Blog-Beitrag

Jeder Mensch hat das Recht auf Hilfe

„Es sind die Kinder und die Schwächsten, die am meisten unter dem Hunger leiden“, berichtet Christoph Schneider-Yattara von der Situation vor Ort. Er weiß als Leiter der Verbindungsstelle Horn von Afrika, wie schleichend sich diese Katastrophe entwickelt.
Von Eva Wagner am 08.06.2017 - 16:52
Eva WagnerPressereferentin Brot für die Welt Schwerpunkt Migration/Flucht

Christoph Schneider-Yattara, Leiter der Verbindungsstelle Horn von Afrika von Brot für die Welt in Addis Abeba / Äthiopien.

Christoph Schneider-Yattara ist zusammen mit seinem Team verantwortlich für ein Förderprogramm, das mehr als 40 Projekte in Äthiopien sowie weitere rund 15 im Sudan, Südsudan und in Somalia umfasst. Ein Großteil der Projekte v.a. in Äthiopien hat die Sicherung der Ernährung lokaler Gemeinschaften zum Ziel. Die Schwesterorganisation Diakonie Katastrophenhilfe ist ausschließlich für Nothilfe und Vorsorge in der Region zuständig. Eva Wagner hat Christoph Schneider-Yattara zur Hungerkrise am Horn von Afrika befragt.

Wie nehmen Sie persönlich die Hungerkrise in Äthiopien wahr?

Die Hungerkrise tritt in Äthiopien regional auf und in Gegenden, in denen Partnerorganisationen von uns arbeiten. In der Hauptstadt Addis Abeba, wo ich wohne, bekomme ich nichts davon mit. Auf meiner letzten Reise nach Afar, im Nordosten Äthiopiens, habe ich bereits viele mangelernährte Kinder gesehen. Die Untersuchungen, bei denen der Oberarmumfang der Kinder gemessen wird, zeigten eindeutige Ergebnisse: Das ging schon von Gelb zu Rot und Rot bedeutet „schwer mangelernährt“.

In dieser Region leben Pastoralisten, also Viehhirten.  Man sieht, dass alles sehr ausgetrocknet ist, denn es hat drei Jahre lang nicht geregnet. Die Situation ist kritisch: Die Tiere sind die Bank der Leute und sobald sie sterben, haben die Menschen kein Auskommen mehr. Darum gehen die Männer mit den Tieren weg, um Futter zu suchen. Die Frauen bleiben zurück und müssen sehen, wie sie an Wasser und an Nahrung herankommen. Wenn es gut läuft, erhalten sie Nahrungsmittelrationen vom Welternährungsprogramm und dem Ethiopian Productive Safety Net, das ist das staatliche Hilfsprogramm.

Welche Regionen sind noch betroffen?

In Somalia, in Mogadischu, haben wir einen neuen Partner Somali Organic Agriculture Development Organization (SOADO). Er vermittelt in seiner Projektarbeit agro-ökologische Methoden an Viehhirten, die auch Landwirtschaft betreiben. Viele  Brot für die Welt-Projekte verfolgen diesen agro-ökologischen Ansatz. Doch die Partnerorganisation ist von Anfang an auf Nothilfe umgeschwenkt, weil die Menschen vor Ort einfach nichts mehr zu essen haben. Jetzt hat SOADO „Cash for food“-Programme mit eingebaut. Man gibt Geld, damit sich die Menschen auf den Märkten vor Ort etwas zu essen kaufen können oder man verteilt Nahrungsmittelhilfen - diese beiden Ansätze werden am häufigsten bei der Nothilfe verfolgt.

Geschwächte Gemeinschaften
 

Kann Brot für die Welt als Entwicklungshilfeorganisation einfach Nothilfe durchführen?

Alle Organisationen in Äthiopien werden in so einer Krise vom Staat aufgefordert, Soforthilfe zu leisten. Die Richtlinien, denen Brot für die Welt unterliegt, ermöglichen, dass wir einen begrenzten Teil der Entwicklungshilfegelder für Nothilfe einsetzen dürfen. Das passiert im Rahmen von Projekten, die schon genehmigt sind. Unsere Partner können dann sofort mit der Nothilfe beginnen und müssen nicht noch einen Antrag stellen. Damit startet jetzt beispielsweise im Südosten Äthiopiens unsere Partnerorganisation Partnership for Pastoralist Development Association (PAPDA). Sie arbeitet mit Agro-Pastoralisten, um Anbaumethoden von Getreide oder Gemüsesorten sowie Kompostverfahren zu verbessern. Das Ziel ist, die Erträge und damit ihr Einkommen zu erhöhen, um beispielsweise Schulgebühren zu bezahlen. Die äthiopische Regierung ist auf PAPDA zugegangen. Gerade wird verhandelt, wie sie sich am besten an der Nahrungsmittelausgabe beteiligen kann.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel insgesamt auf das Leben der Menschen?

Je nachdem, in welcher Klimazone man ist, sind die Menschen besonders stark vom Klimawandel betroffen. Das ist eine Realität, der  wir uns  stellen müssen. Im Horn von Afrika haben wir ja eine Situation, wo eine Katastrophe auf die andere folgt. Wenn es in Afar drei Jahre lang nicht regnet, dann dezimiert das den Viehbestand. Das ist, wie wenn Dein Geld immer weniger wird. Dann kommt die nächste Katastrophe und man hat noch weniger Ressourcen, um ihr entgegen zu treten. Das schwächt die Gemeinschaften, weil sie sich zwischendurch nicht erholen können.

Mit welchen Maßnahmen versucht Brot für die Welt dagegen anzugehen?

Unsere Partnerorganisationen versuchen die Leute widerstandsfähiger zu machen, etwa durch den Anbau von resistenteren Getreidesorten, die weniger Wasser brauchen, durch verbesserte, neue Anbaumethoden, durch wirtschaftlicheres Wassermanagement, durch Zisternenbau, um Wasser wieder zu verwenden.

In der vulkanischen Gegend von Afar gibt es beispielsweise heiße Dämpfe, die aus dem Boden  kommen. Die Leute bauen vor Ort eine Art Zylinder aus Lehm, in den der heiße Dampf hineinströmt und sich abkühlt. Dann fließt der Dampf als Wasser ab, und man sammelt es in Unterwasserzisternen. Das Verfahren unterstützen und optimieren wir mit unseren Projekten.

Schleichende Katastrophen
 

Wie groß ist das Ausmaß dieser Hungerkrise?

Ich kann auch nur auf UNO-Zahlen zurückgreifen. Danach ist es die schwerste Krise, die es bisher gegeben hat. Es sind ungefähr 25 Millionen Menschen im Horn von Afrika aus verschiedenen Gründen betroffen: teilweise Dürre, teilweise Bürgerkrieg, teilweise beides. Das sind gewaltige Zahlen, wenn man sich vorstellt mehr als ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands wären betroffen.

Warum ist es schwierig, diese Katastrophe hier in Deutschland zu vermitteln?

Hungerkatastrophen sind schleichende Katastrophen. Wenn kein Regen kommt, dann können die Leute nicht aussäen, dann kommt keine Ernte, dann wird gehungert. Das weiß man heute, nur die Menschen hungern noch nicht. Das ist nicht wie bei einem Tsunami, über dessen Zerstörung man Bilder zeigen kann, wie furchtbar alles ist und dass sofort geholfen werden muss. Bei einer Hungerkrise muss es auch schnelle Hilfe geben, aber das lässt sich eben nicht leicht vermitteln. Wenn die Leute sterben und man Bilder über das letzte Stadium der Hungerkatastrophe hat, ist es zu spät.

Welche Auswirkungen hat das?

Es kommen zu wenig staatliche Gelder und zu wenig Spenden rein, bisher waren es weltweit nur 25-35 Prozent von dem, was eigentlich gebraucht wird. Insofern sind die Hilfsmaßnahmen begrenzt und man kann nur das Allernotwendigste machen.

Was würden Sie dem Fernsehzuschauer auf der Couch gerne sagen, wenn Sie könnten?

Es gibt überall Katastrophen, Bürgerkriege, schlechte Regierungsführung… wer wirklich leidet, das sind die Kleinen, die Kinder, und die Schwächsten: ältere Menschen und Frauen. Man muss das auf das Individuum herunter brechen. Die Menschen leiden unter etwas, wofür sie nichts können. Sie wollen nur ihr Leben in Frieden leben. Man kann das vom humanitären Standpunkt und oder von einem christlichen aus betrachten. Das sind unsere Nächsten, auch wenn sie weit weg wohnen. Doch wir leben in einer globalen Welt. Wenn ich Kleidung tragen kann aus aller Welt, wenn ich mich über digitale Systeme weltweit verbinde, dann kann ich auch weltweit helfen.

Bleibende Schäden
 

Wie leiden die Kinder?

Wenn ein Kind eine Hungerkrise überlebt, dann stört die Mangelernährung seine normale Entwicklung, auch die seines Gehirns, und führt zu bleibenden Schäden. Das betrifft ganze Generationen und hat Auswirkungen auf die Entwicklung eines Staates. Oder wenn ein junger Mensch im Bürgerkrieg aufwächst, dann muss er hungern und hat keine gute Ausbildung. Beispiel Südsudan: die jungen Leute dort haben überhaupt keine Entwicklungsmöglichkeiten und es gibt keine Arbeitsplätze. Es ist für die Milizen dann einfach, immer wieder Soldaten zu rekrutieren – das ist ein Teufelskreis und den muss man durchbrechen.

Was können wir tun?

Wenn es nur ein Drittel des benötigten Geldes gibt, kann man auch nur ein Drittel des Notwendigen umsetzen. Mit mehr Spenden können wir mehr machen. Vom humanitären Standpunkt aus gedacht, hat jeder Mensch das Recht, Hilfe zu bekommen. Wir hier in Deutschland können uns darüber hinaus für ein gerechteres System in dieser Welt einsetzen.

Versagt die internationale Gemeinschaft angesichts dieser Krise?

Das würde ich nicht sagen. Aber wenn wir als Mitglied der UNO bestimmte Verbindlichkeiten haben, müssen wir sie einfach einhalten. Das ist schwierig, weil sich nationale und internationale Interessen beißen. Für die Zukunft müssten wir Gelder in einen Fond für Katastrophen geben, der immer auf einem Niveau gehalten wird, damit die Katastrophenhilfe finanziert werden kann.  Das wäre ein Grundstock. Es ist zu spät, erst während einer Katastrophe mit dem Geldsammeln zu beginnen. Hier sind wir nicht am Ende angekommen.

Am Horn von Afrika gibt es massive Fluchtbewegungen. Durch welche Krisen werden sie ausgelöst?

Nach der “Landkarte der gescheiterten Staaten“ des “Fund for Peace”  ist die meistbetroffene  Region weltweit am Horn von Afrika, in dieser Rangfolge: Südsudan, Somalia, Zentralafrikanische Republik, Kongo, Sudan. Man hat hier eine Vielzahl an „gescheiterten Staaten“ mit vielen Menschen, die innerhalb des Landes vertrieben sind und Flüchtlinge, die in andere Länder fliehen. Und dazu kommen noch die Naturkatastrophen, die Dürre und nun der Hunger.

Das geht mit massiven Flüchtlingsbewegungen im ganzen Horn einher. Die Menschen gehen nicht nach Europa, sondern in die Nachbarstaaten. Uganda hat eine Million Flüchtlinge aufgenommen.  Flüchtlinge aus dem Südsudan erhalten Land, damit sie sich ernähren können. Das funktioniert aber nur bis zu einem gewissen Grad, sonst bekommt die Regierung ein Problem mit der eigenen Bevölkerung. Äthiopien hat offiziell 830.000 Menschen aufgenommen. Das sind nur die registrierten Flüchtlinge. Da sich viele Menschen gar nicht melden, muss man von einer viel höheren Zahl ausgehen.

Viele Flüchtlinge sind von Somalia oder von Dschibuti aus in den Jemen oder andere arabische Länder gezogen und dort geblieben. Traditionell haben die reichen arabischen Länder schon immer ökonomische Flüchtlinge angezogen …. Jetzt kommen viele wieder zurück, denn Saudi Arabien weist regelmäßig illegale Flüchtlinge raus. Im Zuge der Hungerkatastrophe im Jemen ziehen Flüchtlinge auch wieder nach Eritrea, Äthiopien und Somalia zurück, die genauso von der Hungerkrise betroffen sind.  Es gibt also überall Flüchtlinge und eine kriegerische Auseinandersetzung folgt auf die andere. Dazu kommen die Hungerkatastrophen, die alles nur noch schlimmer machen. Betroffen ist nicht nur die lokale Bevölkerung, sondern auch Millionen Flüchtlinge.

 

Unsere Schwesterorganisation Diakonie Katastrophenhilfe ist mit ihren lokalen Partnerorganisationen im Südsudan, Somalia, Kenia und Äthiopien vor Ort und versorgt die Menschen mit Lebensmitteln, Saatgut und Zugang zu sauberem Trinkwasser. Neben der Nothilfe werden die Menschen zudem in der Vorsorge unterstützt. Dabei geht es insbesondere darum, Wissen zu vermitteln, wie Landwirtschaft trotz schwierigen klimatischen Bedingungen möglich ist. Hier können Sie die Arbeit der Diakonie Katastrophenhilfe gegen die Hungersnot unterstützen.

Bildergalerie: 

Binnenvertriebene bei ihrer Ankunft im Al-Rajab Camp.
Dürre in Äthiopien
Safia Malaq, 26 Jahre alt, nach ihrer Flucht aus einer von Dürre betroffenen Region. Jetzt lebt sie in einem provisorischen Lager.

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