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Migration, Flucht und Binnenmigration in Afrika

Von Internetredaktion am 12.08.2016 - 11:08
InternetredaktionRedaktionsteam für Web und Social Media

Äthiopien liegt auf Rang 5 der Länder auf der Welt, die global gesehen die meisten Flüchtlinge aufnehmen. Das größte Flüchtlingslager ist Dolo Ado, in dem viele somalische Flüchtlinge unterkom

Der Schein trügt: Trotz der großen Zahl von Flüchtlingen und Migranten, die auf Schutz und Chancen in der Europäischen Union hoffen, sind die meisten Flüchtlinge nicht auf dem Weg nach Europa. Neun von zehn Flüchtlingen weltweit leben in Entwicklungsländern, ein Großteil davon in Afrika. Das wird häufig übersehen. Genau wie die zahlreichen Konflikte und Menschenrechtsverletzungen auf dem afrikanischen Kontinent, die in der weltweiten Medienöffentlichkeit nur wenig Beachtung finden.

Ein Beispiel dafür ist die Westsahara: Seit 40 Jahren hält Marokko die Region – von der Fläche fast so groß wie Italien – besetzt und verwehrt der Bevölkerung grundlegende Menschenrechte und ein Referendum über ihre Unabhängigkeit. Aus den Schlagzeilen ist der Konflikt lange verschwunden.
Auch aktuelle Konflikte in der Zentralafrikanischen Republik, im Südsudan, Mali oder Nigeria werden genau wie bereits seit langem bestehende Krisen in Somalia, Eritrea oder der Demokratischen Republik Kongo von der Öffentlichkeit in anderen Ländern weitgehend vergessen. Doch aufgrund dieser Konflikte sehen sich viele Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Südlich der Sahara suchen 4,4 Millionen Menschen jenseits ihrer eigenen Landesgrenzen Zuflucht, mehr als 730.000 allein in Äthiopien. Zudem flüchten in der Region knapp 12 Millionen Menschen als Binnenvertriebene im eigenen Land. Weil viele Konfliktparteien – in Somalia beispielsweise die islamistischen Al-Shabaab-Milizen – die Arbeit internationaler Hilfsorganisationen in den von ihnen kontrollierten Gebieten behindern, sind die Binnenvertriebenen besonders schutzlos und für humanitäre Hilfe schwer erreichbar.

Fluchtursachen

Die Fluchtursachen auf dem afrikanischen Kontinent sind meist gewaltsame Auseinandersetzungen um Macht, Land oder Rohstoffe. Oft werden diese Konflikte zudem religiös oder ethnisch aufgeladen. So entwickelte sich beispielsweise im erst 2011 gegründeten Südsudan aus einem politischen Machtkampf ein Bürgerkrieg entlang ethnischer Linien, in dem bereits zehntausendeMenschen getötet wurden. Rund 720.000 Menschen sind vor dieser Gewalt in die Nachbarländer geflohen – nach Äthiopien, Ugandaund den Sudan. 1,6 Millionen Menschen sind im Land als Binnenvertriebene auf der Flucht. In der Zentralafrikanischen Republik leidet die Bevölkerung unter religiös aufgeladener Gewalt. Nach dem Putsch der muslimischen Séléka-Rebellen gegen den Präsidenten Anfang 2013 formierten sich christliche Milizen, die mit Vergeltungsaktionen und Pogromen an der muslimischen Minderheit reagierten. In den letzten Jahren mussten rund 470.000 Menschen nach Kamerun, in den Tschad und in die Demokratische Republik Kongo fliehen. In der DR Kongo herrschen jedoch auch Gewalt und Gesetzlosigkeit. Knapp drei Millionen Kongolesen, vor allem aus dem Osten des Landes, sind derzeit auf der Flucht vor den Kämpfen zwischen verschiedenen Rebellengruppen untereinander sowie mit der kongolesischen Armee. Dabei geht es nicht nur um politische Macht, sondern auch um territoriale Kontrolle und dieVorherrschaft über die Mineralien- und Metallvorkommen wie Gold, Coltan, Wolfram und Zinn, die weltweit von der Elektronikindustrie begehrt werden. Auch wer der akuten Lebensgefahr entkommen konnte, ist meist noch lange nicht in Sicherheit. Dort, wo Krieg und blutige Auseinandersetzungen stattfinden, können nur noch wenige Äcker bestellt werden. Hunger ist oft eine unmittelbare Folge der Konflikte und Teil des Kreislaufs von Gewalt, Not und Flucht, dem die Schutzsuchenden aus eigener Kraft kaum entkommen können. Dazu kommen die landwirtschaftlich oft schwer nutzbaren Böden, Dürren, Überschwemmungen und andere Folgen extremen Wetters und desKlimawandels. Viele Vertriebene können sich deswegen über Jahre nicht dauerhaft an einemOrt niederlassen. Brot für die Welt unterstützt lokale Partnerorganisationen mit Projekten, die sich für Menschenrechte, Frieden und Nachhaltigkeit einsetzen und dadurch nicht nur die Fluchtsituation erträglicher machen, sondern bereits die Fluchtursachen wie Gewalt, Diskriminierung oder Landraub wirkungsvoll bekämpfen. Die Diakonie Katastrophenhilfe fördert in diesem Zusammenhang Projekte mit dem Ziel, ein sicheres und würdevolles Überleben von Vertriebenen und Flüchtlingen am Fluchtort sicher zu stellen oder deren Reintegration zu garantieren. Dabei orientiertsie sich am lokalen Bedarf und unterstützt mit unterschiedlichen Maßnahmen wie beispielsweiseder Verteilung von Hilfsgütern, Bereitstellung von Gesundheitsversorgung oder Wiederaufbau. Flüchtlinge werden nicht nur mit Sachgütern versorgt, sondern erhalten je nach Situation auch Geldkarten oder Gutscheine (sogenannte Cash Assistance), mit denen sieselbst entscheiden, wofür sie ihr Geld zu welchem Zeitpunkt ausgeben und können an einkommensschaffenden Maßnahmen teilnehmen, zum Beispiel durch Arbeiten auf Baustellenbeim Wiederaufbau (Cash for Work).

Hilfe unter schwierigsten Bedingungen

Niedergebrannte Häuser und verlassene Dörfer sind stumme Zeugen der humanitären Katastrophe, die sich zurzeit in der ZentralafrikanischenRepublik abspielt. Seit dem gewaltsamen Putsch im Frühjahr 2013 herrscht Ausnahmezustand in dem Land im Herzen Afrikas. 2,5 Millionen Menschen – über die Hälfte der 4,6 Millionen Einwohner – brauchen nach Angaben der Vereinten Nationen dringend Hilfe. Hunderttausende sind auf der Flucht. Doch fast nirgendwo auf der Welt ist es für Hilfskräfte so schwierig und so gefährlich Hilfe zu leisten.Gemeinsam mit dem Lutherischen Weltbund sichert die Diakonie Katastrophenhilfe die Lebensgrundlage von rund 60.000 Menschen. So werden in verschiedenen Gemeinden der Regionen Mambéré Kadéi und Sangha Mbaéré Wasserentnahmestellen repariert und die Trinkwasserversorgung der Menschen sichergestellt. In 30 Gemeinden werden insgesamt 150 Latrinen errichtet und die Gemeinden in deren Instandhaltung geschult. Zur Deckung ihrer Nahrungsmittelbedürfnisse erhalten zudem 7.500 besonders bedürftige Haushalte Wertgutscheine, mit denen sie zusätzliche Nahrungsmittel kaufen können. Damit neben der Grundversorgung auch Chancen auf Einkommensquellen entstehen, werden 600 Menschen in Landwirtschaft und nachhaltigen Anbautechniken geschult und mit neuen Produktionsgeräten wie Spaten oder Spitzhacken sowie mit Saatgut ausgestattet. Ein zweites Projekt unterstützt Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik, die in den benachbarten Tschad geflohen sind. In mehreren Camps nahe der Grenze verteilen die Helfer Decken, Matten, Kochgeschirr und anderen Alltagsbedarf, die den Neuankömmlingen die ärgste Not überstehen helfen.

Eritrea – Die größte Katastrophe ist das Vergessen

Auch die Zahl der Flüchtlinge aus Eritrea steigt seit Jahren. Bis zu 5.000 Menschen fliehen inzwischen pro Monat aus dem Land im Nordosten Afrikas. Sie flüchten nicht vor Krieg und Hunger, sondern vor einer brutalen Diktatur, in der Menschenrechtsverletzungen, Zwangsarbeit, unbefristeter Militärdienst, willkürliche Inhaftierungen, eine tiefgreifende Perspektivlosigkeit und Verfolgung den Alltag prägen. Für viele Flüchtende endet die Hoffnung auf Sicherheit und Freiheit jedoch bereits in den Grenzregionen Tigray und Afar im Nordosten des Nachbarlandes Äthiopien – Regionen, in denen das Überleben ohnehin extrem schwierig ist. Hitze und Dürre prägen die Region. Die einheimische Bevölkerung lebt mehr schlecht als recht von der Viehhaltung. Die Lebensbedingungen der Flüchtlinge sind noch katastrophaler. Ohne Arbeitsmöglichkeiten und Besitz fehlt es ihnen an allem. An Lebensmitteln ebenso wie Gesundheitsversorgung oder Möglichkeiten zum Schulbesuch. Gemeinsam mit äthiopischen Partnerorganisationen arbeitet die Diakonie Katastrophenhilfe seit über zwei Jahren daran, den rund 15.000 eritreischen Flüchtlingen im Afar-Gebiet sowieden mehr als 100.000 Flüchtlinge im Tigray-Gebietein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Besonders kümmert sich die Diakonie Katastrophenhilfe mit den Partnerorganisationen um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und junge Erwachsene. Eine Grundschule wurde ausgebaut, in der Flüchtlingskinder mit einheimischen Kindern aus dem Dorf gemeinsam lernen und einen anerkannten Schulabschluss machen können. In zwei Ausbildungszentren haben junge Menschen die Chance, Berufe zu erlernen, um sich später im Kleinhandel oder mit einem Handwerk selbstständig zu machen. Auch ein Fußballplatz und ein Volleyballfeld sind Teil der Hilfsprojekte und bieten den Jugendlichen eine Möglichkeit, Trauma und Trostlosigkeit zumindest beim Sport zu vergessen.

Zukunftsperspektiven schaffen

Wer flieht und nicht weiß, ob und wann er inseine Heimat zurückkehren kann, braucht für den Übergang und langfristig Perspektiven, um zu überleben. Gemeinsam mit einer Partnerorganisation hilft Brot für die Welt darum beispielsweise in Adjumani im Norden Ugandas über 100.000 Flüchtlingen aus dem Südsudan, die zum Teil in eigenen Siedlungen leben, zum Teil in Dörfern mit der einheimischen Bevölkerung. Das Projekt unterstützt die Flüchtlinge dabei, Ackerflächen zur Bewirtschaftung, Werkzeuge und Saatgut für den Getreide- und Gemüseanbau zu erhalten. Auf diesen können die Familien Getreide und Gemüse anbauen, um sich ausreichend und ausgewogen ernähren zu können. Denn mehr als ein Viertel aller Flüchtlingskinder leidet an Hunger und Mangelernährung.Weil die Zahl der Bewohnerinnen und Bewohnerin den Dörfern durch die südsudanesischen Flüchtlinge stark gestiegen ist, wurden in Adjumani außerdem zehntausende neue Bäume für den erhöhten Brennholzbedarf angepflanzt und holzsparende Kochstellen eingerichtet. Flüchtlinge können Berufe erlernen, um sich eine neue Existenz aufbauen zu können. Durch die Auseinandersetzungen in ihrer Heimat im Südsudan sind viele Kinder und Erwachsene Opfer oder Zeugen von Gewalt geworden und traumatisiert. Brot für die Welt und seine Partnerorganisation bieten ihnen psychosoziale Hilfe, um diese Gewalterfahrungen zu bewältigen. Das Projekt ist auch deswegen sehr erfolgreich, weil die lokale Bevölkerung mit großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft auf die Flüchtlinge zugeht. Viele Menschen aus Uganda waren im Bürgerkrieg zwischen 1986 und 2006 selbst vor Gewalt und Gräueltaten in die Nachbarländer geflohen. In der Demokratischen Republik Kongo unterstützt Brot für die Welt ehemalige Kindersoldaten. Zehntausende Kinder, meist kaum im Teenageralter, wurden und werden im Osten derRepublik von der Armee oder Rebellengruppen verschleppt und zum Kämpfen gezwungen. Gelingt ihnen die Flucht, sind sie so traumatisiert, dass sie ohne Hilfe kaum in ein ziviles Leben zurückfinden können. Brot für die Welt fördert ein Bildungszentrum in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Bukavu, das dieGemeinschaft der Baptisten in Zentralafrika (CBCA) betreibt. Das Zentrum bietet den ehemaligen Kindersoldaten Ausbildung und Qualifizierung in 19 Berufsfeldern an, unter anderem im Gitarrenbau. Statt Waffen nehmen die Auszubildenden jetzt Werkzeug in die Hand und erarbeiten sich Zukunftschancen ohne Gewalt. Bildung ist ein zentraler Baustein der vielen Projekte für soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit, die Brot für die Welt in Afrika unterstützt.

Zusammenarbeit von Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe

Nachhaltige Hilfe setzt im Verständnis von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe immer auf mehreren Ebenen an: Humanitäre Hilfe hilft dort, wo Menschen in akuter Not sind oder Konflikte über Jahre andauern. Sie ist dabei mehr als Überlebenshilfe, sondern auch die  Grundvoraussetzung zur weiteren Entwicklung. Entwicklungsprojekte, die Zukunftsperspektiven schaffen, gelingen wiederum nur, wenn auch die strukturellen Ursachen der Probleme verändert werden – zum Beispiel durch politische Lobbyarbeit beim Klimaschutz oder in der Friedenspolitik. Die unterschiedliche Arbeit von Brot für die Welt und der Diakonie Katastrophenhilfe ist daher eng verzahnt.

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