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Kindersoldaten-Bilder gehen den Menschen nahe

Von Sandra Stanger am 25.05.2016 - 12:46
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Fotos mit Waffen machen wütend und sind ein Weckruf / Aus Benefizveranstaltung im PurPurDom fließt Geld für Projekt „Gitarren statt Gewehre“ im Kongo

Herborn. Die Evangelische Kirche liefert auf dem Hessentag in Herborn mit einer provozierenden Foto-Ausstellung Munition für eine kontroverse Debatte. Darf man deutsche Kinder und Jugendliche mit echten Waffen in der Hand auf nachgestellten Aufnahmen zeigen, um auf das Schicksal von Kindersoldaten in Afrika aufmerksam zu machen? In einigen Reaktionen auf die Aktion, die online kamen, gibt es Kritik. Kinder sollten nicht für Werbezwecke instrumentalisiert werden.-Doch die Mehrheit der Kommentatoren befürwortet die Bilder der Kinder mit Kalaschnikow, Handgranate und Maschinengewehr. „Die Fotos sind grausam, ich bin erschüttert, aber das ist auch ein Weckruf, nur so kommt das Thema in die Öffentlichkeit“, sagt ein 53-jähriger Mann, der sich die Bilderausstellung mit den „deutschen Kindersoldaten“ beim Hessentag angesehen hat.

Mitten im sonst so beschaulichen Herborn zeigt die Hessentagstadt gemäß dem Motto des zehntägigen Landesfestes, dass das Leben schön bunt sein kann. Zum visuellen Farbenspiel gehört nach Ansicht der Evangelischen Kirche aber auch der Blick auf Schwarzafrika. Am PurPurDom, dem einzigartigen Veranstaltungszelt mit Hunderten von purpurfarbenen Nelken, Lilien, Gerberas und dem schwebendem Altar mittendrin, bringt die Evangelische Kirche ein ernstes Thema ins Spiel: Der schreckliche Alltag der Kindersoldaten im Kongo. Grundsätzlich herrscht Konsens, „dass man dagegen etwas tun muss“, sagt Renate Winkel (61), die fassungslos vor den am PurPurDom ausgestellten Fotos der Kinder mit den echten, aber unbrauchbar gemachten Waffen steht. Doch die Art und Weise, wie die Evangelische Kirche das Thema ins Bewusstsein bringt, irritiert die Menschen.

Die von einem Fotografen im Auftrag der Kirche nachgestellte Szene, zwei Mädchen und zwei Jungs gehen schwer bewaffnet durch eine idyllische Taunuslandschaft, sind von Pfarrer Wolfgang H. Weinrich, Hessentagsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), auf einer Wand am PurPurDom ganz bewusst neben den Fotos platziert worden, die afrikanische Kinder mit Gewehren zeigen. „Durch das direkte Nebeneinander der Bilder, rückt das Thema auch näher an uns heran. Die Betroffenheit ist größer“, sagt Weinrich. Ihm sei klar gewesen, dass die nachgestellten Bilder, sozusagen mit Kindern von nebenan, provozieren. „Das sollen sie auch“, sagt der Pfarrer, der mit dieser Ausstellung und einer Benefizveranstaltung im PurPurDom die Aktion „Gitarren statt Gewehre“ von Brot für die Welt unterstützen möchte.

Eine Familie mit zwei Kindern aus Bad Laasphe steht fragend vor den Bildern und sucht nach Antworten. „Was ich da sehe, macht mich wütend“, sagt der 38-jährige Mann. „Das könnten unsere Kinder sein“. Seine Frau nickt: „Ich fühle mich hilflos und frage mich, was wir tun können, damit es keine Kindersoldaten mehr gibt“, sagt die 32-Jährige. Sie und ihr Mann sind der Meinung, „das kann nur die große Politik schaffen, ist aber ziemlich schwierig.“

„Das schafft mich“, so lautet die spontane Reaktion einer 61-jährigen Frau, die über sich selbst erstaunt ist, dass die Bilder der „deutschen Kindersoldaten“ eine stärkere Wirkung auf sie hätten, als die Fotos mit den afrikanischen Jugendlichen mit Waffen in den Händen. „Für mich ist das ein Weckruf“, sagt ein 53-jähriger Mann aus der Westerwälder Verbandsgemeinde Altenkirchen. „Das ist eine gute Idee, um auf das Elend und die Sinnlosigkeit von Kindersoldaten aufmerksam zu machen“, meint seine gleichaltrige Begleiterin.

Einige Besucher des PurPurDoms sind erschüttert wegen der Bilder, jedoch der Ansicht, dass man diese Fotos mit Gewehr, Handgranate und Pistole „genau so knipsen darf“. Im persönlichen Gespräch kommt keine Kritik zur Foto-Aktion. Ausschließlich online und anonym bleiben wenige negative Kommentare im weltweiten Netz hängen.

„Sehen Sie die Kälte im Gesicht der Kinder, die wissen doch gar nicht, was das zu bedeuten hat“, meint ein Mann am PurPurDom in Herborn, der sich wie viele Passanten ratlos fühlt, weil „ich dagegen eigentlich nichts unternehmen kann“. Brot für die Welt und Pfarrer Wolfgang H. Weinrich haben einen Weg gefunden, um zu helfen. „Gitarren statt Gewehre“ nennt sich ein Projekt, das die Gemeinschaft der Baptisten im Ost-Kongo initiiert hat und dem Brot für die Welt seit Jahren in Form von finanzieller Unterstützung Nahrung gibt. Ein Ausbildungszentrum soll ehemaligen Kindersoldaten die Möglichkeit zum Neubeginn im zivilen Leben bieten.

Geld fließt für die jungen Leute, die Gitarren bauen und handwerklich ausgebildet werden, jetzt auch nach einer Benefizveranstaltung beim Hessentag. Der Erlös der Eintrittskarten sowie der Spenden des Publikums einer musikalischen Lesung mit Wolfgang H. Weinrich und der österreichischen Sängerin Eva Lind geht direkt an das Ausbildungszentrum in der kongolesischen Stadt Bukavu. Im purpur-rot illuminierten Zelt-Dom las Pfarrer Weinrich Geschichten aus seinem Buch „Der liebe Gott ist nicht zu halten“ und servierte mit einem Augenzwinkern Anekdoten aus dem Alltag des Allmächtigen, der sich auch mal am Kiosk unter die Menschen mischt und Gerstensaft genießt. Dazu sorgte Eva Lind mit Liedern wie „Over the Rainbow“ oder Leonhard Cohens „Halleluja“ für Gänsehaut-Atmosphäre im Saal.

Der am weitesten gereiste Besucher bedankte sich besonders herzlich bei dem Duo auf der Bühne und bei den Gästen für ihre Spenden: Vital B. Mukuza, Leiter der Lehrwerkstatt im Kongo, war mit Vertretern von Brot für die Welt zum Hessentag gekommen, um über das Schicksal der und die Hilfe für Kindersoldaten zu berichten. Im Ausbildungszentrum werden jährlich knapp 800 junge Menschen in rund zehn Fachrichtungen geschult. Die Nachfrage nach Plätzen sei riesig. „Die Werkstatt ist eigentlich nur für rund 500 Leute konzipiert. Wir sind an unserer Grenze, mehr als jetzt können wir nicht aufnehmen“, sagte Vital B. Mukuza.

„Gitarren statt Gewehre“ ist für Ursula Bouffier, Frau des Ministerpräsidenten, die die Patenschaft für die Benefizveranstaltung übernommen hatte, ein wichtiges Projekt, das sie gern unterstütze. Dass die Evangelische Kirche das Thema beim Hessentag mit den nachgestellten Fotos von „deutschen Soldatenkindern“ auf die Tagesordnung bringe, findet sie gut und richtig. Die Aktion mache die Absurdität deutlich und uns alle betroffen. Ein Ziel sei erreicht: „Die Menschen sagen, das ist schrecklich, das darf nicht sein.“

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