Blog-Beitrag

„Sie wollen die Indigenen auslöschen“

In Zentralamerika finden sich in indigenen Territorien noch immer große Wälder und eine hohe Biodiversität. Auf ihrem Land ist die Natur noch intakt. Doch genau das weckt das Interesse mächtiger Unternehmen. Mutige Frauen erzählten auf der Tagung des Runden Tischs Zentralamerika aus ihrem Leben.
Von Melanie Bleil am 06.05.2019 - 12:25
Melanie BleilProjektbearbeiterin für Menschenrechte und Frieden
+49 (0)30 65211 1408E-Mail: melanie.bleil@brot-fuer-die-welt.de
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Francisca, Lesbia und Miriam fordern ein Ende der Morde an Menschenrechtsverteidigerinnen

Drei Länder, drei unterschiedliche Fälle und dennoch ganz ähnliche Probleme. Kämpfe um Land und Selbstbestimmung in Zentralamerika sind für Indigene und Kleinbäuer*innen auch der Kampf um ihre Zukunft und um ihr Überleben. Auf der Tagung an der Evangelischen Akademie Bad Boll kamen sie zur Sprache und berichteten aus ihrem mutigen und entschlossenen Leben, das sie für den Erhalt ihrer Lebensweise und der Natur aufs Spiel setzen.

 

GUATEMALA – Widerstand, der das Leben kostet

„Unser Land ist unsere Lebensessenz.“, sagt Lesbia Artola, indigene Kleinbäuerin aus Guatemala. Dann verdüstert sich der Blick der kleinen Frau mit dem weiten Rock. Sie erzählt von den Morden, die besonders 2018 zunahmen, und Haftbefehlen, die gegen Männer und Frauen ihres Volkes erlassen wurden. Jeder der Maya-Nachfahren, die sich für das Recht auf Land einsetzt, hätte rund 10 Prozesse gegen sich laufen. Die Tränen laufen ihr über das Gesicht als sie von den ermordeten compañeros berichtet, die Erinnerung schmerzt. In der Ruhe der Evangelischen Akademie Bad Boll hat sie Zeit, nicht nur handeln zu müssen, sondern mit Abstand über das Geschehene nachzudenken. Ihr Komitee der Kleinbäuer*innen im Altiplano (CCDA) wehrt sich gegen einen Staudamm auf dem Land ihres indigenen Volkes. Dafür bekommen die Mitglieder die ganze Härte der Polizei und der privaten Sicherheitskräfte des Unternehmens zu spüren. Ein ruhiges, beschauliches Leben ist seitdem nicht mehr möglich.

 

HONDURAS – Perspektiven eröffnen

Auch Miriam Miranda berichtet von den Übergriffen durch Polizei und kriminelle Banden. „Ich bleibe.“, sagt sie. Und das, obwohl sie bereits selbst von einem Drogenkartell entführt wurde, um umgebracht zu werden. Doch davon hat sich die große Frau von der honduranischen Karibikküste nicht einschüchtern lassen. Traurig schüttelt sie den Kopf, wenn sie an die Migrant*innen, die Richtung Norden aufbrechen, denkt. „Wir müssen mehr als nur Widerstand leisten. Wir müssen Antworten finden, damit die Leute bleiben.“, erklärt sie. Ihr Traum ist es, eine indigene Universität zu eröffnen und mit dem biologischen Anbau von Kokospalmen und dem Gewinn des Kokosnussöls eine neue Lebensgrundlage für ihre Gemeinde zu schaffen. Doch schon jetzt bereitet sich ihre Organisation OFRANEH auf Gegenkampagnen der Palmölplantagenbesitzer vor, denn ihr traditionelles Land ist umzingelt von Monokulturen. Hinzu kommt das Interesse der Tourismusbranche an den wunderschönen Stränden in der Region, die bereits von Drogenkartellen als Kurierwege genutzt werden.

 

NICARAGUA – Flucht ins Exil

„Wie ein angeleinter Esel vor einem wilden Tiger“, fühlt sich Francisca Ramirez, wenn sie ihre Situation mit den mächtigen Interessen der Unternehmen und Regierung vergleicht. Die Kleinbäuerin aus Nicaragua ist eine der wichtigsten Sprecher*innen gegen die Pläne der Regierung, einen Kanal vom Atlantik bis zum Pazifik zu bauen. Chinesische Unternehmen haben für mehr als 90 Jahre eine staatliche Konzession erhalten, auf dem Land der dort lebenden Kleinbäuer*innen bauen zu können, was sie wollen. Auch wenn die Pläne des Kanalbaus erstmal auf Eis zu liegen scheinen, ist die Gefahr für die Kleinbäuer*innen, ihr Land und damit all ihren Besitz zu verlieren, nicht vorbei. Die Regierung antwortete auf ihren Widerstand gegen das Projekt mit Isolation: fehlende Krankenversorgung, keine Banken, kein Schutz seitens der Polizei. Die letzten Monate in Nicaragua mit den heftigen politischen Unruhen haben Francisca und ihre Familie ins Exil nach Costa Rica gezwungen. Francisca erzählt von Mädchen und jungen Frauen, die von der Polizei vergewaltigt wurden, und von Studierenden, die sich in Hoffnung auf Rettung in einer Kirche verschanzten und dennoch von den staatlichen Sicherheitskräften ermordet wurden. Im Exil hofft sie weiter auf Solidarität und den internationalen Druck auf die Regierung Ortegas, damit sie wieder zurück auf ihr Land kann.

 

Übermacht des exportorientieren Wirtschaftsmodells

Adalberto Padilla von der Partnerorganisation von Brot für die Welt, UICN, bringt die Geschichten auf den Punkt: „Einige Regierungen meinen, dass es billiger ist, den sozialen Widerstand gegen extraktive Projekte zu brechen als ein Unternehmen zu entschädigen.“ Auch deshalb spricht er von einer „entführten Demokratie“ in den Ländern Zentralamerikas. Das Wirtschaftsmodell, in dem Fortschritt durch den Export und die Ausbeutung natürlicher Ressourcen erreicht wird, ist fest in den Köpfen der politischen Elite verankert. Neben den Unternehmen profitiert  sie davon. Viele Politiker*innen besitzen Unternehmen oder halten die Hand auf, wenn es um die Vergabe von Konzessionen für Bergbau, Staudämme oder Palmölplantagen geht. Das Land wird als frei und unbesiedelt angesehen. Ein Katasteramt, das Grenzen und Einflussmöglichkeiten regeln würde, gibt es nicht oder es wird von den Eliten für ihre eigenen Interessen benutzt. So kaufen Drogenkartelle und Eliten das Land der Indigenen auf und nutzen es zur Geldwäsche. Die Justiz ignoriert meist die Straftaten durch Unternehmen oder politische Machthaber. Es gibt kaum starke, staatliche Institutionen, die sich wirkungsvoll für den Schutz der Menschen vor Ort einsetzen.

Die Gäste der Tagung „Land – Leute -  Lucha“ , die vom 22.-24. März 2019 an der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfand, sind  entschlossen, sich gegen die mächtigen Interessen zu wehren: mit internationaler Solidarität, juristischen Mitteln, Aufklärungskampagnen oder der Nutzung von Abkommen auf UN-Ebene. Denn Lesbia kann aus den aktuellen Entwicklungen in der Region nur einen Schluss ziehen: „Sie wollen unseren Widerstand, und wenn es sein muss, unser indigenes Volk auslöschen.“ Dies gilt es zu verhindern.

Bildergalerie: 

Die brasilianische Staudamm-Aktivistin Dilma Ferreira Silva wurde am 22.3.2019 ermordet. Die Teilnehmenden der Tagung setzen ein Zeichen der internationalen Solidarität.

Teilnehmende der Tagung fordern ein Ende der Morde an Menschenrechtverteidigenden

© Melanie Bleil

 

 

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