Blog-Beitrag

Es sind die kleinen Dinge...

Im August ist Pauline in Kambodscha gelandet. Langsam tastet sie sich dort in ein neues Leben. Sie kennt jetzt die üblichen Preise der Marktfrauen, weiß, wo es die beste Süß-Sauer-Soße gibt, und wann sie auf ihrem Drahtesel Gas geben muss, um auf dem Weg die nächste Ampel bei Grün zu überqueren.
Von Klaus Ehrlich am 06.11.2018 - 12:16
Klaus EhrlichReferent Personalmarketing

Aber es sind vor allem die kleinen Dinge des Alltags, die sie immer wieder aufs Neue berühren:

… die eigenen, völlig fassungslosen Gesichter, als immer gute 15 Minuten vor Länderspielende eine Art Massenwanderung kambodschanischer Fans aus dem Olympiastadium startet, welche von meinen Arbeitskolleg*innen nur mit einem unbeeindruckten "Die möchten halt nicht zu spät zuhause sein" kommentiert wird.

… die so oft wie Sardinen in der Büchse gequetschten Tuk-Tuk-Fahrten, fünf Personen sich nebeneinander, übereinander auf die Rückbank quetschend. Der/die Sechste, halb vorn auf den Sitz des/der Fahrer*in gezwängt, halb mit dem Oberkörper aus dem Tuk-Tuk hängend und den/die Fahrer*in navigierend, der/die trotz Google Maps nicht wirklich einen Durchblick zu haben scheint und letztendlich doch immer ankommt.

… die erstaunten Blicke meiner noch schwitzenden Kolleg*innen im Büro, wenn ich meine Füße in die Kuschelsocken vergrabe und mich fest in die Strickjacke einmumme, meine Finger bereits von der eiskalten Luft der dauerhaft ratternden Klimaanlage eingefroren. Stetig begleitet von Anmerkungen wie "Du kommst doch aus dem kalten Deutschland. Da musst du sowas doch gewohnt sein?"

... die von einem auf dem anderen Tag plötzlich die Straßenseite einer Hauptstraße blockierenden Festzelte. Innen alle bunt, umher wuselnd, singend, essend und vor dem Eingang noch für eins der hinterher mindestens 104 Facebook-Fotos posierend, bildet sich unterdessen rundherum ein Verkehrschaos aus hupenden SUVs, schreienden Tuk-Tuk-Fahrern und sich zügig durch die Masse schlängelnden rechtsüberholenden Motos, die dann doch irgendwann in der Menge stecken bleiben.

… die anfänglichen gutherzigen Erklärungsversuche unserer Vermieterin, mit weiten Gesten auf Khmer losquatschend, uns mutmaßlich die generelle Funktionsweise der Waschmaschine zu erläutern, zwischendurch immer wieder auf die tausenden von blinkenden Knöpfe zeigend. Während wir völlig überfordert, mit großen Augen dreinblickend, neben ihr stehend, kein Wort verstehen, aber alle nett lächeln und nicken.

… die knallig, in allen Farben des Regenbogens leuchtenden und mit Aufdrucken von Hello Kitty bis Winnie Puh versehenden Schlafanzüge, in denen hier vom Sonntagseinkauf auf dem Markt, über die tägliche Arbeit im Familienrestaurant, bis hin zum Friseurbesuch alles erledigt wird.

....das schlagartige Aufsummen der über einhundert Motos, wenn die Ampel in der Rushhour wieder auf grün schwenkt und sich der Bienenschwarm allmählich in alle Himmelsrichtungen aufteilt. Begleitet von den lauten Stimmen der Kambodschaner*innen, das Smartphone mal eben unter den Helm geklemmt. Ebenso wie dem Piepen der neongrünleuchtenden Nindendo-DS ähnlichen Geräte, auf die zwei Kinder, zwischen ihre Eltern auf das Moto geklemmt, abwechselnd wild einhauen.

… die eigenen, übereifrigen, wahrscheinlich sehr hilflos aussehenden Versuche, auf die kleinen roten Hocker des Nachtmarkts gezwängt, den diesmal irgendwie nicht allzu klebrigen Reis mit Gemüse, wie wir glaubten, „local-style“ mit Stäbchen zu Essen, während uns eine Kambodschanerin, fast einen Lachanfall bekommend, wortlos, dafür aber umso breiter grinsend, zwei Löffel herüberreicht und uns später verständlich macht, dass kein Local diesen Reis jemals so essen würde.

...die von Google Maps vorgeschlagene Fußgängerroute, die wir mit unseren Fahrrädern anstatt der ständigen Hauptstraßen erobern wollen und plötzlich auf einer sehr miefigen Müllkippe am Rande eines Stinky Rivers landen, zu beiden Seiten verschlissene Kleidung, Taschen, Schuhe, diverse vergammelte Lebensmittel und Baumaterialien gestapelt. Mutig durch die vom Regen völlig durchweichte Sandstraße kämpfend, helfen uns zwei sichtlich amüsierte Kambodschaner mit ihren Motos wieder zurück auf die Hauptstraße, die wir beschließen, diesmal doch nicht zu verlassen.

...die schon wieder von Ameisen durchwanderten Baguette auf unserer Küchenablage, die von meiner Mitbewohnerin nach vier Wochen ganz unbeeindruckt mit dem Kommentar "ach, was soll's, zusätzliche Proteine" verspeist werden.

Es sind die kleinen Dinge, die einen nach zwei Monaten immer wieder schmunzeln lassen, und die einen, anfangs noch so fremd, nun das wohlig warme und vertraute Gefühl eines neuen Zuhauses zaubern.

Text und Bilder: Pauline Knöpper

Bildergalerie: 

Auf dem Moped

© Pauline Knöpper

 

Das Mysterium Waschmaschine

© Pauline Knöpper

 

Ein neues Zuhause

© Pauline Knöpper

 

Einmal drum herum bitte

© Pauline Knöpper

 

Momentaufnahme von Phnom Phen

© Pauline Knöpper

 

 

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