale Bestandteile des Glaubens oder perönliche Objekte werden daher häufig nicht verbrannt. Man überlässt mitunter auch die Gräten der Fische aus den Flüssen um Yorkín oder die ausgetauschten alten Pfähle des eigenen Hauses nicht dem Feuer. Eine außerordentlich große Bedeutung in der ursprünglichen Spiritualität hat der Wald. Zum Beispiel gibt es heilige Teile des Waldes, mit deren Zerstörung, so glauben viele Bewohner, die Welt unterginge. Bestimmte nächtliche Rufe, die mir wie die einer Eule erscheinen, werden einem Geist zugeschrieben. Der Regenwald ist eng mit der Kultur verwoben, bestand doch Costa Rica früher fast ausschließlich aus ihm, und liefert Baumaterial, Lebens- und Arzneimittel. Er ist essentiell, wird geehrt und geschützt, flößt aber gleichzeitig Respekt ein und wird zumindest von traditionell Gläubigen zu bestimmten Zeiten nicht durchwandert oder betreten.

Stibrawpa in Yorkín

Das Tourismusprojekt in Yorkín namens Stibrawpa, bribri für Kunsthandwerker, ist Mitglied des Verbandes ACTUAR. ACTUAR ist eine Organisation, die etwa 40 nachhaltige ländliche Tourismusprojekte in Costa Rica vermarktet und zum Beispiel durch Beratung und Fortbildungsangebote unterstützt. Als Partnerorganisation von Brot für die Welt ist ACTUAR außerdem die Brücke zum Freiwilligenprogramm.

Um zivilgesellschaftliche Strukturen zu fördern und die Gefahr soziokultureller Hürden bei der Entwicklungszusammenarbeit zu mindern, setzt Brot für die Welt auf das „Partnerprinzip“. Das bedeutet, dass Brot für die Welt keine eigenen Projekte in anderen Staaten initiiert, sondern bestehende Nichtregierungsorganisationen wie ACTUAR zweckgebunden fördert.

Ich habe allerdings nur wenig mit ACTUAR, das seinen Sitz in der Hauptstadt San José hat, zu tun. Ich lebe in Yorkín, lerne und arbeite im Dorf und bei Stibrawpa. Heute ist das Gebiet des Reservates vollständig parzelliert. Jede Familie verfügt über ein wenig Land, das teils von Regenwald bewachsen, teils schon lange gerodet ist und auf dem Landwirtschaft betrieben wird, fast ausschließlich biologische. Weil Bananen, Kakao, Maniok und Zitrusfrüchte selten in Monokulturen angebaut und keine Herbizide eingesetzt werden, wirken die „fincas“ genannten Plantagen auf den ersten Blick für uns wie Unterholz und lichter Regenwald. Sträucher, Kräuter und hohes Gras werden in der Regel mit der Machete heruntergeschnitten. Das ist aufwendig, führt aber dazu, dass die Gesundheit der Menschen nicht unter Pestiziden leiden muss und die Plantagen Lebensraum zahlreicher Tiere bleiben. Mir ist erzählt worden, dass man in den Bananenplantagen von Dole und Chiquita Arbeiter einstellen müsse, um die Kadaver von Vögeln und Säugetieren aufzusammeln. Weil deren Bananenplantagen in Sachen Pestizideinsatz weltweit rekordverdächtig sind, wirken sie für die natürliche Flora und Fauna wie Todeszonen. Wer nachts in Yorkín unterwegs ist, kann dagegen muntere Gürteltiere, Ameisenbären und Kröten in den Fincas entdecken. 

Nachdem 1978 der hier Monilia (wissenschaftlich Moniliophthora roreri) genannte Kakaopilz Costa Rica erreicht hatte, sind viele Kleinbauern in den vom Kakao abhängigen Dörfern der Region in große Armut gestürzt. In Reaktion darauf ist in Yorkín 1992 von drei Frauen Stibrapwa gegründet worden. Ihre Idee ist es, anders Einkommen zu generieren, als durch Abholzung von Regenwald oder gesundheitsschädigender Arbeit auf den Bananenplantagen. Heute arbeiten etwa 50 Menschen bei Stibrawpa. Das Verhältnis von Männern und Frauen ist fast ausgeglichen. Stibrawpa bietet den Einwohnern Yorkíns und der umliegenden Dörfer nach dem folgenden Schema zusätzlich zur Landwirtschaft Arbeit und Einkommen: Bei der Bewirtung der Touristen fallen eine Reihe verschiedener Arbeiten wie Putzen, Kochen, der Bootstransport oder die Führung durch das Dorf an. Wer Mitglied geworden ist, kann sich für alle Arbeiten, die er übernehmen möchte, eintragen lassen. Alle Eingetragenen dürfen dann nach einem Rotationssystem gleich oft die jeweilige Arbeit übernehmen. Dabei macht jeder Mitarbeiter seinen eigenen Gewinn. Wenn 200 US-Dollar für eine Tour gezahlt werden, bleibt davon nach Auszahlung aller beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meist kein oder nur ein kleiner Gewinn für die Kasse von Stibrawpa. Das Unternehmen oder eine Unternehmensführung schöpft nicht so, wie wir es gewohnt sind, stetig Gewinn ab und selbst die Gründerin Bernarda, die am längsten von allen Mitglied ist, verdient nicht mehr oder anders Geld, als ein neu hinzugekommenes Mitglied.

Quo vadis?

2017 sind hier etwa 1.400 Touristen empfangen worden. Das sind Touristen, die Yorkín meist sehr beeindruckt, berührt und fasziniert von dem Leben, der Kultur und Natur im Reservat, verlassen. Häufige Fragen an mich sind: „Haben die hier Strom?“, „Und wie kommunizierst du mit deinen Eltern?“ oder „Aber Fernseher gibt‘s hier nicht, oder?“. Meistens sind die Touristen dann überrascht, wenn die Antworten lauten „Viele Familien schon!“, „Per E-Mail.“ und „Wenige Familien haben auch Fernseher.“ Manche sind auch enttäuscht, wenn sie hier im Regenwald Motorsägen oder Waschmaschinen sehen. Vor kurzem hat mir ein deutscher Tourist gesagt, die Tour habe ihm ganz gut gefallen, aber er würde es begrüßen und glaube auch, dass der Ort an touristischer Attraktivität gewänne, wenn die Menschen wieder mehr zu ihrem traditionellen Lebensstil zurückfänden und sich von der eingeführten Technik, den gekauften Baumaterialien und Wohlstandsprodukten lossagten. Ich finde es nicht richtig, den Menschen in den Reservaten einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie mehr und mehr beginnen, sich an unser Konsumverhalten anzunähern und Dinge kaufen möchten, über die andere schon lange verfügen.

Ich maße mir auch nicht an, diesem Touristen einen Vorwurf für seine Bemerkung zu machen. Denn ob sich hinter diesem Kommentar die Neigung verbirgt, die eigene Äshetik über das Wohlbefinden der Dorfbewohner zu erheben, weiß ich nicht. Seine zwei Aussagen halte ich aber für sachlich richtig.

Leere Batterien aus Taschenlampen finden ihren Weg in die kleinen Bäche des Dorfes, in denen sie auslaufen. Und was wird mit der Waschmaschine gemacht, wenn sie eines Tages defekt ist? Auf ein Boot gehieft und danach mit einem Taxi zum kommunalen Entsorgungsunternehmen chauffiert? Wohl kaum. Mein Gastonkel Rolando sagt, noch vor zehn Jahren hätte es im Río Yorkín kein einziges Stück Plastik gegeben. Immer mehr Nahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Milchpulver und Maggi-Suppen werden dazugekauft. Traditionelle Kleidung gibt es im Dorf überhaupt nicht mehr. Stattdessen wird „ropa americana“, gebrauchte Kleidung aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die in den Städten verkauft wird, getragen. Umweltzerstörung und Verlust der eigenen Kultur scheinen Hand in Hand zu gehen. Eben jener Onkel erzählte mir, von den 24 Dörfern der Bribri, die es auf Costa Ricas atlantischer Seite gebe, hätten sieben ihre Kultur zum größten Teil verloren, 16 zumeist abgelegenere Dörfer seinen sehr ursprünglich geblieben. Yorkín liege dazwischen, sei aber auf einem schlechten Weg. Oft wird gekontert, das wäre der Wille dieser Völker. Die Zukunft der Ethnien läge in ihrer eigenen Hand. Wie viel Freiwilligkeit steckt jedoch in ihrer Assimilierung? Inwieweit ist es in den verhältnismäßig kleinen Reservaten noch möglich, nomadisch zu leben? Muss man sich nicht eingestehen, dass die Ressourcen des Landes zu großen Teilen in den Händen der Europäischstämmigen liegen und Costa Rica einer Gesellschaftsordnung unterworfen ist, die nicht die der ursprünglichen, rechtmäßigen Bevölkerung ist? Ein nur scheinbar selbstbestimmbarer Lebensweg ist umsäumt von äußeren Zwängen.

Wer nach der Bribri-Kultur sucht, der findet sie. Vielleicht weniger bei einer Tagestour, als bei einem einmonatigen Aufenthalt, weniger bei Kleidung und Musikgeschmack und eher in Kosmovision, Ehrfurcht vor der Natur, einer überzeugenden Naturheilkunde und einer Kultur des „Genug“.

Nein, ich mache dem Touristen keinen Vorwurf, aber ich glaube, dass sich an ihm zeigt, was in vielen von uns vorgeht. Wir stehen sogenanntem Fortschritt und kultureller Assimilation durchaus kritisch gegenüber, aber projizieren unsere stillen Wünsche lieber auf indigene Gemeinschaften wie die der Bribri, als sie in unsere eigene Gesellschaft zu tragen. Sie scheinen uns aufgrund der quantitativen Größe dieser Völker und ihres vergleichsweise geringen Maßes globaler Anpassung dort einfacher zu realisieren. Auch kommt uns die Kultur der Bribri verletzlicher, weniger widerstandsfähig gegenüber Assimilationsdruck vor.

Ich denke, dass es sich nicht nur um unserer Glaubwürdigkeit Willen lohnt, diese Kritik auf die eigene Gesellschaft zu übertragen und sie im eigenen Umfeld zu üben. Denn was wissen junge Menschen in Deutschland heute noch über einheimische Heilpflanzen? Ist es erfreulich, dass man nicht sagen könnte, ob ich mit meinem Auftreten und Äußeren in Australien, Argentinien oder Deutschland aufgewachsen bin?

Für mich stellt sich die Frage, welchen Wert kulturelle Diversität hat. Ihre Ästhetik ist im Grunde Konsens und wird uns überall entgegengehalten, sei es im Reisebüro oder im Schulbuch. Gleichzeitig wird nicht pfleglich mit ihr umgegangen. Sie schmilzt heute schneller dahin denn je und das auch, nein besonders dort, wo sie als Aushängeschild dient - in den Metropolen der westlichen Welt.

*Namen geändert

Bilder  und Text: Paul Scheytt

Grafik: www.taringa.net

Bildergalerie: 

Wohnsituation der Menschen in Yorkín

© Paul Scheytt

 

Mein Gastonkel Marlon erklärt einer Touristin Pfeil und Bogen

© Paul Scheytt

 

In Rottönen die Bribri-Reservate, der gemusterte Keil markiert die Lage von Yorkín

© www.taringa.net

 

 

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