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Lavender Hill: Die Altlasten der Apartheid

Im Kapstädter Township Lavender Hill hilft das Sozial- und Trainingszentrum New World Foundation den Armen und Ausgegrenzten. TV-Moderator Wolfgang Lippert („Ein Kessel Buntes“) hat sich im Rahmen der ZDF Spendengala vor Ort über die Arbeit des Hilfsprojekts informiert.
Von Internetredaktion am 01.12.2016 - 13:07
InternetredaktionRedaktionsteam für Web und Social Media

Der Kontrast könnte krasser kaum sein: Kapstadt, die Urlaubsmetropole am Fuße des berühmten Tafelberges, leuchtet mit ihren weißen Atlantikstränden, historischen Wohnvierteln in Pastellfarben und spiegelnden Glasfronten moderner Architekturbauten in der südafrikanischen Frühlingssonne wie ein hochkarätiger Diamant.

Auf der Schattenseite des Tafelberges, rund 20 Kilometer südöstlich von den luxurösen Hotels und schicken Shopping Malls des Stadtzentrums entfernt, blickt TV-Moderator Wolfgang Lippert auf lange Reihen trister, baufälliger Häuserblocks. Wäsche flattert im heißen Wind, Kinder spielen zwischen überquellenden Mülltonnen Verstecken, aus offenen Wohnungstüren dröhnt Hip Hop-Musik, ruft, lacht, schimpft und klappert es.

Wolfgang Lippert im Brot für die Welt-Projekt

Der Gast aus Deutschland unterhält sich angeregt mit einem schlaksigen Teenager. Tauriq Solomons (17) trägt stolz eine knallrote Baseballkappe und weicht dem TV-Star nicht von der Seite, während er ihm das Armenviertel zeigt, in dem aufgewachsen ist. Lippert trifft dabei auf Menschen, die von Nelson Mandelas Vision eines demokratischen, chancengleichen Südafrikas bisher enttäuscht worden sind. Am Kap der guten Hoffnung ist der Abstand zwischen Armen und Reichen der größte weltweit und er wächst weiter.

Lavender Hill bleibt abgehängt

Eine Gruppe Jugendlicher schlendert betont lässig heran - die muskulösen Oberarme tätowiert, die Sonnenbrillen verspiegelt. Sie ziehen große, missmutig blickende Hunde an dicken Eisenketten in Richtung Shepherd Court, einem in der Wohnsiedlung berüchtigten Treffpunkt für Straßengangs, Kleinkriminelle und Drogenhändler. Sein junger Begleiter lenkt „Lippi“ sanft aber bestimmt in eine andere Richtung. Wohnsiedlungen mit so verheißungsvollen Namen wie „Lavendelhügel“ entstanden Anfang der siebziger Jahre, als das weiße Apartheidregime die schwarzen und “coloured” (farbigen) Bewohner Kapstadts zwang, ihre Häuser im malerischen Stadtzentrum zu verlassen und in eigens für sie konstruierte Townships umzusiedeln. Bis heute ist Lavender Hill eine zubetonierte Einöde in karger Landschaft geblieben, umringt von wild wuchernden Wellblechsiedlungen.

Rund 100 000 Menschen leben in Lavender Hill. Die meisten von ihnen tragen immer noch schwer an den Altlasten der Apartheid: Es mangelt ihnen an beruflicher Qualifikation, Know-how und Selbstvertrauen. Die Arbeitslosenquote liegt bei 70 Prozent, viele Familien sind auf die staatliche Sozialhilfe angewiesen. Für die etwa 60 000 Kinder und Jugendlichen gab es bisher kaum Spiel- und Sportangebote. Ein Großteil verließ die Schule ohne Abschluss.

Im Trainingszentrum wächst Hoffnung

Ein Ort der Zuversicht ist für sie in Lavender Hill die New World Foundation (NWF) - ein von Brot für die Welt gefördertes Sozial- und Trainingszentrum für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Hier gibt es Kindergartenbetreuung und Hausaufgabenhilfe, Computerkurse und Bewerbungstraining, Kurse zur Berufsvorbereitung, in Hauswirtschaft und Kindererziehung. Dabei werden auch „life skills“ vermittelt - Alltagskompetenzen, die den Teilnehmern helfen, ihr Leben besser, effizienter und eigenverantwortlich zu organisieren. Das fängt damit an, sich eigener Ängste bewusst zu werden, geht über das Entdecken und Fördern ungeahnter Talente und endet bei praktischen Fähigkeiten wie Zeit-Management. Immer wieder geht es auch um das Thema Gewalt.

"Viele Menschen hier haben weder das Selbstvertrauen noch das Wissen, um Konflikte friedlich und konstruktiv zu lösen. Sie gehen Problemen aus dem Weg oder begegnen ihnen mit Gewalt", erfährt Wolfgang Lippert im Gespräch mit NWF-Programmdirektor Marius Blümel. "Oft sind sie dadurch nicht in der Lage, Jobs langfristig zu halten." Aber wer weder Eigeninitative noch Eigenverantwortung zeigt, hat kaum eine Chance, seinen Platz im neuen Südafrika zu finden.

In den Kursen der New World Foundation erleben die an langweiligen Frontalunterricht und Prügelstrafe gewöhnten Teilnehmer eine neue Lust am Lernen. Wolfgang Lippert ist beeindruckt: “Hier wird gesungen, gespielt, gelesen und gelernt. Die Menschen werden gefördert und ermutigt, aus ihrem Leben etwas zu machen. Draußen bietet ihnen das niemand, meist auch die eigene Familie nicht.“

Jungen wie Tauriq brauchen Perspektiven

„Lippi“ sitzt in Ursula Solomons’ (62) winziger, blitzsauberer Zwei-Zimmer-Wohnung auf dem Polstersofa. Spitzendeckchen, Stoffblumen und Porzellannippes zeugen von der Sehnsucht nach einer heileren, schöneren Realität als sie Lavender Hill mit seiner Armut und Perspektivlosigkeit zu bieten hat. Sie bete dafür, dass Ihr Enkel Tauriq es einmal besser habe, sagt Großmutter Ursula. Sie hat ihn allein großgezogen. Die Mutter des Jungen ging weg, als er noch ein Baby war. Der Vater heiratete wieder, ließ Tauriq für seine neue Familie zurück. Der Junge blieb bei der Oma, die jahrzehntelang als Hemdennäherin in einer Textilfabrik gearbeitet hat und monatlich umgerechnet rund 100 Euro Rente bekommt.

Auch Tauriq stand einige Male auf der Kippe, schwänzte die Schule, drohte in die Gangszene abzurutschen, die vielen Township-Jugendlichen aus kaputten Verhältnissen als Ersatzfamilie dient. Im Unterrichtsfach „Lebensziele“ lernte Tauriq von den Mitarbeitern und freiwilligen Helfern der New World Foundation erstmals, Prioritäten zu setzen und Ziele zu verfolgen. Er holte seinen Schulabschluss nach und kann demnächst eine Ausbildung in seinem Traumjob als Unterwasserschweißer beginnen. Seine Oma sagt, ohne die Hilfe aus dem fernen Deutschland wäre das nicht möglich gewesen.

Lippert: „Mehr Kinder müssen Chancen bekommen“

Die Begegnung mit dem jungen Südafrikaner hat auf Wolfgang Lippert großen Eindruck gemacht: „Ein toller, aufgeweckter Junge mit enormer Willenskraft. Die braucht er auch, denn wer aus diesem Umfeld ‘raus will, hat es schwer und wird schnell zum Außenseiter.“ „Lippis“ größter Wunsch: „Noch sehr viel mehr Kinder und Jugendliche in Lavender Hill müssen die Chance bekommen, den Sprung ein gutes und gerechtes Leben zu schaffen.”

Bildergalerie: 

Wolfgang Lippert: „Noch mehr Kinder und Jugendliche in Lavender Hill müssen die Chance bekommen, den Sprung ein gutes und gerechtes Leben zu schaffen.”
Kinder bekommen beim Teambuilding-Spiel Kompetenzen für den Alltag.
Wolgang Lippert mit Tauriq und dessen Oma Ursula Solomons

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