Blog-Beitrag

Ökumenisches Wassernetzwerk fordert Wassergerechtigkeit in Nahost

Von Carolin Callenius am 18.06.2014 - 09:51
Carolin CalleniusEhemalige Mitarbeiterin

Wassertransport in Kanistern
In den Flüchtlingssiedlungen des Westjordanlandes wird Wasser noch in Kanistern und mit Esel- und Pferdekarren transportiert.

Wasser ist für die Palästinenser ein wertvolles Gut. Sie haben nicht ausreichend Zugang zu ausreichender Menge an Trinkwasser, die Qualität ist oft schlecht und der Preis extrem hoch. Dies liegt nicht nur an dem trockenen Klima in der Region und dem schon jetzt spürbarem Klimawandel. Grund ist auch die ungerechte Wasserverteilung zwischen Israel und Palästina und die Machtverteilung, die es Israelischen Behörden ermöglicht, die Wasser- und Sanitärversorgung zu kontrollieren.

Die internationale Steuergruppe des Ökumenischen Wassernetzwerks, ein Programm des Weltkirchenrats hat sich Anfang Juni 2014 in Jerusalem getroffen, um die Wasserversorgung der Palästinenser kennenzulernen und zu diskutieren. Dabei hat die Steuergruppe Betroffene, Vertreter von Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und Politiker getroffen.

Wassernotstand in der Westbank

In der Westbank und in Ostjerusalem wohnen bereits über eine halbe Million Israelis in „Siedlungen“, obwohl das Völkerrecht klar untersagt, die eigene Bevölkerung in besetztem Land anzusiedeln. "Siedlungen" sind oft große Städte mit einigen Zehntausend Einwohnerinnen und Einwohnern. Der Unterschied zwischen den Häusern der israelischen Siedlungen und der palästinensisischen Wohngebiete fällt sofort ins Auge. Während die palästinensichen Häuser viele schwarze Wassertanks auf ihren Dächern haben, ist davon bei den israelischen Häusern nichts zu sehen.

Die von Brot für die Welt unterstützte Menschenrechtsorganisation B'Tselem gibt an, dass der tägliche Wasserverbrauch der Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland bei 73 Litern liegt. Dies sei etwa ein Drittel des Pro-Kopf-Verbrauchs an Wasser in den israelischen Städten. Noch eklatanter aber sei die ungerechte Wasserverteilung im Jordantal. Während die völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen gut mit Wasser versorgt sind, haben viele Dörfer keinen Anschluss an die Wasserversorgung, keine Brunnen, sondern nur einfache Zisternen. Sie haben zuweilen gerade mal 20 Liter pro Kopf und Tag verfügbar. Die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht für diese Klimazonen einen Wasserbedarf von mindestens 100 Litern pro Kopf und Tag.

Miserable Wasser- und Abwassersituation in Gaza

Die internationale Delegation des Wassernetzwerks besuchte betroffene Gemeinden im Gazastreifen und politische und kirchliche Entscheidungsträger der Region. 95 Prozent des Grundwassers ist aufgrund von eindringendem Salzwasser ungenießbar. Für die tägliche Hygiene und zum Kochen muss es ausreichen. Zusätzlich benötigen die Menschen sicheres Trinkwasser. Hierfür kaufen sie entsalztes Trinkwasser, das jedoch nicht in ausreichender Menge und leider auch nicht in genügender Qualität zur Verfügung steht. Der Kauf bei den privaten Trinkwasserhändlern verschlingt einen Großteil des Einkommens der sehr armen, oft arbeitslosen Bevölkerung.

Viele Babies in Gaza haben an Händen, Füße und in der Mundpartie blaue oder violette Verfärbungen. Ihr Blut kann nicht genug Sauerstoff transportieren, weil sich Nitrate eingelagert haben - Salze aus dem versalzten Wasser. Die Gesundheitsstation des Nah-Ost-Kirchenrats klärt Mütter auf, wie wichtig es ist, den Kindern nur entsalzenes Wasser zu geben. Aber auch wie wichtig es ist, Wasser abzukochen. Denn der Salzgehalt stellt längst nicht die einzige Gefahr dar. Immer wieder kommt es zur Vermischung von Abwasser und Trinkwasser, sei es durch Überschwemmungen oder durch lecke Wasserleitungen. Das verschmutzte Wasser und die Infektion führen zu Durchfall und bleibenden Schäden bei Kindern und Säuglingen.

Die Situation im Gazastreifen wird durch die israelische Abriegelung des Streifens verstärkt. Wichtige Güter für den Bau von Entsalzungsanlagen, Kläranlagen, Wasserwiederaufbereitungsanlagen und notwendige Chemikalien können nicht oder nur mit großem Aufwand importiert werden. Angeforderte Techniker erhalten keine Einreisegenehmigung und Wasserbauingenieure können nicht zu Trainingszwecken ausreisen. Der palästinensischen Wasserbehörde sind die Hände gebunden.

Beduinen in Westbank: Ohne Wasser, Strom und Rechte

Ohne Wasser und Strom kämpfen die Beduinen, die traditionellen Bewohner des Jordantals ums Überleben. Sie sind die verletzlichste Gruppe. Ihre Häuser werden regelmäßig zerstört und sie werden von Polizei und Militär schikaniert.

Das besuchte Dorf Dkaika in der Judäischen Wüste, südöstlich von Hebron ist ein gutes Beispiel. Es ist ein fester Wohnort für die Hirten, seitdem ihre Vorfahren hier Regenwasser fassen konnten und sesshaft wurden. Aber diese Wasserquelle ist nicht ausreichend für die wachsende Bevölkerung und ihre Tiere. Außerdem war es auch keineswegs sauber. Also haben die Frauen das Wasser in Kaninstern aus dem dem nächstgelegenen, sechs Kilometer entfernten Ort mit ihren Eseln geholt. Bis zu sechs Stunden waren sie täglich dafür unterwegs. Ein Großteil des Familieneinkommens wurde für die Wassereinkauf verwendet.

Ein großer Traum ging in Erfüllung, berichteten die Dorbewohner, als die Katastrophenhilfe der EU (ECHO) Leitungen bis ins Dorf gelegt hat. Jetzt erhalten sie sauberes Trinkwasser direkt zu ihren Wohnhäusern. Die Kosten trägt die Palästinische Autonomiebehörde. Doch auch jetzt steht einer Familie in Dkaika täglich weniger als 16 Liter pro Person zur Verfügung. Das ist sehr wenig.

Die Beduinen sind eigentlich zufrieden. Das  Regenwasser steht jetzt den Tieren zur Verfügung, die Frauen müssen nicht mehr so lange zum Wasserholen unterwegs sein, die Kinder sind deutlich gesünder. Doch sie trauen dem Frieden nicht. Sie sorgen sich um ihr Aufenthaltsrecht. Seit einem Jahrzehnt kämpfen sie gegen den Abriss ihrer Gebäude. Denn ihre Siedlung wurde für illegal erklärt. Die Mitarbeiter von ECHO erklärten, dass hier im Dorf nur Katastrophenhilfe, nicht Entwicklungsarbeit erlaubt sei. Denn langfristig seinen die Menschen hier unerwünscht.

Die Realisierung des Menschenrecht auf Wasser und Sanitäversorgung braucht Tatkraft von Israelischer und Palästinischer Seite

Das Ökumenische Wassernetzwerk hat am 18. Juni eine Stellungnahme veröffentlicht und appelliert an die Regierungen Israels und Palästinas mit der Unterstützung der internationalen Gemeinschaft unverzüglich für die Verbesserung der Wasserversorgung zu sorgen. Sie sollen langfristig eine ausreichende, sichere, kostengünstige und adäquate Wasserversorgung bereitstellen. Eine Reihe von Problemen müssen hierbei gemeinsam gelöst werden. Wie sieht 20 Jahre nach dem OsloII- Abkommen eine gerechte Wasserverteilung aus? Wie kann Palästina die Wasserversorgung in ihren Gebieten selbst kontrollieren? Ist es rechtens, dass Wasser zulasten der Palästinenser umgelenkt wird und Brunnen aus den Palästinenischen Gebieten ausgemarkt werden? Darf Israel unregistrierte Brunnen zerstören und Genehmigungsanträge auf Brunnenbau verweigern? Kann die Blockade Isreaels gegenüber Gaza bezüglich Material und Fachpersonal im Bereich Wasseraufbereitung, Pumpen, Abwasseranlagen aufhoben werden?

Bildergalerie: 

Die Internationale Steuerungsgruppe des Ökumenischen Wassernetzwerks traf sich zu ihrer Jahressitzung und um die Wassersituation in Palästina zu studieren vom 3.06.-7.06.2014 in Jerusalem
Israel hat vollständige Kontrolle über alle Waren und Menschen, die in das Gaza- Gebiet hinein- oder herauskommen. Diese Abschirmung behindert den Aufbau einer funktionierenden Wasser und Abwasserversorgung in Gaza.
In Gaza fließt das Abwasser größtenteils ungeklärt ins Meer. Schwimmen im Meer ist daher ein Gesundheitsrisiko. 60 Prozent des Meerwassers am Strand ist verschmutzt.
Das salzige Grundwasser gilt als ungenießbar. Daher muss in Gaza Trinkwasser gekauft werden. Private Tanker bringen es zu den Haushalten. Sie sind zum größten Teil ungereinigt und eine Quelle für weitere Infektionen.
Das Gesundheitszentrum des Nah-Ostkirchenrats unterstützt Frauen in Gaza. Sie erfahren, dass das Leitungswasser gesundheitsschädlich ist und es für Babynahrung abgekocht werden muss, um Durchfall-Erkrankungen, an denen viele Kinder sterben, zu vermeiden.
Israelische Siedlungen in den Westbanks stehen auf konfisziertem palästinensischem Land. Die BewohnerInnen verbrauchen ein Mehrfaches an Wasser als die Palästinensischen Haushalte. Viele Produkte von ihren Feldern landen auch auf den Europäischen Märkten.
Die traditionellen Wasserquellen der Beduinen-Siedlung können heute weder eine ausreichende noch gesunde Versorgung mit Wasser gewährleisten. Dank der Katastrophenhilfe der EU ist die Siedlung nun an das Trinkwassersystem angeschlossen
Bevor die Beduinen-Siedlung an die Wasserleitung angeschlossen waren, verbrachten die Frauen bis zum 6 Stunden täglich damit, für sich und die Familie Wasser in der nächsten Kommune zu holen.
Der Präsident des Lutherischen Weltbundes Bischof Benin Younan sprach in seiner Andacht zu Jesaja 55. Zugang zu Wasser sei eine Frage von Gerechtigkeit, der sich auch die Kirchen widmen müssen. Er forderte das Wassernetzwerk auf „Come and challenge us".
Das Ökumenische Wassernetzwerk regt in seiner Abschlusserklärung an, dass Kirchenführer im Nahen Osten sich in einem interreligiösen Dialog dem Thema Wasser widmen. An Pfingsten fand ein ökumenischerGottesdienst zu Frieden und Versöhnung statt.

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