Blog-Beitrag

Industriestaaten müssen Verantwortung übernehmen

Gerold Schmidt ist freier Journalist, ehemalige Fachkraft von Brot für die Welt und hat im Vorfeld der COP25 mit unseren honduranischen Partnern von ASONOG gesprochen. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass die COP25 von Santiago de Chile nach Madrid verschoben wird.
Von Sabine Minninger am 26.11.2019 - 15:12
Sabine MinningerReferentin für Klimapolitik
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Ismael García

Ramiro Lara (R) und Ismael García (I) arbeiten bei der honduranischen Vereinigung von Nicht-Regierungsorganisationen (ASONOG). Die ASONOG, Partnerorganisation von Brot für die Welt, bearbeitet Themen wie die extraktiven Industrien, den Klimawandel, und auch die Katastrophenvorsorge. Aufgrund der schwierigen sozialen und ökonomischen Situation in Honduras hat zuletzt der Schwerpunkt Lebensmittel- und Ernährungssicherheit an Bedeutung gewonnen. Während Ramiro Lara vor allem in der Provinz Copán tätig ist, arbeitet Ismael García, der der Ethnie der Lenca angehört, in der Provinz La Paz. Beide begleiten indigene und kleinbäuerliche Gemeinden, wenn dies um den Schutz und die Verteidigungen ihres Lebensraumes und ihre wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und umweltbezogenen Rechte geht. Das Interview führte Gerold Schmidt (F) am 5. Oktober 2019 im Rahmen des X. Forums Verwundbares Zentralamerika in San José, Costa Rica. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht bekannt, dass die COP25 von Santiago de Chile nach Madrid verschoben wird und die diesjährige Weltklimakonferenz nicht in Lateinamerika stattfindet. 

Zum Forum kamen Lara und García übrigens nicht per Flugzeug. Sie nahmen eine 15-stündige Busfahrt von Honduras nach Costa Rica auf sich.

 

F: Wann entstand die ASONOG, wann schlossen sich die Organisationen zusammen?

R: Das war eigentlich bereits Anfang der 1980-er Jahre. Es gab damals bewaffnete interne Konflikte in El Salvador und Guatemala. Nach Honduras kamen Vertriebene aus diesen Ländern. Eine Gruppe von Organisationen tat sich zusammen, um gemeinsam zu agieren. Aber als juristische Person, die vor dem Gesetz als Netzwerk registriert ist, existiert die ASONOG seit 1997. Vorher gab es koordinierte, aber oft spontane Aktionen.

F: Ihr habt auf dem Forum Verwundbares Zentralamerika wie viele andere das Konzept der Klimagerechtigkeit angesprochen. Dies wird sehr unterschiedlich interpretiert. Bei den einen liegt der Schwerpunkt auf der finanziellen Wiedergutmachung für die Schäden, die die Industrieländer in den Ländern des Südens verursacht haben. Andere legen den Schwerpunkt mehr auf die Gerechtigkeit in den Ländern selbst, die von Klimaschäden betroffen sind. Welcher Aspekt der Klimagerechtigkeit ist für Euch besonders wichtig?

I: Aus meiner Sicht muss die Situation der Dorfgemeinden der Ausgangspunkt sein. Oft wird die Klimagerechtigkeit als eine Art Spende verstanden, die an die Bevölkerung weitergegeben werden kann. Den Dorfgemeinden geht es aber mehr darum, ihre Ressourcen, ihre Gemeingüter verteidigen zu können. Sie in ihrem Zustand bewahren bzw. sie vor tiefgreifenden Schäden durch den Klimawandel schützen zu können. Es geht aber gleichzeitig um den Schutz vor weiteren externen umweltschädigenden Elementen wie beispielsweise den Extraktivismus. Klimagerechtigkeit heißt auch Konsumverzicht in den sogenannten entwickelten Ländern. Eine andere Lebensform, eine andere Ökonomie, die solidarische Aspekte aufnimmt, bei gleicherer Verteilung ansetzt.

R: Natürlich bedeutet Klimagerechtigkeit, dass diejenigen, die die Erde aufgeheizt haben, für deren Abkühlung verantwortlich sind. Ganz klar. Industrieländer wie die USA, China, Japan, usw. haben die riesigen Emissionen und die Erderwärmung generiert. Sie sind in der Pflicht, die Schäden gegenüber Ländern und Bevölkerungen wiedergutzumachen, die besonders verwundbar für die aus ihrer Politik resultierenden Klimaphänomene sind. Es geht nicht darum, eine bestimmte Geldmenge an die von den Auswirkungen Betroffenen zu zahlen und einfach so weiter zu machen wie bisher. Die verantwortlichen Länder müssen ihre Produktionsweisen ändern. Sie müssen ihre Emissionen stoppen. Einige Länder sind dabei, Kompensationszahlungen für die von ihnen verursachten Schäden zu leisten. Aber es kommt ihnen nicht in den Sinn, ihre Lebensform und ihre Produktionsweise zu ändern. Verantwortung und Gerechtigkeit betrifft beide Aspekte: Entschädigungszahlungen und eine veränderte Produktionsweise.

Ich würde von zwei Visionen sprechen. Wir haben einerseits wirtschaftlich mächtige Länder und Regierungen. Aber auf Kosten ihrer Entwicklung haben sie ein weltweites Problem herbeigeführt. Und dieses Problem zeigt schlimmere Auswirkungen in den weniger entwickelten Ländern. Aber auch die Industrieländer bleiben von den Folgen nicht unberührt. Das Ausmaß des Schadens ist noch nicht abzusehen. Aber warum eine Entwicklung, für die wir später die Rechnung bezahlen müssen? Wenn wir mit unseren Landgemeinden sprechen, dann ist klar, sie wollen in Frieden gelassen werden. Sie sind nicht gegen Unterstützung für ihre Produktionsweise. Aber über die Ruhe, über die sie verfügen, verfügen die anderen vielleicht nicht. Also zwei unterschiedliche Visionen von Entwicklung und dem Leben.

F: Es gibt die Kritik beispielsweise des russischen Präsidenten Putin, dass der Diskurs Greta Thunbergs den Entwicklungsländern einen Lebensstandard verweigern wolle, wie er in Schweden erreicht sei. Ein Argument, das durchaus von Teilen der Öffentlichkeit in anderen Ländern aufgenommen wird und vorgibt, die Entwicklungsländer zu unterstützen. Welche Berechtigung hat dieses Argument für Euch? Wie wird die Rolle der jungen Schwedin in der zentralamerikanischen Region diskutiert? Denn sie lebt ganz klar in einem anderen Umfeld.

I: Ihre Arbeit können wir unter zwei Aspekten betrachten. Zum einen handelt es sich um eine junge Stimme, die sich erhebt. Die klar sagt: Es muss etwas gegen den Klimawandel getan werden. Zum anderen hat es viele Menschen gegeben, die sich zuvor schon gegen den Klimawandel eingesetzt haben, die große Aktionen zum Schutz der Gemeingüter, der natürlichen Ressourcen durchgeführt haben. Das ist schon erstaunlich: Wie jetzt Greta zugehört wird und wie Menschen übergangen wurden, die sich bereits jahrelang in diesen Prozessen engagiert haben. Wir müssen da genau hinsehen. Viele wollen auf Gretas Diskurs aufspringen. Aber ich glaube schon, ihre Absichten sind gut. Wir müssen nur genau sehen, wie diese Entwicklung weitergeht.

F: Die weltweite Organisation Vía Campesina, in der auch honduranische Kleinbäuer*innen vertreten sind, hat das Motto „Wir Campesinos kühlen die Erde ab“. Vielleicht könnt Ihr dazu noch etwas ausholen. Welche Rolle spielen die kleinbäuerlichen und indigenen Gemeinden beim Klimaschutz?

I: Einige setzen auf biologischen Anbau, die Agrarökologie. Jahrelang wurden die Gemeinden dazu gedrängt, Technologiepakete mit Agrargiften zu verwenden. Das hat Auswirkungen auf die Gemeinden gehabt. Zwar mag die Produktion ansteigen, aber es treten Krankheiten auf, die Gesundheit der Menschen leidet. Die indigenen Gemeinden, die Landgemeinden allgemein befinden sich vielfach in einem Prozess des „Entlernens“ der von außen kommenden Produktionsmethoden. Sie besinnen sich auf ihre Traditionen. Das kann den Nachbau mit eigenem Saatgut bedeuten, die Wiederaufnahme ihrer alten Bodenschutztechniken, generell ein stärkeres Augenmerk auf die Harmonie mit der Umwelt zu haben. Für die Kleinbäuer*innen, die indigene Bevölkerung, sind die Themen Ernährung und Lebensmittelproduktion nicht zuvorderst auf den Markt ausgerichtet. Es geht um die Ernährungssouveränität der Familie und der Gemeinde. Die Marktvision ist eine andere. Der Markt zwingt manchmal dazu, den Boden stark mechanisch und mit Agrargiften zu bearbeiten. Das hat am Ende Folgen für die Gemeinden. Deren Arbeit, den Boden, das Wasser, die Umwelt, den Wald zu schützen, das einheimische, lokal angepasste Saatgut zu benutzen, müsste gefördert werden.

R: Die indigenen Gemeinden haben immer schon geschützt, was sie als ihre Gemeingüter betrachten. Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat nach und nach Ressourcen für sich vereinnahmt und ausgebeutet. Jetzt erreicht sie immer mehr Gebiete, in denen jahrelang die indigenen Völker das Territorium geschützt und gepflegt haben. Nun sollen diese Bevölkerungen ihrer Flüsse, Wälder und Territorien beraubt werden. In diesem Kontext leisten sie Widerstand. Wir sehen einen Übergang vom reinen Schutz zum Widerstand, um ihre Ressourcen zu bewahren.  

F: Was kann den indigenen Gemeinden helfen, ihre Landrechte und ihre Territorien zu verteidigen? Landtitel, die aber am Ende gar der Privatisierung, dem Landverkauf Vorschub leisten können?

I: Normalerweise verfügen die indigenen Gemeinden über kollektive Landtitel. Wer solche gemeinschaftlichen Landtitel hat, ist von der ILO-Konvention 169 geschützt. Die dort enthaltenen Regelungen für die indigenen Gemeinden müssen gestärkt werden. Es gibt andere Bevölkerungsgruppen mit anderen Mechanismen für den Schutz des Landes. Da muss man jeweils genau hingucken. Ein anderer wichtiger Aspekt ist die Kultur. Wenn eine Person sich nicht mit ihrer Kultur identifiziert, wird ein kollektiver Landtitel wenig helfen, dass sie sich in ihrer Gemeinde einbringt. Ein weiteres Element: Wie kann die nicht-indigene Bevölkerung oder die, die sich nicht als solche ansieht, sensibilisiert werden, um ihre Ressourcen zu schützen? Ein weiteres Thema zumindest in Honduras ist eine mögliche Agrarreform. Der Zugang zu Land der Menschen.

R: Ich möchte auf etwas Anderes eingehen. Der Klimawandel ist bereits da, er liegt nicht in der Zukunft. Das gilt auch für die indigenen Gemeinden. Noch 1992, als beispielsweise der honduranische Staat die ILO-Konvention 169 akzeptierte, hätten Präventionsmaßnahmen greifen können. Wenn wirklich die Meinung und die Rechte der Betroffenen respektiert worden wären, wäre das eine wunderbare Sache gewesen. Doch die heutige Realität in Honduras zeigt die Interessenkonflikte zwischen indigenen Bevölkerungen und Unternehmen. Die Gesetze erlauben die Konzessionierung von Gebieten unabhängig davon, wo sie sich befinden, wer auf ihnen lebt, und was es dort gibt. Solche Gesetze müssen dringend reformiert werden.

F: In Honduras wie in anderen Ländern müssen die Menschen in einem Kontext von Gewalt und sozialer Krise an viele Dinge denken. Aber nicht notwendigerweise an die Klimakrise. Wie kann die breite Bevölkerung erreicht werden?

R: Ich habe das mit Ismael auf dem Weg zum Forum Verwundbares Zentralamerika diskutiert. Die Menschen unserer Region haben ihre Prioritäten. Genug zum Essen zu haben. Gesundheit, Bildung, ein Dach über dem Kopf. Die Grundbedürfnisse einer Familie, die erst einmal befriedigt werden müssen. Das ist ein ständiger, alltäglicher Kampf. Der wird durch die Klimawidrigkeiten weiter erschwert. Wenn Mais und Bohnen ausgesät werden und es nicht regnet, bedeutet das Ernteverlust. Dazu kommt das gesellschaftliche Problem, für das die Institutionen und die Gesetze mitverantwortlich sind. Die Bevölkerung wird nicht einbezogen. Die multinationalen Unternehmen sind auf Land und Ressourcen erpicht. Viele Personen verzweifeln daran. Wir haben die großen Menschenmengen erlebt, die sich Richtung Norden aufmachen und migrieren.

F: Welches sind in diesem Moment die größten bereits existierenden Schäden in Honduras? Welches die größten zukünftigen Bedrohungen, die die Krise noch weiter verschärfen können?

I: Was die Klimakrise angeht, müssen wir die Küstenbevölkerung erwähnen. Dort gehen bereits die Mangrovenwälder verloren. Der Klimawandel hat die Dürren mitgebracht. Sie betreffen den gesamten trockenen Korridor von Honduras. Aber es gibt ebenso Orte, die unter Überschwemmungen leiden. So gehen ganze Ernten verloren und es entsteht eine Krise bei der Ernährungssicherheit. Dazu kommt die Regierungspolitik, die auf Monokulturen und die Förderung der Agrargifte setzt. Der Bergbau, der mit Landraub und Umweltverschmutzung einhergeht. Die Wasserkraftwerke. Zu einem bestimmten Zeitpunkt hieß es, die Wasserkraftwerke werden benötigt, um saubere Energie zu produzieren. Das Problem fängt jedoch an, wenn diese Kraftwerke an Unternehmensgruppen konzessioniert werden, die nur am Stromgeschäft, aber nicht an der Situation oder dem möglichen Nutzen für die Dorfgemeinden interessiert sind. Die Solarzellen sind ein weiteres Beispiel. Solarenergie wird grundsätzlich benötigt. Doch solange sie sich in der Hand mächtiger politischer und ökonomischer Interessengruppen befindet, hat die einfache Bevölkerung davon nichts – außer Angriffen auf ihre Rechte bis hin zu Attacken auf ihr Leben.

R: Wenn es nur um das Klima ginge, dann könnten wir sagen, Klimawandel und die starken Klimawechsel sind die starke Bedrohung. Der Niederschlagsmangel setzt die Familien einer Nahrungsmittelkrise mit weiteren Folgen aus. Aber: Das Entwicklungsmodell, das sich unsere Regierenden zu eigen gemacht haben, ist für uns, für die Gemeinden, nicht das korrekte Modell. Die wenigen Ressourcen, die uns bleiben, werden konzessioniert. An Privatunternehmen, an Multis, aber ohne Beteiligung der Bevölkerung und ohne Nutzen für diese. Das erklärt den Widerstand und die toten Menschenrechtsaktivist*innen. Das Modell selbst ist aus unserer Sicht ein Problem. Unser derzeitiger Regierungschef befeuert den Extraktivismus. So gesehen wird er selbst zu einer Bedrohung unserer Gesellschaft.

Für uns sind ebenfalls die Monokulturen Extraktivismus. Die Regierung muss damit aufhören, Monokulturen für den Agrarexport zu fördern. Wir haben Zuckerrohrplantagen, den Anbau der afrikanischen Ölpalme. Wir sprechen von inzwischen 130 000 Hektar Fläche für die Ölpalme. Die Ausdehnung fing vor etwa fünf bis acht Jahren, unter der Regierung von Präsident Porfirio Lobo. Die afrikanische Ölpalme verbraucht Unmengen Wasser. Jede Pflanze entnimmt dem Boden täglich 2,5 Liter. Das verursacht ein Ungleichgewicht in der Umwelt und Bodensterilität. Außerdem wird für den Anbau Land vereinnahmt, auf dem vorher die Campesinos Mais und Bohnen pflanzten. Inzwischen wird die Ölpalme nicht nur in der Ebene, sondern auch an Berghängen angebaut.

F: Normalerweise haben Regierungen eine offizielle Naturschutzpolitik. Zum Beispiel für Naturparks. Wie ist dies Honduras? Wem dient diese Schutzpolitik?

R: Wir haben in Honduras drei Kategorien von Schutzzonen: die Bioreservate, die Nationalparks und die Wasserschutzzonen. Für alle gibt es eine Gesetzgebung. Das Problem in unserem Land ist, dass die Regierung trotz dieses gesetzlichen Schutzes Konzessionen für die Gebiete erteilt. Ein Beispiel dafür ist der Konflikt in der Gemeinde Guapinol im Landkreis Totoa, Provinz Colón. Dort ist um einen Berg herum der Nationalpark Carlos Escaleras eingerichtet worden. Der Name wurde zu Ehren eines Umweltaktivisten gewählt, der den Berg schützte und deswegen 1997 ermordet wurde. Aber was geschieht jetzt? Dort gibt es Gold und andere Metalle. Die honduranische Behörde für Geologie und Bergbau modifizierte die Grenzen des Parks. Sie reduzierte die Pufferzone, um dem Bergbau-Unternehmen Los Pinares die Ausbeutung der Vorkommen zu erlauben. Die Leute vor Ort haben protestiert, weil der Nationalpark explizit dazu dient, für die umliegenden Gemeinden Wasser zu produzieren. Die historische Erinnerung an Carlos Escaleras hat die Menschen dazu gebracht, Widerstand zu leisten und das Wasser zu schützen.

Ein weiteres Beispiel sind die Ruinen von Copán. Ein Archäologiepark, den die UNESCO zum Erbe der Menschheit erklärt hat. Trotzdem hat die erwähnte Behörde dort einem italienischen Unternehmen eine dreigeteilte Konzession für den Abbau von Uranium auf einer Fläche von 5460 Hektar genehmigt. Innerhalb dieser Fläche gibt es eine 500 Hektar umfassende Wasserschutzzone. Diese Zone versorgt 13 Gemeinden mit insgesamt 40 000 Bewohner*innen mit Wasser. Die Wasserschutzzone ist nur anderthalb Kilometer vom Park Copán entfernt. Trotzdem wurde die Konzession erteilt. Glücklicherweise hat der Einsatz der indigenen Chortí-Bevölkerung dazu geführt, die drei Konzessionen zu annullieren.

F: In diesem Fall hat der Widerstand Einfluss auf die Regierungsentscheidung gehabt. Ist diese Art Widerstand die einzige Möglichkeit, auf die Regierung einzuwirken oder macht selbst unter den aktuellen Bedingungen auch der Einsatz für Gesetzesreformen Sinn?

I: Mit der aktuellen Regierung ist das eine komplizierte Angelegenheit. Allerdings hat sich die ASONOG zu anderen Zeitpunkten für Gesetzesreformen eingesetzt und für neue Gesetze zugunsten der Dorfgemeinden geworben. Wir haben Mechanismen für die Bürger*innenbeteiligung entwickelt. Auf lokaler Ebene haben wir Verfahrenswege erarbeitet, damit ein Landkreis sich zu einem bergbaufreien Territorium erklären kann. Außerdem setzen wir uns für Strukturen auf Provinz- und Landesebene ein, damit die Leute sich äußern können, Vorschläge einbringen. Wir haben nationale Entwicklungsstrategien ausgearbeitet, um sie in den Nationalplan für die Anpassung an den Klimawandel zu integrieren. Das heißt, wir haben durchaus auch auf Inzidenz abgezielt. Mit der aktuellen Regierung ist das aber alles andere als einfach. Trotzdem müssen wir Instrumente stärken, um sie zu einem geeigneten Zeitpunkt unter anderem für Gesetzesreformen und einen besseren Umgang mit den Ressourcen einzusetzen.  

R: Wir haben ein Sprichwort, von dem Du vielleicht schon gehört hast. Sonst lernst Du es jetzt kennen: „Gott bitten und in die Hände gespuckt“ (A Dios rogando y con el mazo dando). Mit anderen Worten: unsere christlich orientierte Bevölkerung sagt, wir müssen Gott bitten, aber gleichzeitig Hand ans Werk legen. Für eine Sache kämpfen und sie nicht allein Gott überlassen. Die Menschen müssen sich für ihre Rechte, ihr Territorium einsetzen, ihre Gemeingüter zu verteidigen. Und parallel dazu für Gesetzesreformen eintreten. Wir gehen noch weiter. Wir denken, wir müssen das System ändern. Darum sind wir für eine verfassungsgebende Nationalversammlung. Wir müssen das ganze System einschließlich des Institutionenwesens neu aufbauen. Es gibt viel zu tun.

F: Die honduranische Bewegung hat auf dem Forum Verwundbares Zentralamerika einen Forderungskatalog der Zivilgesellschaft vorgetragen. Welches sind die Hauptanliegen gegenüber der Regierung?

R: An erster Stelle steht die Forderung an das Umweltministerium, alle Konzessionen zu annullieren, die zu Konflikten zwischen Unternehmen und Gemeinden geführt haben. Wir verzeichnen Tote, Verhaftete und vor Gericht gestellte Personen. Es gibt bedrohte Personen. Mit der Annullierung der Konzessionen würde die weitere Verschärfung der Konflikte vermieden. Denn es gibt Menschen, die bereit sind, ihr Leben für die Zukunft ihrer Kinder zu geben. 

Wir fordern von der Regierung ebenfalls, den ermordeten Umweltschützer*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Bisher herrscht Straffreiheit. Der emblematischste Fall ist der von Berta Cáceres. Wir kennen die ausführenden Täter. Aber hinter ihnen stehen die intellektuellen Täter. Wer bezahlte den Mord? Das waren nicht die Arbeiter des Unternehmens?

Das Parlament wird aufgefordert, ein Dekret zu widerrufen, dass die Abgeordneten vor Kurzem verabschiedet haben. Dabei geht es um das Strafgesetzbuch und Änderungen, die Strafen für Drogenhändler und Vergewaltiger herabsetzen, aber sie beispielsweise für Umweltschützer*innen erhöhen. Und wir fordern eine Überprüfung von zwölf bis 15 Gesetzen, die Ismael zum Teil schon erwähnt hat. Denn diese Gesetze erlauben die Zerstörung der Umwelt und fördern die soziale Problematik im Land.

Wir fordern die Regierung auf, ein Gesetzesdekret zu stoppen, das die freie, vorherige und informierte Befragung der indigenen Bevölkerung behandelt. Die indigene Bevölkerung kritisiert, dass es ein Gesetz über die Befragung ist, zu dem sie nicht befragt wurden. Das ist illegal. Die Indígenas verweisen zudem auf die Konvention 169 und fragen, warum ein weiteres Gesetz. Da ist etwas faul. Wir vermuten ein Interesse der Regierung, den Extraktivismus in indigenen Territorien zu erleichtern.

F: Hat die Regierung eine offizielle Klimastrategie?

I: Im Umweltbereich gibt es eine Strategie, eine Politik zum Klimawandel. Aber keine Mittel. Wir fordern die Mittelbereitstellung und konkrete Aktionen. Die Strategie gibt es seit mehreren Jahren, reale Aktionen zusammen mit den Gemeinden nicht. In diese Gemeinden wird nicht investiert, aber die Mittel müssen dorthin kommen.

R:  Wir wollen Unterstützung für die Subsistenzwirtschaft unserer Kleinbauern. Diese hat uns jahrelang versorgt. Die Regierung hat 2011 ein Gesetz über die Ernährungssicherheit verabschiedet. Jüngst hat sie eine Politik für die Ernährungssicherheit vorgestellt. Es gibt ein institutionelles Gerüst mit Personal für diese Politik. Deshalb fordert die soziale Bewegung von der Regierung, entsprechende Mittel für Maßnahmen auf lokaler Ebene bereitzustellen. Gesetze, eine Politik, Institutionen und Personal in der Bürokratie sind unnütz, wenn kein Geld für Aktionen mit den Familien in den Gemeinden zur Verfügung gestellt wird.

F: Wir sehen, dass beispielsweise die Bergbau-Unternehmen oft aus Kanada, den USA, und nun auch aus China kommen. Aus anderen Ländern sind Aktionär*innen in diesen Konzernen vertreten. Kann es dann überhaupt auf Veranstaltungen wie dem Weltklimagipfel Unterstützung aus den Nationen des Nordens für Eure Anliegen geben?

I: Wir sind uns klar darüber, dass die Vereinbarungen bisher nicht besonders effektiv gewesen sind. Die Hoffnung, es könnte diesmal anders sein, bleibt. Wir wünschen uns mehr Einfluss in den Ländern, aus denen die Bergbau-Unternehmen kommen. Wir wissen, dass dort ein anderes Regelwerk gilt und eingehalten wird. Dort werden die Rechte nicht verletzt, für Schäden gibt es Wiedergutmachung. In unseren Ländern werden die internationalen Standards jedoch nicht eingehalten. Darum wünschen wir uns mehr Inzidenz direkt in diesen Ländern. Allianzen mit Organisationen, die dort arbeiten. 

R: Wir stehen vor dem 25. Weltklimagipfel. Da taucht die Frage auf, was wir erreicht haben. Unsere Erwartungen, dort etwas Bedeutendes zu erreichen, sind nicht groß. Schließlich sind es die Regierungen, die dort zusammenkommen. Sie stehen für die Überausbeutung der natürlichen Ressourcen. Zudem haben wir das Beispiel Paris. Eine ganze Reihe von Ländern gibt das Klimaproblem zu und verpflichtet sich, die Emissionen zu reduzieren. Aber die USA verpflichten sich zu nichts. Dennoch dürfen wir uns nicht geschlagen geben. Unsere Plattform, das Forum Verwundbares Zentralamerika, sollte Räume wie die COP nutzen, um Bündnisse zu schmieden, sich zu stärken. Wir werden dort sein. 

Es gibt solidarische Organisationen wie Brot für die Welt und andere, die Präsenz in der zentralamerikanischen Region haben. Wir bewerten die finanzielle Unterstützung dieser Organisationen für die Begleitung unserer Gemeinden positiv. Ohne sie wäre die Situation für die Menschen noch schlimmer. Es gäbe mehr Tote, mehr Umweltzerstörung. Dank der ökonomischen Unterstützung können wir in den Gemeinden Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Vorschläge können besser mit Fakten untermauert werden. Aber über diesen finanziellen Aspekt hinaus ist es meiner Meinung nach wichtig, dass die Einrichtungen der Entwicklungszusammenarbeit uns bei der internationalen Lobby- und Kampagnenarbeit unterstützen. Sei es auf den Gipfeltreffen oder in den Ländern, aus denen die Extraktivismus-Konzerne zu uns kommen. In unserer Provinz Copán ist beispielsweise ein kanadisches Unternehmen präsent, Aura Minerals. Es hat vor, einen 200 Jahren alten Friedhof der Gemeinde Azacualpa zu räumen, auf dem 1800 Verstorbene begraben sind. Das ist dem Unternehmen egal. In solchen Fällen brauchen wir die politische Inzidenz. Wir wollen die Problematik in die jeweiligen Gesellschaften bringen, zu den Sitzen der Mutterkonzerne gehen. Dies ist ein weiteres Aktionsfeld für die Einrichtungen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, um die Realität zu ändern.   

Wir hatten in Honduras gewisse Hoffnung auf Veränderungen gesetzt, als es zum Wahlbetrug vom 27. November 2017 kam. Damals waren Vertreter*innen der Europäischen Kommission präsent. Sie waren Zeug*innen, genauso wie Entsandte der Organisation Amerikanischer Staaten. Sie erhielten Kenntnis von diesem monumentalen Wahlbetrug dieser Person [Juan Orlando Hernández Alvarado], die nun weiter das Präsidentenamt innehat. Es gab Proteste der honduranischen Bevölkerung, es gab Tote und fast 4000 Menschen, gegen die Gerichtsprozesse angestrengt wurden. Wir erwarteten eine energischere Haltung der Vertreter*innen des Europaparlamentes. Es kam anders. Auch hier haben die Hilfswerke eine Aufgabe. Sie können den Funktionär*innen der Europäischen Kommission die Realität übermitteln. Dabei geht es auch um Vorsicht bei Finanzhilfen für diese Regierung. Sie ist mit ihrer Korruption in solchen Fällen allgegenwärtig.

I: Ein Thema, was wir noch nicht angeschnitten haben, sind die sogenannten öffentlich-privaten Partnerschaften. Wir müssen Klarheit darüber haben, was es mit ihnen auf sich hat. Wir müssen wissen, mit wem solche öffentlich-privaten Allianzen vorstellbar sind und mit wem nicht. Es gibt Privatunternehmen, die Menschen und Umwelt solchen Schaden zufügen, dass eine Zusammenarbeit mit ihnen nicht infrage kommt. Mit anderen könnten wir zumindest einen Versuch der Kooperation wagen. Noch etwas Anderes: Wenn es wie den Gipfeltreffen über Mechanismen der Zusammenarbeit geht, wird die Unterstützung für die Menschen in der Regel über Banken, über Kredite abgewickelt. Aber die Menschen in unserer Region befinden sich in einer Armutssituation, in der sie kaum in die Marktdynamik eintreten und sich einen Kredit leisten können. Das gilt selbst für „solidarische“ Kredite.

F: Ramiro, Du bist selbst schon bedroht worden. Willst Du Deine Situation zum Abschluss noch kommentieren?

R: Das hat mit dem kanadischen Unternehmen Aura Minerals und dem Fall Azacualpa zu tun. Der Konzern produziert zwischen 80 und 100 000 Unzen Gold pro Jahr. Dabei hat die Unze einen Wert von 1300 Dollar. Es geht also um viel Geld und viel Gewinn. Die Summe erlaubt es aber auch, das staatliche Institutionenwesen zu manipulieren, damit es den eigenen Interessen dient. Am 11. Januar 2015 gab es in Azacualpa einen sogenannten offenen Ratschlag, auf dem entschieden wurde, der Friedhof sei unantastbar und es dürfe dort unter keinen Umständen Bergbau stattfinden. Aber 2018 tat die Kommunalregierung alles Mögliche, um zwei einstweilige Verfügungen rückgängig zu machen, die den Friedhof schützen. Hier gibt es einen Amtsmissbrauch durch die Lokalregierung. Am 17. August 2018 wurden die ASONOG, die Breite Bewegung für Würde und Gerechtigkeit sowie die Menschenrechtsorganisation CIPRODEH von der Kommunalregierung in Azacualpa als „unerwünscht“ erklärt. Damit wurde uns der Zutritt zum Landkreis verweigert. Der nationale Menschenrechtsbeauftragte schrieb im selben Monat, dass es sich um eine Verletzung unserer Rechte handelte und forderte dazu auf, die Maßnahme zu korrigieren. Aber das Bergbau-Unternehmen startete eine Schmutzkampagne gegen unsere Organisationen. Ich wurde persönlich verfolgt, es bestand Gefahr für mich (Einwurf Isamel García: „Ramiros Haus wurde beschossen, als er zuhause war.“) Sie sind wirklich zu allem fähig. Vielleicht hat es aber geholfen, dass der Fall so sichtbar war. So stehen die Dinge (Ramiro Lara lacht leicht verlegen). Darum schätzen wir die Unterstützung durch Organisationen wie Brot für die Welt sehr.

Bildergalerie: 

Ramiro Lara

© MPGR / CRGR para Foro Centroamérica Vulnerable Unida por la Vida

 

 

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