Blog-Beitrag

Geschlechtergerechtigkeit

Die aktuelle Tendenz politisch rechter Strömungen, GeschlechtergerechGender Studies und Gender Mainstreaming als „Gender-Wahn“ zu ideologisieren, ist der Versuch, Erreichtes in Frage zu stellen. Trotzdem finden in vielen Ländern gesellschaftliche Veränderungen statt, die mehr Gerechtigkeit schaffen.
Von Carsta Neuenroth am 25.09.2019 - 12:32
Carsta NeuenrothReferentin für Gender
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Weltweit erwarten und fordern Menschen, dass es in den Gesellschaften, in denen sie leben, gerecht zugehen soll. Im Verständnis vieler Menschen herrscht Gerechtigkeit, wenn die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen ausgeglichen und einzelne Gruppen nicht bevorzugt werden. Das Gerechtigkeitsempfinden ist in der Regel geprägt von der Idee der Gleichheit beziehungsweise Gleichberechtigung aller Menschen, auch von Frauen und Männern. Dieser Gedanke ist in vielen modernen Verfassungen verankert. Männer und Frauen sind gleichberechtigt, heißt es beispielsweise im Grundgesetz (Artikel 3, Absatz 2).

In der Praxis sind die weltweit vorherrschenden Geschlechterverhältnisse jedoch geprägt durch ungleiche Machtverhältnisse und fest verankerte Wertehierarchien, die Männer und Jungen privilegieren. Besonders im Globalen Süden zeigt sich das beispielsweise in der Tatsache, dass Männer beim Land- und Erbrecht bevorzugt werden. In Honduras, Nigeria und Peru liegt die Zahl der Landbesitzerinnen bei unter 20 Prozent. In den meisten Ländern der Welt, einschließlich des Globalen Nordens, werden Männer für die gleiche Arbeit besser entlohnt als Frauen. In Deutschland beträgt der Abstand bei den Gehältern zwischen Frauen und Männern (Gender Pay Gap) 21 Prozent. Und wer wirft einem Mann Egoismus vor, wenn er seine Karriere verfolgt, obwohl er Kinder hat? In vielen Gesellschaften hingegen haben Frauen und Mädchen überhaupt keine Möglichkeit, selbstbestimmt zu entscheiden, was für ein Leben sie führen möchten. Die Haus- und Sorgearbeit, die Frauen und Mädchen weltweit zugeschrieben wird, und die sie in ihren Familien und Gemeinschaften leisten, wird weder gesellschaftlich noch wirtschaftlich anerkannt und wertgeschätzt. Das ist ungerecht.

Schön früh haben Frauen für gleiche Rechte gekämpft

Frauen wehren sich schon lange gegen diese Ungerechtigkeit. Ein frühes Beispiel ist Olympe de Gouges (1748 – 1793). Sie entwickelte sich während der Französischen Revolution zu einer leidenschaftlichen Verfechterin von Frauenrechten und wehrte sich dagegen, dass die Revolutionäre die weibliche Hälfte der Bevölkerung ausschlossen. 1791 verfasste sie die Erklärung der „Rechte der Frau und Bürgerin“ als Protest gegen die Männerprivilegien.

Seit vielen Jahrzehnten kämpfen Frauen weltweit für Geschlechtergerechtigkeit und dafür, Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts zu beenden. Frauenbewegungen waren und sind auf allen Kontinenten präsent. Sie agieren dementsprechend in ganz unterschiedlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Kontexten. Es versteht sich deshalb von selbst, dass sie durch eine Vielzahl unterschiedlicher Diskurse, Ziele und Positionen gekennzeichnet sind, die nie so zahlreich waren wie heute.

Zwischen Geschlecht und anderen Kategorien gesellschaftlicher Ungleichheit (Intersektionalität), die sich in Rassismus und Klassen- oder Kastendenken manifestieren, gibt es entscheidende Zusammenhänge. Vor allem die Bewegungen aus dem Globalen Süden haben diese Verbindungen hergeleitet und in die Diskussion eingebracht. Sie haben deutlich gemacht, dass es beispielsweise einer schwarzen oder einer indigenen Frau wenig nützt, gleichberechtigt zu sein, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe und ethnischen Zuschreibung trotzdem diskriminiert wird. Wer sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt, muss sich mit intersektionalen Zusammenhängen befassen, um der Komplexität des jeweiligen Kontextes gerecht zu werden.

Die internationale Gemeinschaft reagiert  

Die Frauenrechtskommission der Vereinten Nationen, die sich mit der Situation von Frauen und Mädchen befasst, tagt seit 1946 jährlich. Mit der Verabschiedung der Frauenrechtskonvention (CEDAW) 1979 verpflichtete sich die internationale Gemeinschaft, jede Form der Diskriminierung von Frauen zu beseitigen. Spätestens seit der Weltfrauenkonferenz von Peking 1995 ist es Frauenrechtsaktivistinnen gelungen, die Frauenrechtsagenda global zu verankern. Seitdem sind Forderungen nach Gleichberechtigung in zahlreichen Menschenrechtsinstrumenten verankert. Zahlreiche Forderungen, die Frauenbewegungen seit vielen Jahren artikulieren, sind 2015 im SDG 5 („Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen erreichen“) der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung aufgegriffen worden.

Geschlechtergerechtigkeit weiter denken

Geschlechtergerechtigkeit gilt auch für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*personen und intergeschlechtliche Menschen (LSBTI). Sie werden aufgrund ihrer sexuellen Orientierung beziehungsweise Geschlechtsidentität in vielen Gesellschaften benachteiligt, diskriminiert oder sogar kriminalisiert.

In zahlreichen Ländern in verschiedenen Teilen der Welt führten in den vergangenen Jahren besonders die Forderungen nach der Ehe gleichgeschlechtlicher Paare dazu, dass Gesetze entsprechend verändert wurden und so mehr Gleichberechtigung entstand. In Deutschland setzte das Bundeskabinett inzwischen eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2017 um und brachte einen Gesetzentwurf auf den Weg, der neben „männlich" und „weiblich" auch den Eintrag „divers" vorsieht, um intergeschlechtliche Menschen nicht länger zu diskriminieren. Gleiche Rechte schaffen Gleichberechtigung und ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe. Nur so kann eine Gesellschaft (Geschlechter-)Gerechtigkeit erreichen

Herausforderungen beim Engagement für Geschlechtergerechtigkeit         

Besonders Männer sind häufig der Meinung, dass Geschlechtergerechtigkeit vor allem eine Angelegenheit von Frauen sei. Das führt dazu, dass sich viele Initiativen der Entwicklungszusammenarbeit – das gilt auch für Projekte von Brot für die Welt – vorwiegend an Frauen richten. Männer verschließen sich zwar in der Regel der wachsenden Teilhabe von Frauen in Projekten und Programmen nicht. Doch sie stellen dabei ihre privilegierte Position als Männer nicht in Frage, sondern erwarten, dass sich Frauen und Mädchen an das bestehende patriarchal geprägte System anpassen. Geschlechtergerechtigkeit lässt sich jedoch nicht erreichen, ohne Macht umzuverteilen und Privilegien abzubauen.

Geschlechtergerechte Politik, die struktureller und institutionell verankerter Ungerechtigkeit auf allen Ebenen entgegenwirkt, stößt deshalb auf den Widerstand mächtiger Männer und führt immer wieder zu politischen Rückschlägen. Die Geschichte der Frauenbewegungen sowie anderer sozialer Bewegungen ist geprägt von solchen Erfahrungen. Die Tendenz politisch rechter Strömungen, Gender Studies und Gender Mainstreaming als „Gender-Wahn“ zu ideologisieren und zu bekämpfen, ist aktuell weltweit verbreitet. Trotzdem finden in vielen Ländern gesellschaftliche Veränderungen hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit statt.

Die Herausforderung besteht darin, das Erreichte auch nachhaltig zu gestalten. Menschen- und Frauenrechte müssen rechtlich verankert und konsequent durchgesetzt werden. Dafür setzen sich Brot für die Welt und seine Partnerorganisationen kontinuierlich ein.

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