Blog-Beitrag

Tourismus vergrößert Wasserknappheit

Große Swimmingpools, weitläufige Gärten – seit Jahrzehnten schon üben die Hotelanlagen in warmen Küstenregionen eine besondere Anziehungskraft auf Reisende aus und bescheren den deutschen Reiseveranstaltern Wachstumsrekorde. Doch die Besucherströme hinterlassen ihre Spuren.
Von Antje Monshausen am 04.09.2017 - 13:20
Antje MonshausenReferentin Tourism Watch

Karikatur: Ein Mann verschwendet beim Duschen in einen Hotel Wasser. Für eine einheimische Wäscherin bleibt zum Waschen nur sein Abwasser.
In vielen Urlaubsgebieten ist Wasser sehr knapp. Es sollte nicht gedankenlos verschwendet werden.

Die steigenden Touristenzahlen und die wachsende Infrastruktur verzehren Unmengen an Wasser. Das Recht der Einheimischen auf Wasser bleibt dabei in vielen Fällen auf der Strecke. Durch diese Art von Tourismus wird das sechste der nachhaltigen Entwicklungsziele zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Wasser und der Sanitärversorgung für alle gefährdet. Doch obwohl Deutschland global gesehen der drittgrößte Sendemarkt ist, findet sich zum Thema Tourismus kein Wort in der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie.

Deutschland: „Weltspitze“ beim Wasserverbrauch und beim Reisen

Auch wenn China inzwischen Deutschland als Reiseweltmeister abgelöst hat, bleiben die Ausgaben der Deutschen für Auslandsreisen mit umgerechnet 73,3 Milliarden US-Dollar weiterhin beachtlich: In kaum einem anderen Land der Welt reist ein so großer Teil der Bevölkerung so oft und so weit. Besonders beliebt ist dabei der Sonne-Sand-Meer Tourismus, der von warmen, regenarmem Wetter abhängt. Beliebte Urlaubsländer rund um das Mittelmeer erfüllen nahgelegene Urlaubsträume. Sie leiden aber auch in zunehmendem Maße unter Wassermangel. Schattenspendende Grünanlagen, weitläufigen Golfplätze und kühlende Pools benötigen viel Wasser. Kein Wunder, dass der Wasserverbrauch auf Reisen nachweislich höher ist als zu Hause.

Reisen wird zunehmend wasserintensiver

Bisher existieren global kaum Studien zum Wasserverbrauch im Tourismus. Nach einer Studie, die im Journal of Sustainable Tourism erschienen ist, lag der jährliche direkte und indirekte Wasserverbrauch im Jahr 2010 bei 138 Kubikkilometern. Das entspricht im Schnitt 6575 Litern pro Reisendem und Tag. Wegen des touristischen Wachstums und der Zunahme wasserintensiver Reiseangebote sowie Transportmittel wird erwartet, dass sich der Verbrauch bis 2050 etwa verdoppeln wird.

Dieses Wasser fehlt aber der einheimischen Bevölkerung. Die britische NGO TourismConcern berichtet, dass im indischen Goa ein 5-Sterne-Ressort 1785 Liter Wasser pro Zimmer und Tag verbraucht, während die nahe lebende Bevölkerung mit täglich 14 Litern auskommen muss. Ihre eigenen Brunnen wurden wegen Wassermangels und Verunreinigungen zum Teil geschlossen.

Auf der indonesischen Insel Bali werden 65 Prozent des vorhandenen Wassers im Tourismus verbraucht. Da der Wasserdruck der öffentlichen Leitungen oft gering ist, besitzen die meisten Hotels eigene Brunnen, die im Gegensatz zu den Brunnen der Bevölkerung motorbetrieben sind.  Die Brunnen werden immer tiefer gebohrt, so dass der Wasserspiegel zunehmend fällt und Salzwasser das vorhandene Grundwasser verunreinigt.

Die Tourismuswende gestalten

Im September 2015 setzten sich die Vereinten Nationen 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals,  SDG). Im Ziel Nummer 6 formulierte die Agenda 2030 ein eigenes nachhaltiges Entwicklungsziel für den Bereich Wasser und stärkt damit das seit 2010 in den Kanon der allgemeinen Menschenrechte aufgenommene Recht auf Wasser und Sanitärversorgung.

Dass alle Menschen genügend Wasser zur Verfügung haben sollen, ist nicht nur ein alleinstehendes Ziel, sondern hat enge Verbindungen zu weiteren nachhaltigen Entwicklungszielen, wie dass der Hunger beendet, ein nachhaltigen Wirtschaftswachstum gefördert oder der Klimawandel und seine Auswirkungen bekämpft werden soll. Schon an dieser unvollständigen Aufzählung wird deutlich, wie eng das Entwicklungsziel Wasser mit den Bedingungen, unter denen Tourismus stattfindet, verbunden ist. Tourismus wiederum wird in drei der 17 SDGs explizit genannt (SDG 8, 12 und 14) – nicht aber im Wasserziel, trotz der hohen Verbindung zu ihm.

In der deutschen Tourismuspolitik wird die Bedeutung der Auslandsreisen für die Nachhaltigkeit und die Entwicklung in den Zielländern nicht genügend beachtet und muss deshalb bei der anstehenden Überarbeitung der Nachhaltigkeitsstrategie im Jahr 2018 berücksichtigt werden. Dabei muss die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schaffen und auch Unternehmen und Reisende ihrer Verantwortung gerecht werden.

Tourismuswende in der Politik

Die Bundesregierung muss in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie und ihrem Monitoring  klare Reduktionsziele des deutschen Wasserverbrauchs festlegen: Der virtuellen Fußabdruck Deutschlands in Ländern, die von Wasserstress betroffen sind, muss erfasst und vermindert werden.

Die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte beschreiben deutlich die menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten von Unternehmen. Diese müssen in die Pflicht genommen werden und verbindlich über den durch sie verursachten Wasserverbrauch Bericht erstatten. Bisher hat sich die Bundesregierung im Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte nur auf eine Erwartungshaltung gegenüber Unternehmen verständigt. Damit die Unternehmen sich aber tatsächlich darum kümmern, muss diese Erwartungshaltung auch überprüft werden und Sanktionen verhängt werden, wenn sie nicht erfüllt wird.

Darüber hinaus werden klimaschädlicher Mobilitätsarten weiterhin subventioniert, allen voran der internationale Flug- und Schiffsverkehr. Diese Subventionen sind einer der wichtigsten Gründe für das immense Wachstum des Tourismus. Dazu zählt auch dass Agrotreibstoffen gefördert werden.  Ihr  großflächiger  Anbau  hat  erhebliche Auswirkungen auf den Wasserverbrauch und das Recht auf Wasser – insbesondere in Entwicklungsländern. Deshalb sollten diese klimaschädigenden Subventionen abgebaut und Wirtschaftsweisen in Bezug auf ihre Klimawirkung adäquat besteuert werden. 

Auf internationaler Ebene muss Wasser als soziales und kulturelles Gut anerkannt werden, das nicht für den Individualbedarf kommerzialisiert werden darf. Damit soll der Wasser- und Sanitärzugang gesichert werden, insbesondere von besonders verletzlichen Gruppen, wie Frauen, Kindern und indigenen Völkern. Die lokale Bevölkerung sollte an der Verbesserung der Wasserbewirtschaftung und der Sanitärversorgung mitarbeiten können. Das gilt besonders für Programme der Entwicklungszusammenarbeit und der Außenwirtschaftsförderung.

Tourismuswende bei Unternehmen und Reisenden

Viele Reiseunternehmen haben in der Vergangenheit schon Wasserstopptasten in WCs eingebaut oder wechseln Handtücher nicht mehr täglich, sondern nur nach Bedarf. Solche Maßnahmen müssen ständig überprüft und verbessert werden. Zum Beispiel sollen die Unternehmen durch Fortbildung sicherstellen, dass ihre Mitarbeitenden auf allen operativen Ebenen die Wassersparmaßnahmen auch kennen und umsetzen.

Allerdings reicht es nicht aus, nur Wasser im operativen Geschäft zu sparen. Wasserintensive Angebote wie Spaßbäder oder Golfplätze sollten nicht in Ländern angeboten werden, die von Wasserknappheit betroffen sind.

Die Unternehmen sollten auch in Dialog mit der lokalen Bevölkerung im Reiseland treten und Strategien entwickeln, wie notwendige tourismusbezogene Infrastrukturmaßnahmen für das eigene Unternehmen auch den Wasser- und Sanitärzugang für die lokale Bevölkerung unterstützen kann.

Aber auch Reisende sollen sich bei Auslandsreisen ihrer Verantwortung bewusst sein. Sie sollten der lokalen Wassersituation angemessene Reiseangebote wählen, mit knappen Ressourcen vor Ort respektvoll umgehen und ihren Wasserverbrauch reduzieren.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Sammelband "Großbaustelle Nachhaltigkeit", welcher am 05.09.17 von einem großen Bündnis von Umwelt- und Entwicklungsorganisationen veröffentlicht wurde.

Blog Übersichten

Helfen Sie mit einer monatlichen Spende: Fördermitglied werden