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Wer Agrarökologie Sät, wird Agrarökologie ernten

Eigentlich klingt es selbstverständlich, dass Agrarökologie nur mit bäuerlicher Saatgutarbeit funktionieren kann. Ein Konzept, das sich an geschlossenen Kreisläufen orientiert , muss auch Saatgutbanken, Tauschnetzwerke, Forschung und bäuerliche Saatgutzüchtung fördern.
Von Stig Tanzmann am 09.12.2016 - 10:50
Stig TanzmannReferent für Landwirtschaft
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Nur wer Agrarökologie Sät, wird Agrarökologie ernten

 

Eigentlich klingt es selbstverständlich, dass Agrarökologie nur mit bäuerlicher Saatgutarbeit funktionieren kann. Ein Konzept, das sich an geschlossenen Kreisläufen orientiert und auf so wenig externe Inputs wie möglich setzt, muss auch Saatgutbanken, Tauschnetzwerke, Forschung und bäuerliche Saatgutzüchtung fördern.

Durch die hohe Marktkonzentration im Saatgutbereich, die sich durch mögliche zukünftige Übernahmen wie die von Monsanto durch Bayer noch drastisch verschärfen könnte, wird der Spielraum für alternative Ansätze der Saatgutarbeit und -zucht stark eingeschränkt. Bald könnten drei Konzerne über 60 Prozent des kommerziellen weltweiten Saatgutmarkts kontrollieren. Gleichzeitig ist klar: Mit Saatgut von Bayer und Monsanto Agrarökologie zu betreiben, wird nicht funktionieren! Beide Konzerne produzieren außer Saatgut auch die passenden Pestizide, die sie zusammen mit ihrem Saatgut als Paket verkaufen wollen.

 Die Konzerne kontrollieren jedoch „nur“ den kommerziellen Markt für Saatgut und darin liegt eine Chance für die Agrarökologie: Sie orientiert sich vornehmlich an bäuerlichen Saatgutsystemen und deren Weiterentwicklung. Im globalen Süden wird der Großteil des Saatguts immer noch von den Bauern und Bäuerinnen selbst verteilt und weiterentwickelt. Doch diese bäuerlich kontrollierten Saatgutsysteme wurden über Jahrzehnte von Regierungen und der Mehrheit der Wissenschaft benachteiligt. Sie können daher schon lange nicht mehr ihr volles Potenzial entfalten. Dabei liegt der Schlüssel zum Aufbau agrarökologischer Saatgutarbeit in der Förderung von Systemen, in denen Bauern und Bäuerinnen die Kontrolle über das Saatgut behalten. Vielerorts werden bereits solche alternativen Ansätze entwickelt.

Saatgutbanken aufbauen

In Nepal wurden in den letzten Jahren verstärkt lokale Saatgutbanken aufgebaut, die sich nach dem verheerenden Erdbeben von 2015 bewährt haben. Die Infrastruktur war in vielen Regionen des Landes zerstört, einige Orte nahezu unerreichbar und auch Hilfsgüter kamen um Monate verspätet an. In dieser Situation war das Saatgut aus den dezentralen Saatgutbanken viel einfacher zu beschaffen und zu verteilen. Die nepalesische Nichtregierungsorganisation LI-BIRD war sehr erfolgreich darin, große bäuerliche Saatguttauschbörsen zu organisieren und mit ihnen nicht nur die Saatgutversorgung sicherzustellen, sondern auch die Vielfalt bäuerlicher Saatgutsorten zu erhalten. Jedoch nimmt Nepal eine gewisse Sonderrolle ein: Für Höhenlagen entwickeln die Konzerne kein passendes Saatgut – die Märkte sind ihnen zu klein und die Profitmargen zu gering. In Nepal wurde das erkannt und seit einiger Zeit werden die Rahmenbedingungen für den Aufbau lokaler, bäuerlicher Saatgutbanken verbessert und die Rechte von Bauern und Bäuerinnen gestärkt.

 Bäuerliche Saatgutsysteme stärken

In Vietnam wurde in der Vergangenheit stark auf die Industrialisierung der gesamten Landwirtschaft und damit auch des Saatguts gesetzt – vor allem in den Gunstlagen des Mekong-Deltas. Zeitweise wurden dort nur noch fünf Reissorten angebaut, eine gefährliche Verengung der Diversität. Aus diesem Grund hat die südostasiatische Nichtregierungsorganisation SEARICE im Mekong-Delta den Aufbau von Saatgutinitiativen vorangetrieben. In der Anbausaison 2014 lieferten diese 166 000 Tonnen Reissaatgut und deckten damit 30 Prozent des gesamten Saatgutbedarfs im Delta ab. Diese Erfolgsgeschichte zeigt die Kraft von bäuerlichen Saatgutsystemen und beweist, dass es möglich ist, mit bäuerlicher und wissenschaftlicher Zusammenarbeit genetisch bereits verengte Saatgutsysteme wieder erfolgreich zu diversifizieren. Die bäuerlichen Sorten zeichnen sich durch eine hohe Trockenheits- oder Salztoleranz aus. Seit sie wieder züchten können, sind die Bauern und Bäuerinnen äußerst selbstbewusst in der Saatgutauswahl und wählen in Feldversuchen oftmals das Saatgut aus, das eine große Heterogenität aufweist. Dieses darf normalerweise aufgrund konzernfreundlicher Saatgut– und Sortenschutzgesetze gar nicht gehandelt werden. Aber dieses spezielle Saatgut ist für züchtungserfahrene Bauern und Bäuerinnen besonders attraktiv, weil sie die Sorten über Auslesezüchtung gezielt ihrem eigenen Anbaustandort anpassen können.

Strukturen, die es Bauern und Bäuerinnen ermöglichen, agrarökologische Saatgutarbeit und -zucht unbeeinflusst von kommerziellen Marktinteressen zu betreiben, sichern Lebensgrundlagen und stärken die Erzeuger*innen in ihrer Selbstbestimmung – sie ermöglichen die „Ernte“ der Agrarökologie.

Zum weiterlesen: Bioversity International (2015): Community Seed Banks. Origins, Evolution and Prospects.

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