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Zweites Agrarökologie Symposium der FAO in Rom

Generaldirektor Graziano da Silva hat das zweite Agrarökologie Symposium der FAO eröffnet. In seiner Einführungsrede macht er deutlich, dass die Grüne Revolution mit ihren kurzfristigen Ansätzen, angesichts von noch immer über 800 Millionen Hungernden, bei der Hungerbekämpfung gescheitert ist.
Von Stig Tanzmann am 04.04.2018 - 12:06
Stig TanzmannReferent für Landwirtschaft
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Großer Plenarsaal der FAO während des Agrarökologie Sympsium

 

Zweites Agrarökologie Symposium der FAO in Rom

Generaldirektor Graziano da Silva hat am 3. April das zweite Agrarökologie Symposium der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) eröffnet. In seiner Einführungsrede macht er deutlich, dass die Grüne Revolution mit ihren kurzfristigen, eindimensionalen und inputlastigen Ansätzen, angesichts von noch immer über 800 Millionen Hungernden und zunehmenden Umweltproblemen, bei der Hungerbekämpfung gescheitert ist und ein nachhaltiger Weg in die Zukunft anders aussehen muss.

Diese Kritik an der Grünen Revolution und auch der eigenen Arbeit der letzten Jahrzehnte von der Spitze der FAO darf in ihrer Bedeutung und Wirkung nicht unterschätzt werden. Mit dem zweiten Symposium geht es nicht mehr darum der Agrarökologie in der FAO ein Fenster zu öffnen, wie beim ersten Symposium 2014, sondern darum, wie kann die Wirkung und Bedeutung von Agrarökologie innerhalb und außerhalb der FAO immer weiter zu vergrößert werden.

Agrarökologie als Grundlage der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs)

Diesen neuen Anspruch und Paradigmenwechsel machen der Titel des Symposiums (Scaling Up agroecology to achieve the Sustainable Development Goals (SDGs)) und der Titel des Schlüsseldokuments deutlich.  Aus beiden wird deutlich, dass Agrarökologie von der FAO als zentrales Element zur Umsetzung und Erreichung insbesondere der Ernährungs- und Gesundheits- und Umweltziele der nachhaltigen Entwicklungsziele angesehen wird. Damit wird auch noch einmal deutlich Agrarökologie ist nicht nur ein „neuer“ Ansatz für die Länder des Südens, sondern ganz klar auch die Herausforderung der Zeit für die Länder des Nordens. Im Sinne der Universalität der SDGs werden sich die Länder des Nordens der Herausforderung stellen müssen, nicht nur ihre eigene Agrarpolitik, sondern auch ihre Entwicklungspolitik agrarökologisch zu transformieren.

Wie stark Agrarökologie auch schon in Europa angekommen ist ging aus der Einführungsrede des ehemaligen französischen Agrarministers Stéphane Le Foll hervor. Im scharfen Kontrast zu seinen deutschen Amtskolleginnen im Agrarministerium ist es ihm gelungen, die agrarökologische Wende in Frankreich schon vor Jahren zu beginnen. Es ist höchste Zeit, dass die neue Bundesregierung  in diesem Thema endlich nachzieht und sich der Agrarökologie öffnet und dem französischen Beispiel folgt.

Gemeinsame Agrarpolitik der EU und Agrarökologie

In Europa wird die Kernherausforderung sein der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) mit der nächsten Reform ein neues agrarökologisches Grundgerüst zu geben. Wie groß diese Herausforderung ist, weiß jeder der in den letzten Jahren und Jahrzehnten zur GAP gearbeitet hat. Bisher wird mit der GAP eher das Gegenmodel zur Agrarökologie gefördert und an den Beharrungskräften der bisherigen Profiteure des Systems haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Doch insbesondere auch in Deutschland wird immer deutlicher, ein weiter so in der Subventionierung Landwirtschaft ist weiten Teilen der Bevölkerung nicht mehr vermittelbar, entwicklungspolitisch seit langem nicht tragbar und geht vor allem auch an den Bedürfnissen der Bäuerinnen und Bauern vorbei. Gerade die Bäuerinnen und Bauern stehen ökonomisch und sozial immer mehr mit dem Rücken zur Wand.

Hier bieten die sozialen Ansätze und Praxisbeispiele der Agrarökologie, die während des Symposiums in Rom immer wieder Zentrum der Diskussion stehen vielfältige Lösungsansätze, die in anderen Ländern schon erfolgreich gelebt werden. Insbesondere in der Betonung der Sozialen Frage liegt eine der Stärken des oder der agrarökologischen Konzepte. Ziel ist es natürliche und soziale Prozesse wieder in Einklang zu bringen. Beides wurde im reinen Produktivitätsdenken der Grünen Revolution und ihrer anverwandten Konzepte im Globalen Norden und Süden viel zu viel vernachlässigt.

Bis 2030 Ökolandbaufläche auf 20% steigern geht nicht ohne Agrarökologie

Die neue Bundesregierung wird sich auch der Frage stellen müssen, wie die im Koalitionsvertag festgelegte Steigerung der ökologisch bewirtschafteten Fläche auf 20% im Jahr 2030 erreicht werden soll, wenn man sich nicht aktiv an innovativen und flexiblen Konzepten wie der Agrarökologie orientiert und die von der FAO zusammengetragenen Erfahrungen und positiv Beispiele annimmt und auf die eigenen Bedürfnisse adaptiert.

Über 700 Teilnehmerinnen und die Genderfrage

An dem Symposium nehmen über 700 Teilnehmerinnen aus aller Welt teil und das Symposium musste angesichts dieses Andrangs in den großen Plenarsaal des FAO Gebäude verlegt werden. Der Andrang gerade an Teilnehmerinnen zeigt, wie wichtig Agrarökologie insbesondere von Wissenschaft und Zivilgesellschaft genommen wird, wie viel Erfahrung es in diesem Bereich schon gibt und wie zentral die Genderfrage ist. Leider zeigt die FAO insbesondere hier eklatante Schwächen. Die einführenden Schlüsselvorträge wurden nur von Männern gehalten und auch im weiteren Programm dominieren anders als in der agrarökologischen Praxis Männer. Dieser Punkt wurde mehrfach offensiv von der Zivilgesellschaft und insbesondere den bäuerlichen Frauengruppen kritisiert.

Leider zeigt diese starke Präsenz der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft auch, wie schwer sich Regierungen mit der Annahme dieses Wissens und dieser Erfahrung im Bereich Agrarökologie tun. Vielen Regierungen scheint offensichtlich der Mut zu fehlen, das Scheitern von wichtigen Teilen ihrer Agrar- und Entwicklungspolitik der letzten Jahrzehnte einzugestehen. Die Eingangsrede des Generaldirektors zeigt, dass die FAO hier viel weiter ist als viele Staaten. Es ist aber ermutigend, dass eine so große Institution wie die FAO den Willen und die Kraft gefunden hat hier voran zu gehen und es ist zu hoffen, dass viele Staaten dieser kritischen Analyse der eigene Erfolge und Misserfolge folgen werden.

Brot für die Welt mit vielen Partnern beim Symposium vertreten

Insbesondere aus Afrika nehmen vielen Parteiorganisationen von Brot für die Welt am Symposium teil. Mit der Allianz für Ernährungssouveränität für Afrika (AFSA) ist auch eine Partnerorganisation zentral und mehrfach im Programm vertreten. Für die Parteiorganisationen aus Afrika ist es eine wichtige und extrem bestärkende Erfahrung, wie sehr ihre jahrelange agrarökologische Arbeit von der FAO mit dem Symposium anerkannt, wertgeschätzt und unterstützt wird. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass in Afrika immer noch von den großen Gebern aus den USA und der EU, sowie der Gates Stiftung aggressiv das Model der Grünen Revolution vermarktet wird. Zusätzlich gibt es für Agrarökologie wenig bis keine Unterstützung von den afrikanischen Regierungen selbst.

Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass im Anschluss an das Symposium die Unterstützung der Staaten für Agrarökologie endlich stark zu nimmt und die Zeichen der Zeit erkannt werden.

 

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