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Die Seafarers Night auf dem Kirchentag

Die Deutsche Seemannsmission mit Unterstützung der Georgsgemeinde aus Dortmund und Brot für die Welt feierten ein Abendmahl mit Gesprächen und Szenen zur Situation von Seeleuten. Die Globaliserung darf nicht auf ihrem Rücken stattfinden. Deswegen wird die Kampagne "Fair übers Meer" unterstützt.
Von Francisco Marí am 22.06.2019 - 18:28
Francisco MaríReferent für Welternährung, Agrarhandel, Meerespolitik
+49 (0) 30 65211-1822E-Mail: francisco.mari@brot-fuer-die-welt.de

Impressionen von der Seafarers Night: Bischof Bedford-Strohm und Rörd Braren, Mitarbeitende der Seemannsmission und Bischöfin Kirsten Fehrs

Über 90% aller Waren unseres täglichen Bedarfs sind nach ihrer Herstellung oder als Komponenten über den Seeweg zu uns gekommen. Bewegt werden sie auf großen Handelsschiffen, die mit nur noch 15 -25 Seeleuten wochen- oder monatelang unterwegs sind. Um auf das schwierige Leben an Bord und in den Häfen aufmerksam zu machen, lud die Deutsche Seemannsmission  auf dem 37. Evangelischen Kirchentag in die Große Kirche in Dortmund-Aplerbeck zu einer Seafarers Night  ein und wurde dabei von Brot für die Welt und der Georgsgemeinde unterstützt.

  Die Deutsche Seemannsmission ist der evangelischen Kirche nahe und unterhält in 18 Ländern an den Häfen Begegnungszentren, die Seeleute seelisch und praktisch betreuen. Die SeemannspastorInnen und Mitarbeitenden gehen zu ihnen an Bord oder bringen sie in ihren Seemannszentren für eine kurze Zeit zum Verschnaufen, um mit ihren Angehörigen in Ruhe zu skypen oder um Besorgungen zu erledigen. Einige dieser Stationen sind in Entwicklungsländern und viele der Seeleute kommen aus Ländern in denen Armut und Unterentwicklung herrscht. Schwere Tätigkeiten, Isolation, monatelange Abwesenheit von ihren Familien und weitgehende Beschränkungen des Landgangs, begleiten die MitarbeiterInnen in den Seemannsmissionen, wie z.B. Martina Platte, Leiterin des Zentrums in Hongkong, während des Gottesdienstes beschrieb.

 Um diese beiden Seiten, Arbeit und Leben der Seeleute und die Tätigkeit der Seemannsmission darzustellen wurde das Feierabendmahl Seafarers Night den TeilnehmerInnen des Kirchentages angeboten und gut angenommen mit einer vollen Kirche.

Schon nach der Begrüßung durch den neuen Generalsekretär der Seemannsmission Pastor Christoph Ernst  wurden die Teilnehmenden mit der bitteren Realität auf den Meeren konfrontiert. Markus Schildhauer, der Leiter der Seemannsmission in Alexandria bat den EKD Ratsvorsitzenden Bischof Bedford-Strohm und den Reeder Rörd Braren zu einem Gespräch über das aktuelle Thema, Flucht übers Mittelmeer.
 

Keine Kriminalisierung der Seenotrettung

 Dabei kam vor allem die unfassbare Situation zur Sprache, dass die völkerrechtliche Verpflichtung zur Seenotrettung von Menschen von den Hafenstaaten im Mittelmeer immer mehr unterhöhlt wird. Der aktuelle Fall auf dem privaten Seenotrettungsschiff „Seawatch“, auf den Bischof Bedford Strohm aufmerksam machte, ist der vorläufige Gipfel der menschenunwürdigen Politik in der EU gegenüber Geflüchteten oder wie Markus Schildhauer korrigierte, gegenüber Schutzbefohlenen auf Schiffen.
 Bischof Bedford-Strohm hatte Mannschaft und Geflüchtete in Sizilien treffen wollen und wurde von den italienischen Behörden verweigert auf das Schiff zu gehen. Das Hin- und Her darum, wohin und wie die nur 46 geretteten Menschen von Seawatch in Europa  verteilt werden sollen, ist für ihn eine schreckliche moralische Niederlage der Regierungen in der EU, die angeblich so viel auf ihre christlichen Werte setzen. Im Umgang mit den Ertrinkenden im Mittelmeer verlieret Europa moralische Glaubwürdigkeit und er versprach für die EKD bei diesem Thema die Politik in Deutschland und der EU niemals aus der Verantwortung zu lassen. Dazu gehöre natürlich auch sich für eine Verbesserung der Lebensbedingungen in den Ursprungsländern einzusetzen, Armut, Hunger, Kriege und Konflikte zu beenden, damit es gar nicht zur Notwendigkeit kommt fliehen zu müssen.  
 Während Seenotrettungsschiffe, wie die Sea Watch als zivile NROs dafür auslaufen müssen Menschen im Mittelmeer zu retten, weil staatliche Maßnahmen eingestellt werden (Operation Sophia), sind Handelsschiffe auf dem Mittelmeer in erster Linie für den Gütertransport ausgestattet. Dennoch haben sie nach internationalem Recht  natürlich die Verpflichtung anderen Schiffen oder Booten in Seenot zur Hilfe zu kommen.

 

Europa sperrt Geflüchtete aus – die Handelsschifffahrt muss das mit ausbaden

Allerdings versuchen inzwischen so viele Menschen mit seeuntüchtigen Booten das europäische Festland aus Nordafrika zu erreichen, dass die Hilferufe auf See sehr häufig sind. So hörte man plötzlich während des Gottesdienstes symbolisch die Alarmsirene, die an Bord ertönt, wenn Menschen in Seenot gesichtet werden. Der Schiffseigner Rörd Braren  machte darauf aufmerksam in welche schwierige Situation die Besatzungen der Handelsschiffe geraten, wenn sie diesen Menschen helfen, da Verpflegung und Platz inzwischen selbst auf großen Containerschiffen nur für 15 bis 20 Seeleute vorhanden sind. Wenn dann bis zu mehreren Hundert Menschen aufgenommen werden, die auch medizinischer Hilfe bedürfen, die oft an Bord nicht vorhanden ist, dann wird die Situation für Kapitän, Offiziere und Mannschaft zu einer unerträglichen psychischen Belastung. Sie erreicht einen unermessliche Grad, wenn dann auch klar wird, dass der nächstgelegene Hafen für die Übergabe der Geretteten keine Erlaubnis gibt anzulanden oder der Zielhafen keine Einfahrt gewährt solange die Geflüchteten an Bord sind. Hier nehmen Staaten, wie Malta oder Italien, stellvertretend für die gesamte unmenschliche Abschottungspolitik der EU die Handelsschiffe als Geisel. So kommt es inzwischen auch vor, dass Kapitäne von Handelsschiffen mit Anklagen wegen Menschenschmuggel festgenommen werden. Welche Absurdität, dass Menschenrettung zum Verbrechen in der EU geworden ist und das Ertrinken Tausender als Kollateralschaden der EU Abschottung. Dennoch versicherte Herr Braren, der selbst als Kapitän zur See fährt, dass es für ihn und seine Kollegen niemals in Frage käme diese Hilfe nicht zu leisten. Er betonte aber, wie sehr die meist international -auch mit Menschen aus armen Ländern- zusammengesetzten Mannschaften die Aufnahme von Geflüchteten psychisch belaste. Denn auch Konflikte mit ihnen bleiben nicht aus, wenn kein Hafen sie aufnähme und Vorräte geteilt werden müssten, weil keine Hilfe von Land kommt. Auch Seeleute haben Kinder und Familie und leiden mit den Geretteten mit. Er fordert an dem Abend ebenfalls die Politik auf, nicht auf dem Rücken der Geflüchteten und der Handelsschifffahrt eine restriktive Migrationspolitik durchzusetzen.

Bischöfin Kirsten Fehrs, die „Stimme der Seeleute“

Nach diesem bestürzendem, wütend und traurig machenden Einstieg in das Feierabendmahl der Seafarers Night, begleitet von Musik und Gebeten und kleinen Szenen zum Leben an Bord, wurde die engagierte Predigt der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs,  zum Höhepunkt der Andacht.  Die Präsidentin der Seemannsmission, Arbeitsmedizinerin und Schiffsärztin, Dr. Clara Schlaich zeichnete zuvor Bischöfin Fehr als  die „Stimme der Seeleute“ aus. Die Losung des Kirchentages „was für ein Vertrauen…“ griff die Bischöfin dann auf, um zu beschreiben, wie sehr Seeleute genau dieses Vertrauen in ihren Beruf seit Jahrhunderten aufbringen müssten, da sie auch heute noch sich den Launen der Naturgewalten auf See ausliefern. Man merkte Bischöfin Fehr in ihrer Predigt an, wie sie sich engagiert auf die Seite der Menschen auf See schlägt und verurteilt auch die Situation in die Seeleute durch die EU Flüchtlingspolitik gebracht werden. Sie ist froh darüber, welche großartige Arbeit von den Mitarbeitenden der Seemannsmission geleistet wird.

 

Seeleute, Fischer, Fabrikarbeiter, Schiffssklaven – die Menschen auf Fischfangschiffen

In einem abschließenden Kurzgespräch wurde Francisco Mari, Referent für Meerespolitik und Fischerei bei Brot für die Welt gefragt, ob eigentlich die Beschäftigten in den Fischfangflotten auf den Weltmeeren eigentlich auch Seeleute wären oder doch Fischer. Francisco Marí beschrieb, dass sie auf großen Fangtrawlern heute beides wären und manchmal auch Fabrikarbeiter, die den Fisch an Bord auch schon filetieren und einfrieren. Das Schlimmste auf Fangbooten sei aber die zunehmende Tendenz junge Menschen, besonders in Südostasien an Bord von Fangschiffe zu locken und sie jahrelang, quasi als Schiffssklaven an Bord zu halten. Die Trawler laufen mehrere Jahre keine Häfen an, sondern werden von anderen Schiffen versorgt oder notdürftig repariert. Der Fang, meist illegal an Bord geholt, wird einfach auf andere „legale“ Fangboote auf See umgeladen. Solche „Sklavenschiffe“ operieren meist vor den Küsten von Entwicklungsländern, wie in Südostasien oder Afrika, die keine Marine oder Küstenschutz haben. Sie dringen oft illegal in die geschützten Gewässer der Kleinfischer ein. Dort hinterlassen sie mit Bodenschleppnetzen verwüstete Seeböden oder werfen tonnenweise Beifang wieder ins Meer, weil sie nur an den teuren Edelfischarten interessiert sind. Dieser vergeudete Fisch fehlt dann den Kleinfischern als Einkommen und der Bevölkerung als Nahrung und dezimiert auch für die Zukunft die Bestände, da die natürliche Reproduktion durch den fehlenden Jungfisch massiv gestört wird. Diese Methoden müssten gestoppt werden, vor allem dadurch, dass alle Häfen strikt kontrollieren wo der Fisch der Fangschiffe herstammt und ob es dafür Fanglizenzen und Fangquoten gab und nicht von „Sklavenschiffen“ billig auf See eingekauft wurde.

Nach diesem Appell und dem Feiern des Abendmahls lud Seemannspastor Matthias Ristau aus Hamburg die Anwesenden zu einer kulinarschen Stärkung ein und zum Ausfüllen von Karten mit Grüßen an Seeleute, die dann in den Seemannsstationen an sie übergeben werden.

Die Kampagne „Fair übers Meer“
 Die Seemannsmission und Brot für die Welt warben mit dieser Seafarers Night auch für die Kampagne „Fair übers Meer“, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen auf Handelsschiffen zu verbessern. Denn die Globalisierung und der weltweite Warenaustausch würden ohne die Schifffahrt nicht funktionieren und sie sollen nicht auf dem Rücken der Seeleute ausgetragen werden. Um das umzusetzen wird die Kampagne auch in Zukunft gemeinsame Aktionen veranstalten. So geschehen auf dem 37.Kirchentag gemeinsam mit der Bremer NRO „Fair-Oceans“ mit einer Ausstellung „Schlachthof der Schiffe“  mit Fotos von Christian Faesecke  zu den Arbeitsbedingungen bei der Verschrottung von ausgedienten Schiffstrawlern in Chittagong/Bangladesch und Erläuterungen zur Situation von Seeleuten und Kleinfischerei auf der Welt mit einem Teil der Ausstellung von Fair Oceans und Brot für die Welt „Das Meer, die letzte Kolonie? Über die entwicklungspolitische Dimension der Meerespolitik“.

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