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Deutsches Lieferkettengesetz hilft auch in Serbien

Brot für die Welt ist Teil der Initiative Lieferkettengesetz und setzte sich für rechtlich verankerte Sorgfaltspflichten ein. Wir haben mit unsere Partnerorganisation CPE in Serbien gesprochen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Textil- und Schuhproduktion einsetzt.
Von Online-Redaktion am 22.11.2019 - 13:52
Online-Redaktion

Bojana Tamindzija und Stefan Aleksic im Interview
Bojana Tamindzija und Stefan Aleksic im Interview

In Serbien arbeiten rund 100.000 Menschen in der Schuh- und Textilbranche. Wie muss man sich die Arbeitsbedingungen vorstellen?

Die Arbeitsbedingungen sind oftmals sehr schlecht sind. Wir haben Fälle dokumentiert, in denen die Temperaturen in den Fabriken so hoch sind, dass die Arbeiterinnen in Unterwäsche arbeiten, um die Hitze einigermaßen zu ertragen. Es gibt keine Ventilatoren, keine Klimaanlagen. Auch die Toilettengänge sind stark limitiert. Die Arbeiterinnen und Arbeiter dürfen nur in der Pause auf Toilette gehen – andernfalls müssen sie geradezu darum betteln. Es gab einen Fall, da haben Aufseher Frauen in einer Schuhfabrik dazu geraten, Windeln zu benutzen.

Außerdem ist der Lohn sehr gering. In Serbien klafft eine große Lücke zwischen dem gesetzlichen Mindestlohn und dem geschätzten existenzsichernden Basis-Lohn.

Warum arbeiten Menschen unter so schlechten Bedingungen?

In Serbien haben wir sehr viele Arbeitsplätze verloren. Von 2001 bis 2009 ist allein die Zahl der Industrie-Arbeitsplätze um 60 Prozent gesunken. Das bedeutet: Viele Menschen wurden ohne Arbeit und ohne jegliche Aussicht auf einen neuen Arbeitsplatz zurückgelassen. Die meisten waren um die 50 Jahre alt. Das war der perfekte Zeitpunkt für Unternehmen, sich dort niederzulassen und die Menschen unter sehr schlechten Bedingungen anzustellen. Nach dem Motto: Diese Arbeit oder keine.

Deutsche Unternehmen profitieren von diesen Verhältnissen und müssen keine juristischen Konsequenzen fürchten. Brot für die Welt möchte das ändern, indem Deutschland das Lieferkettengesetz erlässt. Was würde dieses Gesetz an der Situation in Serbien ändern?

Wir setzen große Hoffnungen in das Gesetz– auch die Gewerkschaften hier. Erst einmal zeigt es, dass unsere Arbeiterinnen hier wahrgenommen werden. Sie merken: Hey, da ist jemand, der setzt sich für meine Rechte ein. Für viele der Arbeiterinnen ist es sehr schwer, sich selbst aus ihrer Lage zu befreien und auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sie sind abhängig von der Arbeit in der Textilfabrik und kämpfen darum, überhaupt über die Runden zu kommen.  Zum Zweiten ist es so, dass die serbische Justiz sehr langsam arbeitet. Am wichtigsten ist für sie, dass sie dann einen Mechanismus haben, um die Probleme richtig zu adressieren, und das heißt, dass es über die einzelne Textilfabrik hier in Serbien hinausgeht. 

Was bedeutet ein Lieferkettengesetz für die Unternehmen?

Ich hoffe sehr, dass es Unternehmen dazu bringt verantwortungsvoller zu handeln. Dass sie verstehen und akzeptieren, für ihre Lieferkette Verantwortung zu übernehmen. Sie sind bereits sehr gut darin, die Qualität der Produkte zu überprüfen. Wenn die Produkte nicht ihren Vorstellungen entsprechen, werden sie nicht akzeptiert und sie bezahlen nicht. Wenn sie aber in der Lage sind Produkte zu kontrollieren, dann müssen sie auch in der Lage sein Arbeitsbedingungen zu kontrollieren und dafür Verantwortung zu übernehmen.

Was könnt ihr als Partnerorganisation von Brot für die Welt tun?

Wir versuchen die Arbeiterinnen und Arbeitern zu ermuntern ihrer Stimme zu erheben. Wir veröffentlichen Berichte über die Arbeitsbedingungen und stehen ihnen bei. Es hilft ihnen sehr zu wissen, dass jemand für sie da ist, ihnen jemand zuhört und sie wahrnimmt. Es gibt ihnen Kraft zu wissen, dass andere sich für sie einsetzen. So ist klar, dass sie nicht allein sind.

Die Initiative Lieferkettengesetz will, dass Betroffene oder ihre Angehörigen auch vor deutschen Gerichten Entschädigungen einklagen können, wenn ein Unternehmen seine menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten nicht nachgekommen ist. Könnte das die Arbeiterinnen in Serbien retten?

Ich denke, sehr viele Arbeiter in der Textilindustrie haben noch nie etwas von unserer Organisation gehört. Es ist sehr schwer, sie zu erreichen und zu informieren. Auch wir haben nicht genug Geld, zu allen zu reisen und ihnen zu helfen. Wir können ihre Probleme auch nicht sofort lösen, wir können sie nur mit Gewerkschaften und Anwälten in Kontakt bringen und mit anderen Betroffenen. Wir möchten ihnen Mut zusprechen, sich gegen die Zustände zur Wehr zu setzen. Ihnen Wege und Möglichkeiten aufzeigen. Das ist der Kern unserer Arbeit, sie auf ihre Rechte aufmerksam zu machen, und die Probleme der Öffentlichkeit bewusst zu machen.

Andere Länder wie Frankreich, die USA, Großbritannien und die Niederlande haben schon ein Lieferkettengesetz. Hat das Auswirkungen auf ihre Arbeit ihr?

Oh ja, generell haben diese Regelungen Auswirkungen auf die Kampagne für saubere Kleidung. Konkret in Serbien gibt es allerdings nicht viele Marken aus Frankreich oder den Niederlanden, die hier produzieren. Die meisten Firmen, die hier produzieren, sind aus Italien und Deutschland. Insgesamt kommen aus diesen beiden Ländern 90 Prozent der hier produzierenden Unternehmen.

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