Blog-Beitrag

„Hier wird die Hilfe einfach gebraucht“

Das alumni|förderer-Magazin der WWU Münster berichtet über die Arbeit der Fachkraft Claudia Wolf in Sierra Leone. Text: Nora Kluck. Aus: alumni|förderer - Das Magazin für Ehemalige und Freunde der WWU Münster in der Universitätszeitung wissen|leben
Von Klaus Ehrlich am 03.01.2018 - 10:47
Klaus EhrlichReferent Personalmarketing

Durch die Schlammlawine in Regent Village wurden 4.000 Menschen obdachlos.

Der 14. August 2017 änderte vieles im Leben von WWU-Alumna Claudia Wolf. Es war in den frühen Morgenstunden, als im westafrikanischen Sierra Leone eine Schlammlawine niederging und eine Siedlung im Ort Regent Village in unmittelbarer Nähe der Hauptstadt Freetown unter sich begrub. Hunderte Menschen starben, über 4.000 wurden obdachlos. Claudia Wolf war zu diesem Zeitpunkt genau dreieinhalb Monate im Land. Sie war nach Sierra Leone gekommen, um drei Jahre lang die Umweltschutzorganisation „Conservation Society of Sierra Leone“ mit Sitz in Freetown bei der Öffentlichkeitsarbeit zu unterstützen. Doch dann kam die Schlammlawine, und seitdem ist vor allem humanitäre Hilfe gefragt. Claudia Wolf packte mit an. „Die Öffentlichkeitsarbeit ist erst einmal in den Hintergrund gerückt“, berichtet sie. „Plötzlich mussten wir uns um ganz andere Dinge kümmern, damit die Bewohner der zerstörten Siedlung das Nötigste zum Leben hatten.“

Claudia Wolf ist Journalistin und Biologin. Geboren ist sie in Kanada, aufgewachsen in Münster. Von 2003 bis 2006 studierte sie Biologie an der WWU und schloss mit dem Bachelor ab. „Biologie hat mich schon in der Schule fasziniert, und auf der Suche nach einem Studienfach haben mich die gut strukturierten und konzipierten Vorlesungen an der WWU überzeugt“, erinnert sie sich. Ihr Masterstudium in Neuro-, Verhaltens- und Kognitionsbiologie absolvierte sie an der Universität Wien, die Masterarbeit schrieb sie an der Ruhr-Universität Bochum. In einer Kooperation mit Audi erforschte sie die kognitiven Mechanismen beim Einparken. „Schon damals war es mir wichtig, etwas zu erforschen, was eine breitere Öffentlichkeit interessiert, weil ich Wissenschaft vermitteln möchte“, berichtet sie.

Bereits als Kind hat sie gerne geschrieben, und während des Masterstudiums begann sie als freie Mitarbeiterin mit dem wissenschaftsjournalistischen Schreiben. Unter anderem schrieb sie für die Zeitschrift „Gehirn und Geist“, bei der sie später eine Elternzeitvertretung als Redakteurin innehatte. Im Jahr 2013 wechselte sie dann zum Magazin „bild der wissenschaft“, wo sie Ressortleiterin für den Bereich „Leben & Umwelt“ wurde. Für die Tätigkeit in Sierra Leone kündigte sie diese Stelle.

Nun ist sie „Communications & Advocacy Officer“ bei der Conservation Society of Sierra Leone. Das Angebot erhielt sie über die Entwicklungshilfe-Organisation „Brot für die Welt“, die Fachkräfte an lokale Einrichtungen vermittelt und die Stellen auch bezahlt. Mit ihrer Erfahrung als Journalistin soll die 36-Jährige die Bekanntheit der Conservation Society erhöhen. „Die Organisation führt viele Projekte zum Arten- und Naturschutz durch. Wir versuchen zum Beispiel, den Sonfon-See vor der Zerstörung durch den Goldabbau zu bewahren“, erläutert sie. „Retten können wir ihn aber nur, wenn wir den Anwohnern alternative Einnahmequellen anbieten können, zum Beispiel im Tourismus oder in der Bienenzucht.“ Diese Projekte sind auf Spenden angewiesen – darum ist es wichtig, die Öffentlichkeit darüber zu informieren. Die Conservation Society existiert schon seit 1986, war aber in der Öffentlichkeit bisher kaum präsent. Gemeinsam mit einer Kollegin und einem Kollegen, wie alle anderen Angestellten dort aus Sierra Leone, schaffte sie erst einmal ganz grundlegende Strukturen, wie ein Logo, Visitenkarten oder eine Facebook-Seite. Weitere Medien wie Newsletter, ein Internetauftritt sowie die Präsenz in Zeitungen und Radio sollen folgen.

Seit der Katastrophe ist diese Tätigkeit jedoch vorerst in den Hintergrund getreten. Die Conservation Society hat sich mit Freiwilligen zusammengetan, um Opfer der Schlammlawine zu unterstützen. Claudia Wolf leitet ein Projekt mit mehreren Mitarbeitern, durch das einer Gruppe von etwa 18 Erwachsenen und 30 Kindern der Aufbau einer neuen Existenz ermöglicht werden soll. Es sind vor allem Frauen, die ihre Männer verloren haben und die nun ohne Einkommen überleben müssen, sowie Menschen, die Kinder von verstorbenen Verwandten bei sich aufgenommen haben.

Die Helfer finden heraus, woran es konkret fehlt: Die eine benötigt ein Mobiltelefon, der andere eine Behandlung im Krankenhaus. So können die Menschen gezielt versorgt werden. Geplant ist eine langfristige Unterstützung, unter anderem auch beim Bau neuer Häuser. „Dieser humanitäre Einsatz liegt mir persönlich sehr am Herzen“, erklärt Claudia Wolf. „Ich hoffe, dass noch mehr Menschen spenden.“ Immer wieder erfährt sie dabei von berührenden Geschichten, die mal schrecklich sind und mal Hoffnung machen. Vom Priester etwa, der 25 Mitglieder seiner Gemeinde verlor, weil die Kirche verschüttet wurde, während die Gläubigen dort beteten. Oder von einem jungen Mann, dessen gesamte Verwandtschaft ums Leben kam, und der plötzlich seine kleine Nichte im Vorbeigehen auf dem Arm eines anderen Mannes wiederfand, weil das Mädchen am Tag der Schlammlawine mit Bekannten in der Nachbarstadt war.

Warum sich eine Umweltschutzorganisation in dieser Form einsetzt? „Auch unsere humanitäre Hilfe hat etwas mit dem Naturschutz zu tun“, erklärt die WWU-Alumna das Engagement der Conservation Society. „Denn es geht auch um das Leben der Menschen im Einklang mit der Natur. Die Schlammlawine war auch deshalb so zerstörerisch, weil durch Waldrodungen das Wurzelwerk fehlte, um den Hang zu stabilisieren. Außerdem sind die Regenfälle in Sierra Leone in den vergangenen Jahren heftiger geworden, was wohl mit dem Klimawandel zu tun hat. Wir wollen die Menschen auch über diese Zusammenhänge aufklären, damit die Häuser in Zukunft sicherer sind.“ Daher war die Schlammlawine nicht nur ein Auslöser für die humanitäre Hilfe, sondern auch für weitere Naturschutz-Projekte der Conservation Society. So organisiert Claudia Wolf beispielsweise mit ihren Kollegen zusammen eine Konferenz zum Thema Stadtplanung, um die Konsequenzen der Naturzerstörung deutlich zu machen.

Die gesamte Arbeit der Helfer und Umweltschützer erfolgt unter schwierigen Rahmenbedingungen. Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt und leidet bis heute unter den Folgen des Bürgerkriegs, der von 1991 bis 2002 wütete. Von der Ebola-Epidemie 2014 war das Land stark betroffen, auch wegen des schlechten Zustands des Gesundheitssystems. „Ich hätte mir Sierra Leone vielleicht nicht als erstes ausgesucht“, meint Claudia Wolf. „Aber es ist gut, dass es sich so ergeben hat.“ Denn neben allen problematischen Seiten wie der mangelhaften Infrastruktur begeistert sie sich für die schönen Seiten des Landes. „Es gibt hier eine einzigartige Natur- und Artenvielfalt, zum Beispiel im Regenwald. Sierra Leone hat wunderschöne Strände und wird darum auch ‚Karibik Afrikas‘ genannt. Das könnte man touristisch ausbauen. Mir ist es wichtig, auch die schönen Seiten Sierra Leones zu vermitteln.“

Die Menschen in Sierra Leone hat sie als sehr gastfreundlich und hilfsbereit erlebt. „Ohne Hilfe könnte ich hier nicht zurechtkommen, denn es ist für mich eine komplett andere Welt“, berichtet sie. „Schon für die einfachsten Dinge braucht man Hilfe: Wie komme ich von A nach B? Wo kaufe ich meine Lebensmittel?“ Für den Transport gibt es zum Beispiel Sammeltaxen statt Busse – ein System, das sich nicht von selbst erschließt. Als Claudia Wolf ein Passbild benötigte, fragte sie einen Nachbarn in ihrem Haus in Freetown, wo es denn einen Fotografen gebe. Er lotste sie zu einer Straßenecke, an der ein Fotograf seiner Arbeit nachging, zusammen mit einem Mitarbeiter, der sie auf einen Holzschemel setzte und ein Bettlaken als Hintergrund hochhielt. Diese Hilfsbereitschaft weiß sie sehr zu schätzen: „Als ich diese Gastfreundschaft erlebt habe, habe ich mich gefragt, ob wir einem Menschen aus Sierra Leone hier genauso helfen würden. Ich befürchte, das würden wir eher nicht tun … “

Die Verständigung mit den Einheimischen funktioniert gut, Englisch ist Amtssprache. Außerdem hat die WWU-Alumna einen Sprachkurs in Krio absolviert, einer verbreiteten englischen Kreolsprache – denn in manchen Dörfern wird nur Krio und kein Englisch gesprochen.

Über ihre Erfahrungen möchte Claudia Wolf auf jeden Fall später etwas schreiben, entweder journalistisch oder in einem Buch. Erste Eindrücke veröffentlicht sie bereits jetzt in ihrem Blog. Ihre erste Reise nach Afrika hatte sie 2014 ebenfalls einem journalistischen Auftrag zu verdanken. Anlass ihres damaligen Aufenthalts war ein Besuch bei WWU-Emeritus Dieter von Willert. Der Botanik-Professor ist nach dem Eintritt in den Ruhestand nach Afrika gegangen, um dort Schulen aufzubauen. „Während meines Bachelor-Studiums in Münster hat er davon berichtet. Das hat mich fasziniert.“ Für „bild der wissenschaft“ berichtete sie über die Schulprojekte in Südafrika und Lesotho und unterstützte den Emeritus zwei Monate lang als Praktikantin in der Schule. „Von da an war mir klar, dass ich irgendwann nach Afrika ziehen würde.“

Seitdem sie Anfang Mai ihre neue Stelle angetreten hat, war die Journalistin bisher einmal in Deutschland und hat dabei auch Münster besucht. In nächster Zeit wird sie höchstens zweimal jährlich zurückkommen. „Ich sehe Deutschland jetzt mit anderen Augen und weiß zu schätzen, wie wahnsinnig gut es uns hier geht“, berichtet sie. „Wir haben Chancen, die den Menschen in Sierra Leone verwehrt bleiben. Viele können nicht lange zur Schule oder zur Universität gehen, weil sie arbeiten müssen, um ihr Überleben zu sichern. Sierra Leone ist außerdem eines der korruptesten Länder der Welt. Wer etwas erreicht hat, hat das oft mit illegalen Mitteln geschafft. Mir kommt das wie ein Gefängnis vor.“ Sie hofft, durch ihre Arbeit einen Beitrag dafür zu leisten, dass es wenigstens einigen Menschen dort besser geht.

Den Wechsel nach Sierra Leone hat Claudia Wolf bisher nicht bereut. „Es war ein großer Schritt, meine feste Stelle zu kündigen“, erzählt sie. „Aber ich habe das Gefühl, dass für mich ein Wechsel zu etwas Neuem hin und wieder notwendig ist. Und in Sierra Leone wird die Hilfe einfach gebraucht.“

Bildergalerie: 

Aussichtspunkt im Gola-Regenwald, an der Grenze zu Liberia.

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