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Nobelpreisträger Satyarthi: Geld für Kinder statt fürs Militär

Von Internetredaktion am 05.11.2014 - 12:04
InternetredaktionRedaktionsteam für Web und Social Media

Der Aktivist gegen Kinderarbeit, Kailash Satyarthi, wird mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Brot für die Welt arbeitet mit ihm seit Jahrzehnten zusammen. Satyarthi kämpft gegen die Ausbeutung von Kindern. Die Zahl der arbeitenden Kinder in Indien, seinem Heimatland,  wird auf bis zu 100 Millionen geschätzt – obwohl Kinderarbeit dort verboten ist. Das Nobelpreis-Komitee würdigte Satyarthis großen Mut in der Tradition von Ghandi im friedlichen Protest gegen die Ausbeutung von Kindern. Vor einiger Zeit sprach Brot-für-die-Welt-Redakteur Thorsten Lichtblau mit Kailash Satyarthi über Kinderarbeit und die Befreiung von Jungen und Mädchen aus der Schuldknechtschaft. Das Interview in Auszügen:

Was betrachten Sie als den größten Erfolg Ihrer Arbeit?

Unser größter Erfolg ist, dass wir heute über Kinderarbeit reden. Vor 25 Jahren hat noch niemand darüber geredet, es gab damals noch kein Bewusstsein für dieses Problem. Heute werden die Stimmen der ärmsten der armen Kinder, die Stimmen derer, die aus der Sklaverei befreit wurden, auf höchster Ebene gehört. Niemand kann ihre Stimmen mehr ignorieren. Mein Ziel war keine typische Nichtregierungsorganisation, es war eher eine soziale Bewegung, mit der Mission, die Kinder, die Opfer von Sklaverei und Kinderarbeit geworden waren, zu ihren eigenen Befreiern zu machen. Wenn ein Kind ein anderes Kind befreit, ist dies für uns die größte Errungenschaft. Und heute haben wir in Indien Hunderte von ehemaligen Kinderarbeitern und Schuldknechten, die bei der Befreiung anderer Kinder mithelfen.

Auf Fotos von gerade befreiten Kindern lächeln die Mädchen und Jungen nicht, sondern schauen eher ängstlich und verschüchtert aus. Warum?

In den meisten Fällen ist dies so, ja. Diese Kinder haben niemals zuvor in ihrem Leben von anderen Menschen Unterstützung bekommen, ihre Eltern auch nicht. Sie kennen nichts anderes, als ausgebeutet, als unmenschlich behandelt zu werden. Es ist sehr schwierig für sie sich vorzustellen, dass da jemand kommt, der Ihnen helfen will. Wenn wir Kinder befreien, geht es nicht nur darum, sie physisch zu befreien. Wir müssen Ihnen auch das Selbstvertrauen zurückgeben, dass eventuell schon Generationen zuvor verloren gegangen ist. Sie gewinnen auch Vertrauen zurück an ihre Mitmenschen. Wir lassen sie fühlen, dass sie freie menschliche Wesen sind.

Wie läuft eine solche Befreiungsaktion ab?

Normalerweise erfahren wir von den Eltern, den Verwandten oder Familienmitgliedern der Mädchen und Jungen, was diesen widerfahren ist. Häufig erzählen sie uns, dass sie betrogen worden sind, dass ihnen jemand für ihr Kind Geld angeboten hat, dass ihnen versprochen wurde, dass ihr Kind zur Schule gehen oder Geld verdienen kann, dass es aber in Wirklichkeit schlecht behandelt wird, nicht nach Hause kommen darf. Nachdem wir solche Beschwerden erhalten haben, forschen wir nach und prüfen, ob die Vorwürfe der Wahrheit entsprechen. Wenn dies der Fall ist, planen wir eine Befreiungsaktion.

Natürlich befreien wir nicht nur diejenigen Kinder, von deren Angehörigen wir die Beschwerden erhalten haben, sondern alle Kinder, die an diesem Ort ausgebeutet werden. Normalerweise informieren wir die lokalen Behörden und die Polizei und versuchen, ihre Unterstützung zu bekommen. Den genauen Ort, wo die Kinder festgehalten werden, verraten wir jedoch nicht. Wir sagen nur: „In ihrem Verantwortungsbereich werden Kinder zur Arbeit gezwungen.“

Dann planen wir die geheime Befreiungsaktion. Die Geheimhaltung ist das Wichtigste dabei. Wenn die Besitzer rechtzeitig gewarnt werden, können sie die Kinder problemlos an irgendeinen anderen Ort bringen, wo wir sie niemals finden werden. Ja, die Angelegenheit kann sogar gegen dich ausgelegt werden, dass du jemanden grundlos beschuldigst. Wir müssen also sehr vorsichtig sein. Dann befreien wir die Kinder körperlich, ohne dabei Zeit zu verschwenden, denn je länger wir uns am Ort aufhalten, umso größer ist die Gefahr, dass wir angegriffen werden. Wir müssen also sehen, dass wir uns nach der Befreiung so schnell wie möglich davon machen. Manchmal ist es so, dass es zwischen den Behörden und den Unternehmern Verquickungen gibt, wie zum Beispiel in einem Fall, wo der Regierungschef eines Bundesstaates gleichzeitig der Besitzer von Steinbrüchen war, in denen Kinder arbeiteten. In diesem Fall gibt es natürlich keine Möglichkeit, Hilfe von den Behörden zu bekommen und wir müssen besonders vorsichtig sein. Nachdem wir die Kinder befreit haben, bringen wir sie in unsere Zentren, wo wir uns bemühen, sie zu rehabilitieren.

Warum engagieren Sie sich gegen Kinderarbeit?

Ich selbst hatte das Glück, als Kind nicht arbeiten zu müssen, denn ich kam aus einer Mittelklassefamilie und konnte zur Schule gehen. Am ersten Schultag war ich schockiert, als ich einen Jungen meines Alters mit seinem Vater auf der Schultreppe sitzen sah, der Schuhe putzte. Und so fragte ich meinen Lehrer: „Wie kann es sein, dass wir in die Schule gehen, und dieser Junge auf der Treppe sitzt und Schuhe putzt?“ Damals war ich fünf oder sechs Jahre alt und es war meine erste Begegnung mit Kinderarbeit. Und der Lehrer sagte: „Ach, das ich ein armes Kind. Kümmere dich nicht darum, lerne, freunde dich mit deinen neuen Schulkameraden an.“

Und jeden Tag sah ich den Jungen dort sitzen und darum bitten, dass sich jemand von uns die Schuhe von ihm putzen ließ. Das war sehr unerfreulich für mich. An einem Tag habe ich all meinen Mut zusammengenommen und bin zu seinem Vater gegangen und habe gefragt: „Warum schicken Sie ihren Sohn nicht in die Schule?“ Er schaute mich an, als hätte ich eine völlig unsinnige Frage gestellt. Dann sagte er: „Das hat mich noch niemand gefragt, und ich habe noch nie darüber nachgedacht. Mein Großvater hat schon als Kind gearbeitet, mein Vater und ich auch. Und so auch mein Sohn.“ Und dann sagte er: „Mein Herr, wir sind geboren, um zu arbeiten.“

Ich war wütend darüber, weil ich dachte: „Warum gibt es Menschen, die dazu geboren sind zu arbeiten, während andere dazu geboren sind, zur Schule zu gehen?“ Das war meine erste Begegnung mit dem Thema Kinderarbeit, die ich niemals vergessen werde. Diesem Kind habe ich nicht helfen können. Aber heute versuche ich Tausenden, Millionen Kindern zu helfen.

Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

Erstens: Ich würde mir wünschen, dass wir ein Prozent unserer Ausgaben für Militär Kindern zukommen lassen. Damit könnten wir das Problem der Kinderarbeit und der Bildung lösen. Nur mit einem Prozent, das heißt mit dem, was wir an zweieinhalb Tagen im Jahr für militärische Zwecke ausgeben, könnten wir unsere Kinder das ganze Jahr über ernähren und in die Schule schicken.

Zweitens: Bei allen politischen Konzepten, Plänen und Programmen sollte die Zukunft der Kinder im Mittelpunkt stehen.

Drittens: Ich hoffe, dass ich es noch erleben werde, dass alle Kinder in die Schule gehen und fröhlich sind, so wie meine eigenen Kinder es waren. Und ich habe die Hoffnung, dass dies geschehen wird. Die meisten Regierungen haben erkannt: Wir können nicht so weitermachen: Die Konsumenten, die Medien, jemand wird gegen die Kinderarbeit protestieren. Also lasst uns Schluss damit machen. Ich denke, in nicht allzu langer Zeit werden wir das Ende der Kinderarbeit erleben, wie wir es ja auch in Deutschland, in England, in anderen Ländern Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesehen haben.

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