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Der Blick über den Tellerrand: Schulessen einmal anders

Von Stig Tanzmann am 15.01.2013 - 18:00
Stig TanzmannReferent für Landwirtschaft
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Es wird gerne gegessen, was auf den Tisch kommt: Lebensmittel aus der Region, geerntet von Kleinbauern und -bäuerinnen, bereichern den Speiseplan an Brasiliens Schulen.

Ein Blick über den Atlantik kann für die Schulessensdebatte in Deutschland und Europa sehr aufschlussreich sein. Brasilien macht seit Jahren vor, wie ein anderer Weg in der Schulverpflegung aussehen kann. Dort wird ein auf und Regionalität uns Saisonalität basierendes Schulessensprogramm landesweit erfolgreich mit der Wiederbelebung der ländlichen Räume und der kleinbäuerlichen Familienlandwirtschaft verknüpft. Dieses Programm ist eine der Grundlagen, die es Brasilien in den letzten Jahren möglich machte, das immer noch relevante Hungerproblem massiv zu reduzieren.

In Deutschland ist viel zu wenig ist über die Alternativen zu den agrarindustriellen Soja- und Zuckerrohrproduktionssystemen bekannt, die von der brasilianischen Zivilgesellschaft erarbeitet und erkämpft wurden und seit der Regierungsübernahme durch die Arbeiterpartei im Jahr 2003 brasilienweit von der Regierung unterstützt werden.

Eine dieser Alternativen ist das Schulessensprogramm. Aufbauend auf Erfahrungen die, unter anderem von der Brot für die Welt Partnerorganisation CAPA (Centro de Apoio ao Pequeno Agricultor) in den 1990iger-Jahren erst in der Gemeinde Peolotas und dann im Bundesstaat Rio Grande de Sul, gemacht wurden sind heute die Gemeinden in Brasilien verpflichtet 30 Prozent des Schulessens von Kleinbauern aus der Gemeinde und aus agrar-ökologischer Produktion zu beziehen. In einigen Gemeinden sind es inzwischen sogar 100 Prozent. Dieses „neue“ Schulessensprogramm hat eine Vielzahl von positiven Folgen für die Schüler, die Produzenten, aber auch für die Gemeinden. Einige Verlierer gibt es allerdings, es sind die großen Caterer und das Agrobusiness, ihnen gehen Absatzmärkte verloren.

Was bedeuten Schulessensprogramme für die Schüler und Eltern?

Die Schüler bekommen ein regional und saisonal angepasstes Essen, das gerade im ländlichen oder kleinstädtischen Raum direkt an den Schulen zubereitet wird. Das Essen ist somit frisch und nährstoffreich und im besten Fall essen die Kinder Gemüse und Obst, das ihre Eltern angebaut haben. Natürlich ist es nicht immer einfach die regionale Vielfalt den Schülern schmackhaft zu machen. Zu Beginn des Programms war es für viele Kinder ungewohnt wieder grünes und frisches Gemüse zu essen. Diese Schwierigkeiten sind aber heute durch Bildungsmaßnahmen bei den Schülern und bei den KöchInnen größtenteils überwunden. Letztlich bleibt für die Schüler ein gesundes Essen, zu dem sie auf vielen Ebenen Bezug aufbauen können.
Dieses Essen ist darüber hinaus kostenlos, denn der brasilianische Staat setzt bei der Überwindung von Armut und Hunger unter anderem auf die Kombination Bildung und Schulessen. Das kostenfreie Schulessen ist eine große Motivation für die Eltern ihre Kinder zur Schule zu schicken, denn einerseits bekommen die Kinder so ein gutes Essen und andererseits hängen alle weiteren staatlichen Sozialleistungen am regelmäßigen Schulbesuch der Kinder. Insgesamt garantiert das System den Kindern so auch eine gute schulische Grundbildung und damit einen einfacheren Weg aus der Armut.

Was bedeuten Schulessensprogramme für die KleinbäuerInnen in Brasilien?

Für die kleinbäuerliche Familienlandwirtschaft entsteht mit den Schulessensprogrammen erstmals ein verlässlicher Absatzmarkt. Über diesen Absatzmarkt können die Kleinbauern endlich die ganze Bandbreite ihrer Produkte absetzen und sind nicht mehr in der Spezialisierungsfalle gefangen. Ganz eindeutig entsteht so eine Alternative zu dem Anbau von Cash Crops wie Soja und Tabak, deren Anbau auf Grund der Economics of Scale und dem hohen Pestizideinsatz ruinös geworden ist.

Es sind besonders die sehr kleinen oder stark differenzierten Betriebe, mit ihrer reichen Agrarbiodiversität, die besonders von den Schulessensprogrammen profitieren. Endlich können sie auch ökonomisch von der für die Ernährungssouveränität notwendigen Vielfalt leben. Die Möglichkeit nun auch mit kleinen Betrieben einen Weg zu bescheidenem Wohlstand und guter Bildung für die Kinder finden zu können, kombiniert mit weiteren staatlichen Unterstützungsmaßnahmen, hat gerade in Süd-Brasilien zu einer Wiederbelebung des ländlichen Raumes geführt.

Was bedeuten Schulessensprogramme für die Gemeinden und den Staat?

Die Gemeinden und der Staat haben sicher einen gewissen logistischen und finanziellen Mehraufwand, denn sie müssen die Ressourcen bereithalten, damit das Schulessensprogramm funktioniert. Demgegenüber stehen aber viele positive Effekte, auch wirtschaftliche. Von der Wiederbelebung der ländlichen Räume und der Stärkung der Vielfalt der dortigen Wirtschaft profitieren natürlich die Gemeinden. Der Staat profitiert von steigenden Steuereinnahmen und konstanten oder sich reduzierenden Sozialausgaben. Wichtig sind die Gesundheitsausgaben, die sich einerseits dadurch reduzieren, dass Mangelernährung im Sinne von Unterernährung vorgebeugt wird und andererseits indem Fehlernährung durch gutes nahrhaftes Essen vorgebeugt wird. Weiter verbessert sich der Bildungsstand der Gesellschaft. Gute Bildung macht es den Kindern einfacher eine Arbeit zu finden und zumindest den staatlich garantierten Mindestlohn zu verdienen, der in Brasilien ausreichend ist bescheidenen Wohlstand zu erlangen.

Was könnten Deutschland und Europa vom brasilianischen Schulessensprogramm lernen?

Der wichtigste Punkt den es noch besser zu analisieren und verstehen gilt ist wie es in Brasilien gelingt mit den Schuleessensprogramm ländliche Räume wieder zu beleben oder zu stärken. Viele Probleme die den deutschen und europäischen ländlichen Raum plagen könnten mit „neuen“ Schulessensprogrammen angegangen werden. Der Verlust an Agrarbiodiverstiät könnte endlich gestoppt werden.

Viel wichtiger noch es würde eine Perspektive für all die Betriebe geschaffen, die in den nächsten Jahren dem Strukturwandel zum Opfer zu fallen drohen. Gerade für Staaten wie Bulgarien und Rumänien würden dies ganz neue Entwicklungsperspektiven eröffnen. Auch für die Krisenstaaten in Südeuropa wie Griechenland wären diese neuen Programme extrem attraktiv. Vor allem für die jungen Menschen, die es angesichts der katastrophalen städtischen Situation wieder aufs Land zieht. Diese Menschen brauchen ein Modell, das ihnen eine Perspektive auf dem Land eröffnet. Mit auf Kleinbauern ausgerichteten Schulessensprogrammen könnte dies möglich sein. Gleichzeitig bietet die notwendige Anbauvielfalt ungeahnte Möglichkeiten auf den sich gerade für Südeuropa negativ ankündigenden Klimawandel zu reagieren.

Aber zurück auf unseren eigenen Teller. Welche Sogwirkung für eine nachhaltige kleinbäuerliche Landwirtschaft könnte Berlin mit neuen Schulessensprogrammen entfalten? Gerade Berlin, die Insel im weiten ländlichen Raum Ostdeutschlands könnte massiv die Wiederbelebung des dortigen ländlichen Raums fördern.

Leider steuert die europäische Agrarpolitik immer noch in eine andere Richtung. Es wird weiter auf Wachstum und „Wettbewerbsfähigkeit“ gesetzt, denn auf nachhaltiges Wirtschaften mit dem vorhandenen Land. Auch die Schulessensprogramme werden größtenteils, dies gerade  in Deutschland den großen multinationalen Caterern und dem Agribusiness überlassen.

Wir alle können dies ändern. Im Großen politisch und im Kleinen privat indem wir wann immer möglich ein anderes, ein für alle nachhaltiges Schulessen einfordern.

Bildergalerie: 

Regional und überschaubar: Auf solchen kleinen Feldern wächst das Schulessen für viele brasilianische Schülerinnen und Schüler.
Die kleinen Bauern und Bäuerinnen können beim "neuen" Schulessen punkten - Verlierer sind die großen Caterer und Agro-Produzenten.

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