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Rezan: Nach dem Krieg will ich Syrien mit aufbauen

Rezan Khello (24) ist mit seiner Familie aus Syrien geflohen. Er musste sein Bauingenieurstudium in Aleppo aufgeben. In Deutschland kämpften die Khellos um ihren Aufenthalt. Ein Flüchtlingsstipendium von Brot für die Welt sichert Rezans Status, seinen Unterhalt, sein Studium und eine gute Zukunft.
Von Eva Wagner am 24.05.2017 - 17:00
Eva WagnerPressereferentin Brot für die Welt Schwerpunkt Migration/Flucht

Was haben Sie in Aleppo studiert?

Rezan Khello: Ich habe 2010 angefangen, Bauingenieurwesen zu studieren. Das war mein Traum. Ich wollte meine Stadt baulich mit gestalten. Ich war hoch motiviert und habe sehr intensiv studiert in den ersten zwei Jahren, bevor ich dann abbrechen musste.

Lief das Studium anders als jetzt in Deutschland?

Rezan Khello: Nein, Studium und Studentenleben sind wie hier auch. Unter der Woche hat man Lernstress, Hausarbeiten und Projekte. Am Wochenende unternimmt man mit den Freunden etwas: feiern, essen und etwas gemeinsam trinken. Das hat mir damals auch viel Spaß gemacht.

Was war das auslösende Ereignis für Ihre Flucht?

Rezan Khello: Ende 2012 hat der Krieg in Aleppo angefangen. Ich habe trotzdem versucht, täglich an die Uni zu gehen und weiter zu studieren. Doch eines Tages gab es einen Bombenanschlag auf dem Campus – ganz nah an meiner Fakultät. Daraufhin habe ich mich entschieden, lieber mein Leben zu retten als mein Studium fortzusetzen.

Wie verließen Sie die Heimat und was konnten Sie mitnehmen?

Rezan Khello: Das war eine schnelle Zwangsentscheidung. Wir hatten nicht viel Zeit, alles zu organisieren, Papiere zu sammeln und alles mitzunehmen. Darum sind alle meine wichtigen Unterlagen in meiner Wohnung in Aleppo geblieben. Im Nachhinein war es für mich sehr schwierig, mit Hilfe von Leuten die Unterlagen und Zeugnisse wieder zu organisieren, aber irgendwann habe ich es geschafft.

Was waren die Herausforderungen auf der Flucht und wovor hatten Sie am meisten Angst?

Rezan Khello: Wir sind in Situationen geraten, wo man nicht weiß, was in der nächsten Stunde passiert. Wir wurden immer wieder von Schleusern bedroht oder befanden uns in Lebensgefahr. Am meisten hatte ich um meine Eltern und um meine kleinen Geschwister Angst. Wir hatten vorher noch nie etwas Illegales gemacht und auf einmal mussten wir illegal fliehen – das ist nicht einfach gewesen. Auf der Flucht hatten wir monatelang  Angst,  dass wir irgendwann nicht mehr genug Kraft und Geld haben und eines Tages aufgeben müssen. Doch am Ende haben wir es bis nach Deutschland geschafft.

Sie mussten sehr kämpfen, hier in Deutschland zu bleiben. Wie haben Sie das gemacht?

Rezan Khello: Dieser Kampf war nicht einfach. In den ersten sechs Monaten wurden unsere Asylanträge abgelehnt. Es hieß, dass wir alle Deutschland verlassen müssen, weil wir durch sichere EU-Länder eingereist seien. Für uns war das ein sehr großer Schock. Alles, was wir geplant und wovon wir geträumt hatten, sollte zunichte sein. Aber wir wollten unbedingt die letzten Chancen nutzen, um hier offiziell bleiben zu dürfen. Dabei hat uns die evangelische Kirchengemeinde des Ortes geholfen, in dem wir wohnten. Sie hat uns ihren Kirchenschutz angeboten und uns ins Kirchenasyl aufgenommen. Das war ein langer Prozess mit vielen Ungewissheiten. Keiner wusste am Ende, wie und ob wir an unser Ziel kommen. Insgesamt hat diese Phase etwas mehr als ein Jahr gedauert. Wir hatten sehr viele Schwierigkeiten. Eine zeitlang durfte keiner von uns das Kirchengelände verlassen, weil wir sonst illegal gewesen und sofort abgeschoben worden wären. Nach vielen widrigen Prozessen und einem langen juristischen Kampf hat meine Familie irgendwann eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Und ich konnte Stipendiat bei Brot für die Welt werden.

Welche Schwierigkeiten hatten Sie, Ihre Scheine an der Uni anerkennen zu lassen?

Rezan Khello:Der Bewerbungsprozess war kompliziert, weil ich mich am Anfang gar nicht ausgekannt habe. Ich hatte Freunde gefragt. Wie ich das machen soll, aber nicht so viele kennen sich damit aus. Ich gehöre zu den sogenannten Bildungsausländern, Studienbewerber mit ausländischen Hochschulabschlüssen. Man muss erst einen Anerkennungsprozess durchlaufen, damit das den deutschen Hochschulabschlüssen entspricht und danach kann man sich erst bewerben. Menschen von der Kirche, die uns Asyl gegeben haben, und auch meine Betreuer von Brot für die Welt haben dazu beigetragen, dass der Bewerbungsprozess irgendwann erfolgreich war.

Welche Rolle spielt das Stipendium, um Ihren Aufenthalt in Deutschland abzusichern?

Rezan Khello:Als Studienbewerber konnte ich durch das Stipendium nachweisen, dass ich auch finanziert sein werde. Denn als geflüchteter Mensch in Deutschland habe ich sonst keine Möglichkeiten, ein Vollzeitstudium zu finanzieren. Das ist eigentlich unmöglich. Zusammen mit der Immatrikulation an einer anerkannten Hochschule hat das dann bewirkt, dass ich eine Aufenthaltserlaubnis zu Studienzwecken bekommen habe. Auch darum ist das Stipendium so hilfreich. Ich konnte mein abgebrochenes Studium fortsetzen und das hat mir neue Perspektiven eröffnet durch die Hilfe von Brot für die Welt.

Wie schwer war der Start an der Universität?

Rezan Khello: Natürlich habe ich am Anfang des Studiums wegen der neuen Sprache und wegen des neuen Hochschulsystems Schwierigkeiten gehabt. Ich musste immer doppelten Einsatz leisten im Vergleich zu anderen Kameraden. Deswegen kam es am Anfang des Studiums auch nicht in Frage, nebenbei zu arbeiten.

Warum engagieren Sie sich für andere Flüchtlinge?

Rezan Khello: Wenn Menschen aus Kriegsgebieten nach Deutschland kommen, sollen sie nicht das erleben müssen, was ich erlebt habe. Darum habe ich bereits vor meinem Stipendium begonnen, mich bei verschiedenen Flüchtlingshilfen zu engagieren. Wenn wir jungen Leuten helfen, damit sie schneller die Sprache lernen und zur Schule gehen oder eine Arbeit oder ein Studium aufnehmen können, ist das eine große Erleichterung. Viele Menschen aus Syrien haben großes Potential, sich in Deutschland ein gutes Leben aufzubauen.

Wie willkommen fühlen Sie sich an der Universität?

Rezan Khello: An der Uni wird nicht unterschieden, woher jemand kommt. Ich habe gar keine Probleme damit, dass ich geflüchtet bin. Was uns unterscheidet, ist die Leistung und nicht die Herkunft.

Wie schwer ist es, ein kompliziertes Studium wie Bauingenieurwesen in einer fremden Sprache zu meistern?

Rezan Khello: Die Sprache ist nicht so entscheidend wie in andren Fachbereichen beispielsweise. Die Kenntnisse aus den ersten Semestern in Aleppo ermöglichten mir, mich mehr auf die Sprache zu konzentrieren und Fachbegriffe zu lernen. Es ist nicht einfach, sich so ein großes technisches Wissen anzueignen, aber mittlerweile läuft es wirklich gut.

Was bringen Ihnen die Begegnungen mit anderen Stipendiaten von Brot für die Welt?

Rezan Khello: Durch das Programm und die Begleitveranstaltungen habe ich viele Studenten und Stipendiaten getroffen. Ich habe gelernt, offen und aufgeschlossen zu sein und habe nur gute Erfahrungen damit gesammelt. Ich erlebe eine ganz familiäre Atmosphäre, wenn ich bei Brot für die Welt in Berlin bin und alle treffe. Auch die Betreuerin bei Brot für die Welt unterstützt mich sehr.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?

Rezan Khello: Ich möchte das Studium zunächst erfolgreich abschließen. Wenn dann Frieden in meinem Land herrscht, kann ich mit dem deutschen Hochschulabschluss in Syrien zu arbeiten. Das ist eine sehr wertvolle und hilfreiche Erfahrung, in Deutschland studiert zu haben. Doch wenn alles so schrecklich bleibt und der Krieg gar nicht aufhört, dann muss ich hier meinen Weg gehen und eine Arbeit auf dem deutschen Arbeitsmarkt suchen. Ich bin zuversichtlich, dass ich eine Stelle finde, denn Bauingenieure werden in Deutschland gebraucht. Ich hoffe dann auf einen guten Job mit einer guten Position und Perspektiven.

 

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