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Islamistische Überfälle in Mosambik?

Wieder gibt es Tote in der mosambikanischen Provinz Cabo Delgado.
Von Charlotte Spiewok am 13.06.2018 - 16:11
Charlotte SpiewokProjektbearbeitung Südliches Afrika

In Namaluco, einem kleinen Ort im Distrikt Quissanga, sind am 06. Juni nachts sechs Menschen getötet worden. 200 Häuser sind bei diesem Überfall verbrannt. Dies war der vierte brutale Überfall in Cabo Delgado innerhalb von zwölf Tagen, in den ersten vier Monaten des Jahres gab es bereits 20 solcher Vorfälle.

Seit Oktober 2017 kommt es in Cabo Delgado zu Überfällen mit Toten, welche radikalen Islamisten zugeschrieben werden. Der erste Angriff dieser Art fand auf die Polizeistation in Mocimboa da Praia statt, bei welchem zwei Polizisten getötet wurden. Von den Anwohnern werden die Angreifer als Gruppe der Al-Shabaab bezeichnet. Die mosambikanische Polizei hingegen ist vorsichtig mit der Benennung der gewalttätigen Gruppierungen. Der Generalkommandant der Polizei, Inacio Dina, hält den Namen Al-Shabaab für irrelevant, da die Gruppenmitglieder diesen Namen nicht selbst nutzten und keine bekannten politischen oder religiösen Forderungen hätten - sie seien lediglich als Kriminelle zu bezeichnen.

Zu Recht, denn allen Anschein nach haben die Angriffe wenig mit Islamismus zu tun. Laut einer Studie des muslimischen Klerikers Saide Habibe und den Akademikern Joao Pereira und Salvador Forquilha sind Ende 2015 militärische Zellen (laut Studie höchstwahrscheinlich aus dem Dienst suspendierte mosambikanische Polizisten und Grenzsoldaten) in eine religiöse Gruppierung im Norden Mosambiks eingedrungen. Die Gruppe nannte sich zunächst Ahlu Sunnah Wa-Jama ("Anhänger der prophetischen Tradition"). Laut Pereira, Professor für Politikwissenschaft an der Eduardo Mondlane Universität in Maputo, besteht die Bewegung bereits aus mehr als 100 Zellen, obwohl die genaue Anzahl schwer zu bestimmen wäre. Gemäß der Studie zieht die Gruppierung perspektivlose Jugendliche an, die mit dem Versprechen auf ein Einkommen rekrutiert werden. Die Anführer haben Verbindungen zu religiösen, kommerziellen und militärischen Kreisen islamistisch militanter Gruppierungen in Tansania, Somalia, Kenia und der Großen Seen Region in Ostafrika. Ihre Operationen werden durch den Handel mit Rubinen, Elfenbein und Holz finanziert, Rohstoffe, welche in Fülle in Cabo Delgado vorhanden sind. Laut der Global Initiative Against Transnational Organised Crime ist die Region auch Umschlagplatz für Heroin geworden, welches per Schiff weiter nach Europa und Südafrika transportiert wird.

Weder Motivation noch Anzahl und Größe der beteiligten Gruppen sind bekannt. Klar ist allerdings, dass die mosambikanische Polizei und das Militär mit dieser für Mosambik neuen Situation überfordert sind. Mittlerweile arbeiten sie aber mit der tansanischen Polizei zusammen. Die Demokratischen Republik Kongo hat ebenfalls Unterstützung zugesagt, seitdem offensichtlich ist, dass Mosamikaner auch für islamistische Gruppierungen innerhalb der DRC  rekrutiert wurden: Drei Mosambikaner wurden von der kongolesischen Armee bei einem Gegenangriff auf islamistische Gruppierungen im Oktober 2017 festgenommen und repatriiert. Diese drei aus Cabo Delgado stammenden Männer sagten aus, dass tansanische bzw. burundische Scheichs ihnen ein Stipendium an einer Madrasa (Schule für islamische Wissenschaft) in Tansania versprochen hätten. Sie verließen Mosambik im August 2017 und endeten in einer Militärstation in Kongo. Mit der Aussicht auf Jobs und ein besseres Leben wurden auf ähnliche Weise Männer nach Tansania gelockt.

Partner von Brot für die Welt beobachten mit Sorge die Entwicklung der Attentate in der nördlichsten und einer der ärmsten Provinzen Mosambiks, Cabo Delgado. In Mosambik leben vor allem in der Küstenregion und im Norden des Landes christliche und muslimische Menschen ohne religiös motivierte Feindseligkeiten nebeneinander. Der Islam hat in Mosambik eine lange Tradition, die bis in das 10. Jahrhundert reicht. Werden die Attentate mit Islamismus in Verbindung gebracht, kann dies in Folge dazu führen, dass der Islam bzw. Muslime als bedrohlich empfunden werden. So wurden nach einem der Überfälle Ende Mai mindestens 300 Muslime vorübergehend festgenommen und mehrere Moscheen gezwungen zu schließen. Solch ein hartes Vorgehen könnte die Situation verschärfen. Es gibt bislang keine Auffanglager für die zahlreichen Flüchtenden, die ihre Dörfer aus Angst vor erneuten Angriffen verlassen haben. Ganze Ortschaften sind komplett entvölkert, nicht eingeholte Ernten stehen auf den Feldern. Wer kann, versucht bei Verwandten oder Bekannten unterzukommen und hofft, dass sich das Schicksal seines eigenen Dorfes nicht auch dort wiederholt.

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