Blog-Beitrag

Stadt-Land-Essen

Wie kann der wachsende städtische Bedarf an Nahrungsmitteln positiv auf die ländliche Entwicklung wirken?
Von Dr. Luise Steinwachs am 12.10.2017 - 19:20
Dr. Luise SteinwachsLeiterin Referat Grunddienste und Ernährungssicherheit
+49 (0) 30 65211-1831E-Mail: luise.steinwachs@brot-fuer-die-welt.de
mehr zur Person

SOFA Report 2017

Angesichts weltweit wachsender Megastädte stellt sich die Frage, wie Städte mit gesunder Nahrung versorgt werden können. Viele mehr oder weniger technische Ideen sprießen aus dem Boden, die von der Versorgung durch ländliche Produktion über urban gardening hin zu technisch hochkomplexer vertikale Landwirtschaft in Gebäuden reichen. Für Brot für die Welt ist wichtig zu fragen – was heißt das für die ländliche Bevölkerung und für Kleinbäuerinnen und Kleinbauern?

Wer ernährt die Stadt?

Dieser Thematik geht der aktuelle Bericht der Welternährungsorganisation FAO nach, der im Rahmen der jährlichen Tagung des Welternährungsrates am 9. Oktober 2017 in Rom – kurz vor dem Welternährungstag – vorgestellt wurde.

Zwar ist es richtig, dass es heute weltweit 28 Megastädte mit jeweils mehr als zehn Millionen Einwohnern gibt. Im Jahr 2030 werden es 41 Megastädte sein. Gleichzeitig steigt auch die absolute Zahl der Menschen, die in Städten leben: Die Stadtbevölkerung könnte sich bis 2050 weltweit von heute knapp vier Milliarden auf dann 6,5 Milliarden Menschen vergrößern. Knapp 90 Prozent des Wachstums der urbanen Bevölkerung bis 2050 werden in Afrika und Asien erwartet.

Andererseits zeigen neue Studien, dass große Städte mit einer Bevölkerung von fünf bis zehn Millionen Menschen oder mehr nur 20 Prozent der städtischen Bevölkerung ausmachen. Die Mehrheit der Stadtbevölkerung wird auch 2030 in Städten mit weniger als einer Million Einwohner leben, 80 Prozent davon sogar mit weniger als 500.000 Einwohnern. Die FAO spricht daher von einem „Land-Stadt-Spektrum“, das von Megastädten über große regionale Zentren, Marktstädten zu ländlichen Gegenden reicht.

Armut auf dem Lande

Die Armutsraten sind auf dem Lande noch immer viel höher als in der Stadt. So hält auch die Migration vom Land in die Stadt unvermindert an. Der Bericht stellt daher die Bedeutung von Ernährungssystemen 1. für die Ernährung der Städte und 2. für die Einkommens- und Entwicklungsmöglichkeiten der ländlichen Bevölkerung heraus - die Versorgung der Städte als Chance für die Verbesserung der ländlichen Situation. Die positiven Aspekte liegen auf der Hand: Diversifizierte Ernährungssysteme, die vielfältig mit urbanen Ansiedlungen verbunden sind, schaffen Beschäftigung und Einkommen in ländlichen Gegenden, wodurch Menschen möglicherweise davon abgehalten werden, in Städte abzuwandern. Dies bezieht sich auf Unternehmen, die Nahrungsmittel verarbeiten, packen, transportieren, lagern, vermarkten und verkaufen ebenso wie solche, die Inputs wie Saatgut und technische Geräte oder Dienstleistungen bereitstellen. Wenn dann die Förderung der notwendigen Infrastruktur hinzukommt – Straßen, Elektrizität, Lagerungsmöglichkeiten, Kühlung – kann der steigende Bedarf einer wachsenden städtischen Bevölkerung die ländliche Entwicklung ankurbeln.

Doch lauert auch hier die altbekannten Entwicklung: Wo Profit zu machen ist, kommen große Akteure ins Spiel - Nahrungsmittelkonzerte, große kommerzielle Farmen, Verarbeitungsindustrie und Händler. Und hier bleibt der Bericht vage, spricht lediglich davon, dass „unterstützende öffentliche Maßnahmen“ notwendig sind, damit der steigende städtische Bedarf tatsächlich auch der ländlichen Entwicklung zugute kommt.

Lebensgrundlage der Kleinbauer-Familien in den Fokus nehmen

Wenn gleichzeitig – wie der Bericht aufzeigt – weltweit 85% der landwirtschaftlichen Farmen kleiner als zwei Hektar sind und sich diese Tendenz, dass Farmen immer kleiner werden, fortsetzt, wird klar, dass es um sehr viel mehr geht als nur die Verbindung von ländlichen Produzenten und städtischem Bedarf. Die Flächen sind einfach zu klein, um ökonomisch sinnvoll bestellt werden zu können. Da reicht es auch nicht aus, wenn die FAO – neben ihren Empfehlungen zur Produktivitätssteigerung durch zum Beispiel Düngemittel und Hochertragssorten – auch agrarökologische Ansätze nennt. Die Lebensgrundlagen an sich müssen in den Blick genommen werden, der Zugang zu Land und Wasser, zu Saatgut und andere Ressourcen. Landrechte müssen gestärkt werden. So betont auch der zivilgesellschaftliche Teil (Civil Society Mechanisms) der Welternährungsrates, dass der ländliche Sektor nicht nur als Reservoir von Ressourcen, Produkten und billiger Arbeitskraft für die wachsenden Städte gesehen werden darf.

Die Aufgabe bleibt, daran mitzuwirken, dass eine Transformation des ländlichen Raumes im Zusammenhang mit städtischer Entwicklung gestaltet werden kann, so dass die Rechte und die Produktionsformen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gestärkt und erweitert werden.

Blog Übersichten

Helfen Sie mit einer monatlichen Spende: Fördermitglied werden