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Im Epizentrum

Von Freiwilligenjahrgang 2017-18 am 11.07.2018 - 11:30
Freiwilligenjahrgang 2017-18

Müllsammelaktion in einem Park unweit von Tbilisi

Ich sitze da und skype gerade mit meinen Eltern, da geht ein starker Ruck durch die Wohnung, die Glühbirne an der Decke schaukelt hin und her. So plötzlich, wie es angefangen hat, ist es auch schon wieder vorbei und trotzdem erschrecke ich mich gewaltig. „Nimm Reisepass, Handy, Portemonnaie und mach, dass du rauskommst!“, höre ich durchs Telefon. Gesagt, getan. Nun stehe ich draußen vor meinem auf seine eigene Art bezaubernden 70-er-Jahre-Block sowjetischer Bauart und warte, ob es vielleicht noch einmal bebt. Ich bin die Einzige auf der Straße. Mariam, meine georgische Mitbewohnerin, guckt aus dem Fenster und fragt sich wahrscheinlich, warum zum Teufel ich so einen Aufstand mache, so ein kleines Beben passiere hier schließlich nicht zum ersten Mal. Meine Eltern rufen nochmal an – es hat sich herausgestellt, dass es im Nordwesten Aserbaidschans tatsächlich ein Erdbeben der Stärke 5,3 gegeben hatte, was ja schon eine recht beachtliche Stärke ist. Nach einigen Anrufen, u.a. mit Johann, einem Freund und Mitfreiwilligen, der an der Grenze zu Aserbaidschan wohnt, aber zum Glück auch nicht zu Schaden gekommen ist, gehe ich wieder herein und bin froh, dass Tbilisi nur für diese eine Sekunde durchgerüttelt worden ist.

Nichtsdestotrotz fühle ich mich in der letzten Zeit manchmal wie im Epizentrum eines Erdbebens. Natürlich nicht wortwörtlich, doch vieles war los und vieles rüttelte diese Stadt wach, die für mich fast schon ein Jahr mein Zuhause ist. Abgesehen von meinem Privatleben, in dem es auf die letzten Meter wegen der wegrennenden Zeit turbulent zugeht, befindet sich hier vieles – politisch und gesellschaftlich – im Wandel. Auch Ana, meine zweite Mitbewohnerin, kommentierte neulich, dass man, wenn man gegenwärtig für eine Woche nach Georgien reise, drei Revolutionen miterleben könne. Und die Rustaveli-Avenue, Tbilisis Hauptstraße und Sitz des Parlaments, sei dabei unentwegt abgesperrt. Revolution mag übertrieben sein, aber totzdem konnte man sich hier in den letzten Monaten wirklich nicht wie in einem vermeintlich unbedeutendem Land fühlen, sondern eher wie ein Zeuge spannender Beispiele des größtenteils positiven und fortlaufenden Entwicklung Georgiens, eines Transformationslandes im steten Wandel: Schritt für Schritt – manchmal vorwärts, manchmal rückwärts – geht es von Korruption zu Transparenz, von Polizeigewalt zur Macht der Stimme des Volkes, vom kaum ausgebauten Sozialstaat und wirtschaftlicher Schwäche zu bis jetzt keinen großen Veränderungen, aber wenigstens zu Protesten, die allgemeine Aufmerksamkeit erregen. Von immenser Umweltvermutzung zu einem System, das für Nachhaltigkeit sorgen soll. Der letzte Punkt betrifft direkt meinen Einsatz beim CENN (Caucasus Environmental NGO Network), einer der einflussreichsten Umweltschutzorganisationen im Südkaukasus.

Bei CENN arbeite ich bereits seit Januar im Programm Waste Management Technologies in Regions, kurz WMTR genannt. Dieses hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Abfallentsorgung in Georgien genauer auszuwerten und auf dieser Grundlage einen nachhaltigen Plan für die nächsten Jahre zu entwickeln. Mit Erfolg: Einige Kollegen von mir sind gegenwärtig Berater für einen Aktionsplan der georgischen Regierung, die 2019 landesweit ein System der Mülltrennung einführen möchte, das bislang so nicht vorhanden ist. Zwar gibt es in Städten Mülltonnen, in die unterschiedslos alles hineingeworfen wird. Für mich als Deutsche, die an ein sehr fortgeschrittenes Mülltrennungssystem gewöhnt ist, ist es auch noch nach einem Jahr in Georgien nicht mit meinem Gewissen vereinbar, Plastik, Essensreste und Kosmetika in einer Tonne zu entsorgen. Vor allem bei Glas und Papier, die beide wunderbar recycelt werden können, ist es ein großer Verlust. Auf Dörfern gibt es oft keine einzige Mülltonne und daher müssen die umliegenden Wälder, Flüsse und Tiere an den hauptsächlich gefährlichen Plastikmüll glauben.

CENN hat einige wenige sog. Recycling Corner in Tbilisi aufgestellt, die jedoch in dieser riesigen Stadt eher als Exempel dienen, statt reale Entlastung zu bringen. Meine Hauptaufgabe ist es, an verschiedenen Schulen Vorträge zu halten und Workshops/Trainings durchzuführen – meist sogar auf Deutsch, das hier von vielen Schülern gelernt wird. Das gibt mir die Möglichkeit, Vorträge zur Müllproblematik und vor allem zur Plastikverschmutzung im Rahmen des Deutschunterrichts in meiner Muttersprache zu halten. Die Schüler sind meistens motiviert und sehen ihren persönlichen Anteil im Konsum von Plastikprodukten, was mich jedes Mal beeindruckt. Fast immer stelle ich die Frage, ob sie denn wüssten, dass in Georgien 2019 die Mülltrennung eingeführt werden soll. Die Antwort lautet in 95% der Fälle Nein. Und genau hier setzt die zweite „Säule“ des WMTR-Programms an, das Schaffen eines Umweltbewusstseins – für mich der interessanteste Teil meines Einsatzes beim CENN. Denn wie soll das System in schon einem Jahr funktionieren, wenn diese Information noch gar nicht öffentlich ist und viele sich noch nie über dessen Bedeutsamkeit für Natur und Gesundheit Gedanken gemacht haben? In Deutschland ist es ja nicht zwingend anders. Zwar funktioniert Recycling wunderbar, aber trotzdem gehören die Deutschen zu den größten Müllproduzenten der EU, viele konsumieren nach dem Prinzip „aus den Augen, aus dem Sinn“.

Wir gehen hauptsächlich in Schulen, leiten Trainings und Workshops. Nicht selten gab es auch lustige Wettbewerbe und Sketche, bei denen wir die fiktive Recyclingpolizei und Umweltsünder spielten, um Kindern zu erklären, was in welche Tonne gehört. Am Tag der Erde am 22. April sowie zu anderen Anlässen veranstalten wir Müllsammelaktionen, zu denen wir Schüler und Studenten einladen. Die ungeheuren Mengen an Einwegplastik in Parks und Wäldern schockieren mich dann immer wieder, jedoch lässt mich die Reichweite u.a. dieses Projektes auf eine etwas saubere und dadurch gesündere Zukunft hoffen. Und mögen diese Aktionen auch nicht im Fokus der allgemeinen Öffentlichkeit stehen, sind sie dennoch wesentlich für die nächsten Generationen.

Wenn etwas in letzter Zeit die Öffentlichkeit wachgerüttelt hat, ist es das „Bassiani“, der georgienweit beliebteste und auch international hoch anerkannte Technoclub im Untergeschoss einer Sportarena. „Bassiani“ bedeutet für viele progressive junge Leute nicht nur ausgelassene Party, sondern auch einen Rückzugsort von einer allgemein noch sehr konservativen, homophoben Gesellschaft und das freie Ausleben ihres weltoffenen, toleranten Lebensstils durch Tanz, Techno und die Begegnung mit Gleichgesinnten. Dazu gehören leider auch nicht selten illegale Partydrogen, die in den letzten Monaten für fünf Drogentote verantwortlich waren. Diese Drogen sind auch der (offizielle) Grund, weshalb Mitte Mai bis an die Zähne bewaffnete Spezialeinheiten die Freitagsveranstaltung stürmten, auflösten und einige Leute festnahmen. Was zunächst wie harte, aber logische Konsequenz erscheint, wies jedoch einige Ungereimtheiten auf. So wurden die verdächtigten Drogendealer bereits vor dem Polizeieinsatz ausfindig gemacht und festgenommen. Der Polizei liegt eine genaue Liste von allen Drogendealern vor, weshalb der Einsatz generell als unverhältnismäßig brutal bzw. als Denkzettel gegen die Liberalität und Toleranz des Clubs wahrgenommen wurde. Nachdem sämtliche Partygäste nach draußen getrieben worden waren, formierte sich ein lauter Protest auf der Straße. Unterdessen konnten die vermeintlich gesuchten Drogendealer mit Leichtigkeit entkommen, was Bände über die organisatorische Seite des Einsatzes spricht. Ich war mit ein paar Freunden eingekesselt mittendrin, da wir gerade von einer anderen Party zurückkehrten und am „Bassiani“ haltmachten, um uns ein Bild von der Situation zu machen. Es war chaotisch und laut, berauschend und beängstigend zugleich.

Die größte Demonstration fand jedoch am Tag danach statt. Menschenmassen sammelten sich vor dem Parlament in solchen Mengen, dass die Hauptstraße gesperrt werden musste. Der Protest nahm die Form eines riesigen Raves an, größtenteils junge Menschen tanzten zu Technobeats bis in die späten Abendstunden. Ich schloss mich diesen letztendlich nicht an, da die Forderungen der Demonstranten anfänglich sehr unklar waren. Und obwohl die Polizei willkürlich gehandelt hat, darf ein für seine Drogen bekannter Club natürlich kein rechtsfreier Raum sein. Mittlerweile verhandelt eine NGO, die sich für die Liberalisierung der Drogenpolitik und gleichzeitig für Entzugs- und vor allem Aufklärungshilfe einsetzt, mit der georgischen Regierung, die mittlerweile eingestanden hat, dass der Polizeieinsatz unverhältnismäßig groß gewesen ist. Das „Bassiani“ lässt seine Bässe nach einigen Wochen Pause weiter laut dröhnen und macht mehr denn je deutlich, dass Menschen jeder Herkunft und Sexualität herzlich willkommen sind, Drogen jedoch fernbleiben sollen.

„Weiter“ ging es Anfang Juni mit dem Streik der Metrofahrer in Tbilisi. Dieser legte wortwörtlich die gesamte Stadt lahm. Das schon zuvor unkontrollierbare Verkehrschaos wurde zur Verkehrshölle, die U-Bahn hier das schnellste und verlässlichste Verkehrsmittel, mit dem fast alle zur Arbeit oder Schule gelangen, ich selbst auch. Anstatt 45 Minuten brauchte ich nun von meiner Haustür zum Büro fast zwei Stunden mit Bus, Taxi, zu Fuß und kam schweißüberströmt im Büro an. Der Protest artete sogar in einem Hungerstreik aus, was einem zunächst krass erscheinen mag, ging es doch lediglich um eine Gehaltserhöhung, aber verständlich wird, wenn man liest, dass der Stundenlohn eines Fahrersgerade einmal zwei Euro beträgt, für die er die Hälfte seines Lebens im Untergrund verbringt. Hinzu kommt, dass die alte Metro so laut dröhnt wie ein Kampfflugzeug, Schwermetalle freigesetzt werden usw. Letztendlich wurde mit den Forderungen an den Bürgermeister nichts erreicht. Außer vielleicht, dass alle merkten, wie angewiesen wir auf die unwürdig bezahlten, stillen Helden des Alltags sind.

Und noch ein weiteres Mal bebte Tbilisi. Es schien, als hätte sich das ganze Land wegen des Mordes an zwei Jungen im Dezember 2017 solidarisiert und die Parteien dies für ihre politischen Zwecke missbrauchten. An einer Schule in Tbilisi hatte es am helllichten Tage eine brutale Messerstecherei unter Schülern gegeben. Zwei Tatverdächtige, für deren Anklage viele Beweise sprachen, wurden festgenommen, jedoch beschloss das Stadtgericht von Tbilisi, keinen der beiden Minderjährigen schuldig zu sprechen. Der Prozess geriet in Vergessenheit – bis der Vater eines der ermordeten Jungen eine Protestaktion ins Leben rief. Die Staatsanwaltschaft habe möglicherweise Beweise beiseitegeschafft und ignoriert, so dass es heute – ein halbes Jahr später –  immer noch keine offiziell Angeklagten gibt. Die gewaltige Protestwelle führte zum Rücktritt des Generalstaatsanwalts. Zugleich wurde eine Kommission eingesetzt, die den Fall nun endgültig professionell prüfen soll, so dass die Angehörigen nach diesem schrecklichen Verbrechen ihren Frieden finden können und das Volk der georgischen Justiz wieder vertrauen kann.

Diese drei Ereignisse waren neben Konflikten in der eigenen Partei auch verantwortlich für den Rücktritt des georgischen Premierministers Giorgi Kvirikashvili. Der neu für das Amt nominierte Kandidat, der Finanzminister, versprach Veränderung und bitternötige Lohnerhöhungen in jedem Arbeitssektor. Ob er diese Versprechen halten wird, lässt sich wohl erst in den nächsten Monaten und Jahren sagen. Salome, meine dritte Mitbewohnerin, meint beim Abendbrot: „Ach, das geht hier alles den Bach runter! Ein einziger Zirkusverein. Was denkst du denn darüber?“ Ich? Auch nach einem Jahr in einer georgischen WG und dementsprechend guten Einblicken in das Leben von drei jungen intelligenten Studentinnen und wie sie hier den Alltag meistern, sehe ich wohl trotzdem alles als Außenstehende und kann es nur interessant finden, was sich hier tut. Ich habe immer die Gewissheit im Hinterkopf, bald wieder zu Hause in Deutschland zu sein und habe dementsprechend nie wirklich darüber nachgedacht, was es bedeuten würde, für immer hier zu leben: in einem schwachen Sozialsystem, mit einem Durchschnittsgehalt von 200 Euro im Monat, mit dem Erbe eines festgefahrenen, vor wenigen Jahren noch blutigen Konflikts mit Russland? Würde ich immer noch die positiven Seiten sehen? Oder das Vertrauen an die Politik verlieren?

Diese Fragen stelle ich mir nun zumindest und so schnell werden sie mich auch nicht loslassen. In meine Gedanken dringt aber auch immer häufiger meine Rückkehr nach Deutschland. In genau einem Monat werde ich wieder zu Hause sein. Allein von der Tatsache, dass es noch genau 31 Tage sind, bin ich überwältigt. Und wie ich in meinem neuen Umfeld mit meiner Sehnsucht nach Georgien, mit dem sogenannten „reverse culture shock“ und meinen entwicklungspolitischen Erfahrungen umgehen soll, das weiß ich noch nicht so recht. Werde ich mich überhaupt wie zu Hause fühlen? Was macht dieses "zu Hause" eigentlich aus? Das alles muss sich wohl erst einmal nach und nach ordnen. Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie es mir gehen wird – und das macht mir Angst, denn normalerweise verrät mir mein Bauchgefühl immer so einiges. Auch vor Georgien hatte ich Angst, die aber durch unvergessliche Begegnungen und durch das Einlassen auf dieses Land aus dem Weg geräumt wurde.

Ich blicke auf eine Zeit zurück, die mir anfangs unerträglich unendlich vorkam und jetzt wie eine Sekunde in meinem Gedächtnis abgespeichert ist, nicht länger als das kleine Erdbeben vor ein paar Wochen – aber allemal intensiver, bunter und schöner.

Bildergalerie: 

Von den Schülern gestaltete Plakate

© Hanna Lietz

 

Eröffnung eines

© Hanna Lietz

 

Der Anfang der Proteste vor dem georgischen Parlament am 12. Mai. Einige Stunden später waren es noch viel mehr Demonstranten.

© Hanna Lietz

 

Während der Proteste wegen des Mordes an zwei Schülern, Anfang Juni.

© https://www.rferl.org/

 

Mein Wohngebiet von einem Aussichtspunkt betrachtet

© Hanna Lietz

 

 

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