Blog-Beitrag

„Wir müssen immer den Kontext im Blick behalten“

Seit 2012 ist Judith Kähler bei Dienste in Übersee (DÜ) für die Suche, Auswahl und Vermittlung von Fachkräften zuständig. Im Interview erzählt sie, was es mit dem neuen Auswahlverfahren, das seit Januar 2017 angewendet wird, auf sich hat.
Von Klaus Ehrlich am 18.04.2018 - 11:19
Klaus EhrlichReferent Personalmarketing

Aus der Praxis

 

Ein Interview mit der Personalreferentin Judith Kähler über das Auswahlverfahren von DÜ.

 

Frau Kähler, warum hat sich DÜ für ein neues Auswahlverfahren entschieden?

Judith Kähler (JK): Unsere Arbeit basiert auf dem Partnerschaftsprinzip. D.h. wir schreiben Stellen aus und suchen Fachkräfte ausschließlich dann, wenn Partnerorganisationen von Brot für die Welt dies beantragen. Diese entscheiden am Ende auch, ob sie die oder den Bewerbenden annehmen.

Nur: die Profile der potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten haben sich über die Jahre verändert: Wurden früher Krankenschwestern und Brunnenbauer benötigt, sind heute Spezialisierungen gefragt wie Qualitätsmanager im Gesundheitssektor, Friedensjournalistinnen oder Berater für Lobby und Advocacy. Damit haben sich auch die Anforderungen an die persönlichen und sozialen Kompetenzen geändert.

Diese Veränderungen wollten wir in unserem Auswahlverfahren abbilden. So haben wir das Anforderungsprofil an Fachkräfte überarbeitet und neue Auswahlelemente mit dem Fokus auf beobachtbare Verhaltensweisen entwickelt. Unterstützt wurden wir dabei von externen Psychologinnen bzw. Psychologen.

Welches Fazit ziehen Sie nach dem ersten Jahr mit dem neuen Verfahren?

JK: Das Verfahren hat sich absolut bewährt. Auch die Rückmeldungen, die wir von den Bewerbenden erhalten, sind sehr positiv.

Dazu gehört natürlich auch, dass wir seit vergangenem Jahr trennen zwischen der grundsätzlichen Eignung (Kommt die Person als Fachkraft in Betracht?) und der stellenspezifischen Auswahl (Auf welche konkrete Stelle passt die Person?).

Wurden bereits Anpassungen vorgenommen?

JK: Das neue Verfahren wurde von Anfang an mit einer kontinuierlichen Evaluation begleitet. Dadurch konnten wir bereits kleinere Optimierungen vornehmen.

Was hat sich für die Bewerbenden im Verfahren konkret verbessert?

JK: Es ist zeitlich kürzer geworden. Früher dauerte das Auswahlverfahren fünf Tage, heute sind es drei Tage.  Das mag für Außenstehende immer noch lang klingen, aber wir übernehmen die Auswahl ja stellvertretend für die Partnerorganisationen von Brot für die Welt. Da es zudem bei den Verträgen nach Entwicklungshelfergesetz keine Probezeit gibt, müssen wir die Eignung sehr sorgfältig prüfen.

Wir haben heute auch mehr Plätze im Auswahlverfahren. So können wir Initiativbewerbungen stärker berücksichtigen, einen Pool von potentiell geeigneten Bewerbenden ausbauen und Stellen schneller besetzen. Das ist sowohl für die Bewerbenden als auch für die Partnerorganisationen gut.

Worauf wird bei Fachkräften von DÜ heute besonders Wert gelegt?

JK: Wir sind eine evangelische Organisation und unterstützen daher viele christliche Partnerorganisationen. Die Fachkräfte sollten deshalb mit uns eine christliche Grundhaltung und Motivation teilen. Eine Kirchenmitgliedschaft ist keine Voraussetzung für eine Bewerbung.

Es geht uns aber um deutlich mehr als um das reine „Job matching“. Wir blicken immer auch auf den Kontext der Stelle: Ist die Stelle in der Stadt oder im Land? Wie sieht die Infrastruktur aus – Thema Schulen? Usw. Und schauen dann, ob die Bewerbenden in diesen Kontext passen. Alle unsere Bewerbenden sind unterschiedlich: Verheiratet oder nicht, manche haben Kinder. Alle bringen etwas anderes, spezielles mit. Und alles muss zusammenpassen: die Stelle und die Person mit all ihren Facetten. So orientieren wir uns bei der Auswahl eher an der Vorstellung des „Life matching“.

Wie und wo kann man sich bei DÜ bewerben?

JK: Es gibt zwei Wege: Entweder man bewirbt sich auf eine konkrete Stelle, die auf der Homepage von Brot für die Welt und in relevanten Stellenportalen ausgeschrieben ist. Oder man schickt eine Initiativbewerbung. Die formalen Voraussetzungen sind: mindestens 25 Jahres alt, abgeschlossenes Studium oder Meisterprüfung, Berufspraxis sowie ausreichende Sprachkenntnisse in Englisch, Französisch oder Spanisch. Die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates der EU oder der Schweiz ist notwendig, da dies im deutschen Entwicklungshelfergesetz so verankert ist. Und wer den Newsletter bestellt, ist immer über die aktuellen Möglichkeiten auf dem Laufenden.

Frau Kähler, warum legt DÜ so viel Wert auf Berufserfahrung?

JK: In der Tat ist uns bei der Auswahl die Berufserfahrung sehr wichtig. Im Fokus steht die Stärkung von Partnerorganisation von Brot für die Welt. Dazu brauchen wir Fachkräfte, die theoretisches Wissen mitbringen, aber auch viel praktische Erfahrung. Die Arbeit findet in einem sehr anderen, unvertrauten Kontext statt: Die Infrastruktur ist oft nicht vergleichbar; die Arbeitsweisen anders. Von daher steht Berufserfahrung dafür, dass die Bewerbenden sich mit sich selbst und ihrem Gegenüber auseinander gesetzt haben: Wie kommuniziere ich? Wie kann ich andere von meinen Ideen überzeugen ohne sie zu „überrennen“? Wie verhalte ich mich bei Konflikten?

Was machen Interessierte mit wenig oder keiner Berufserfahrung?

JK: Dafür gibt es das Junior-Fachkräfteprogramm bei DÜ, das sich an genau diese Personen wendet. Ansonsten ist es eine gute Idee, mehr Praxiserfahrung zu sammeln und sich später zu bewerben. Wer erste Erfahrungen in der Entwicklungszusammenarbeit machen will: Für Bewerbende bis 28 Jahre ist der einjährige entwicklungspolitische Freiwilligendienst von Brot für die Welt dafür eine ideale Möglichkeit.

Vielen Dank für das Interview, Frau Kähler!

 

Gut zu wissen:

Dienste in Übersee (DÜ) ist einer der sieben vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) anerkannten „Träger des Entwicklungsdienstes“. Im Auftrag von Partnerorganisationen von Brot für die Welt sucht DÜ Fachkräfte, die mit einem Vertrag über das Entwicklungshelfergesetz (EhfG) für ca. 3 Jahre in Afrika, Asien, Lateinamerika, Kaukasus oder Pazifik arbeiten.

 

Das Interview führte Klaus Ehrlich.

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