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Klimaschutz mit Hilfe der Natur

Beim Klimagipfel in New York sollen sich die Regierungen auch im Landsektor zu mehr Klimaschutz verpflichten. Peter Riggs, Koordinator des internationalen Klima- und Entwicklungsnetzwerks "Climate, Land, Ambition und Rights Alliance" erklärt, wie diese Verpflichtungen bewertet werden können.
Von Eike Zaumseil am 22.09.2019 - 19:10
Eike ZaumseilReferent für Klima und Landwirtschaft
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Hintergrund: Um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen die globale Emissionen im Laufe des nächsten Jahrzehnts halbiert werden. Die selbstgesteckten Ziele und Maßnahmen der meisten Länder reichen dafür aber nicht ansatzweise aus. Nicht mit nur mit schönen Reden, sondern auch mit konkreten Plänen im Gepäck, werden die Staats- und Regierungschefs deshalb beim Klimasondergipfel in New York erwartet. Neben den klassischen Themen wie Energiewende und Mobilität stehen auch "naturbasierte" Klimaschutzmaßnahmen im Landsektor ganz oben auf der Agenda des hochrangigen Treffens. Das ist gut so, denn Ökosysteme wie Wälder, Moore und Böden können, wenn sie geschützt und schonend bewirtschaftet werden, enorme CO2-Mengen naturverträglich binden und helfen, das 1,5°C-Limit nicht zu überschreiten. Peter Riggs, Koordinator des von Brot für die Welt unterstützen internationalen Netzwerks "Climate, Land, Ambition und Rights Alliance" (CLARA) erklärt, nach welchen Maßstäben die Initiativen und Verpflichtungen des Klimagipfels bewertet werden können. Der Beitrag ist im englischen Original zuerst auf der Website des CLARA-Netzwerks erschienen.

Hohe Erwartungen in Bezug auf „naturbasierte Lösungen“ beim Klimagipfel in New York

von Peter Riggs

UN-Generalsekretär António Guterres wird die einwöchige UN-Generalversammlung in New York mit einem Klimasondergipfel einläuten. Diese eintägige Veranstaltung soll die Länder zu neuen Klimaschutz-Zusagen und generell zu größeren Anstrengungen zur Umsetzung von Klimaschutzpfaden anspornen, die den Temperaturanstieg auf weit unter 2°C halten. Das internationale  CLARA- Netzwerk (Climate, Land, Ambition, and Rights Alliance) begrüßt diesen Fokus von Generalsekretär Guterres und freut sich auf die Teilnahme am Gipfel.

Zuletzt fand ein solcher vom UN-Generalsekretär einberufener Klimasondergipfel vor fünf Jahren statt – im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz, die zu neuen Zusagen der Länder und einer neuen globalen Zielsetzung führte (Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5°C).

Was ist also von dem offiziellen Programm des Gipfels in der nächsten Woche zu erwarten?

Eine sehr positive Entwicklung ist, dass den Klimaschutzmöglichkeiten im Landsektor, den sogenannten „naturbasierten Lösungen“ (Nature Based Solutions, NBS), in der aktuellen Tagesordnung eine größere Aufmerksamkeit zuteilwird. Einer von neun Verhandlungssträngen des Gipfels beschäftigt sich mit den NBS, und zwar überraschenderweise einer der profiliertesten. (Die Themen der anderen Verhandlungsstränge sind: Emissionsminderung, soziale und politische Antriebskräfte, Jugend und Mobilisierung, Energiewende, Resilienz und Anpassung, Infrastruktur, Städte- und Gemeinden, Klimafinanzierung sowie CO2-Bepreisung und Industrie). Die UN selbst und auch China und Neuseeland, die den Vorsitz im NBS-Verhandlungsstrang innehaben, baten Länder und Nichtregierungsorganisation darum, beim Gipfel Beispiele für Klimaschutzmaßnahmen vorzustellen. Mitgliedsorganisationen von CLARA reichten beim NBS-Verhandlungsstrang über ein Dutzend Ideen ein: darunter Maßnahmen zum Schutz von Landrechen, Renaturierung und Agrarökologie in vier Kontinenten. CLARA wird verfolgen, welche neuen Zusagen die Länder machen, und Updates liefern, sobald Einzelheiten bekannt werden.

Im August gaben die vorsitzenden Länder das "Nature Based Solutions for Climate"-Manifest heraus, das eine wichtige Orientierungshilfe für den Verhandlungsstrang sein kann. Zu den wichtigsten Punkten gehören:

  • Klima und Biodiversität hängen zusammen. Ökologen wissen schon lange, dass der Klimakrise nicht entgegengewirkt werden kann, ohne auch die Biodiversität zu einem Anliegen zu machen. Aber diese Zusammenhänge werden den wichtigsten internationalen Gremien, die für die Bekämpfung der Krise verantwortlich sind, nur ganz allmählich bewusst. Dass diese Verbindung jetzt ausdrücklich genannt wird, lässt darauf schließen, dass sich die Wahrnehmung ändert – hin zu einem Verständnis, dass natürliche Ökosystme mehr für Kohlenstoffbindung, Resilienz und Regeneration tun als alle technischen Lösungen.
  • Es werden langfristige Lösungen gebraucht. Warum ist „langfristig“ so wichtig?  Die Wiederherstellung von Ökosystemen ist keine Sofortlösung; die maximale Kohlenstoffbindung durch Waldaufforstung wird frühestens ein Jahrzehnt, und manchmal auch erst nach mehreren Jahrzehnten, nach der Neuplanzung erreicht. Um langfristige Lösungen zu erreichen, muss man sofort Maßnahmen ergreifen.
  • Die Zerstörung der Natur muss aufhören!  In der höflichen Ausdrucksweise der internationalen Diplomatie fordert das Manifest „Steuerungsprozesse, mit denen die Zerstörung der Natur gestoppt wird“. Dem kann niemand widersprechen – und dennoch ist es wichtig, diese Zerstörungen deutlich zu benennen. Beispielsweise, was in Brasilien gerade durch die Brände im Regenwald passiert, oder was in den Vereinigten Staaten vor sich geht, mit der Leugnung des Klimawandels und der großflächigen Verpachtung von staatlichen Ländereien für die Förderung fossiler Brennstoffe. Sowohl die Europäische Union als auch China leisten zu Hause bessere Arbeit bei der Umsetzung umweltfreundlicher "Steuerungs-Prozesse"; aber die Verbrauchernachfrage in diesen Ländern - insbesondere bei tierischen Erzeugnissen (Fleisch und Milchprodukte), die weit über die Hälfte aller Treibhausgasemissionen im Agrarsektor ausmachen - verursacht erhebliche Umweltschäden in anderen Regionen der Welt. Die Brände im brasilianischen Regenwald sind von großer Tragweite. Aber eine Analyse der  zu Grunde liegenden Ursachen macht deutlich, dass die Zerstörung eine Folge der weltweit steigenden Nachfrage nach Rindfleisch, Sojabohnen und Palmöl ist. Das Manifest weist auf die Schäden hin, „die durch umweltschädliche Investitionen oder Anreize verursacht werden“. Es lohnt sich auch, darüber nachzudenken, inwieweit wir mit unserer eigenen Lebensweise zu Umweltschäden beitragen.

Es wäre zu viel erwartet, dass ein UN-Gipfel dafür sorgen kann, die Umweltzerstörung zu beenden. Aber es fragt sich, ob sich in dem Ansatz von „Versprechungen“ – also von neuen Zusagen der Länder auf dem Gipfel –ausreichender Ehrgeiz widerspiegelt. Die Länder versprechen bereitwillig, Bäume zu pflanzen oder dem illegalen Holzeinschlag Einhalt zu gebieten, aber bislang sehen wir noch keine gründliche Überprüfung von Politiken und wirtschaftlichen Anreizen, die zu Entwaldung führen.

Auf dem letzten großen Klimasondergipfel 2014 einigten sich die Staaten, Unternehmen und zivilgesellschaftliche Netzwerke auf eine Erklärung zum Schutz der Wälder (New York Declaration on Forests). Auch diese Erklärung basierte auf Versprechungen – und eine letzte Woche veröffentlichte Überprüfung der Zielerreichung enthält keine guten Nachrichten: „Nur ein Bruchteil der zugesagten Waldaufforstungsziele wurden erreicht … Aus Nachweisen über Aufforstungen geht hervor, dass lediglich 18% der für 2020 anvisierten Ziele für die Wiederherstellung von Wäldern umgesetzt wurden.“ Gleichzeitig hat sich die Zahl der Unternehmen, die sich zu „entwaldungsfreien Lieferketten“ verpflichten, nicht wesentlich erhöht.

Anders gesagt, läuft alles wie gehabt – abgesehen von wenigen positiven Beispielen seitens engagierter Unternehmen. Auf staatlicher Ebene ist in dieser Hinsicht noch weniger Engagement zu sehen. Vielleicht ist das etwas, was sich durch den Gipfel ändern könnte.

CLARA hat eine Reihe von Leitlinien zur Bewertung der neuen Zusagen und deren Ernsthaftigkeit ausgearbeitet. Als erstes ist zu fragen, ob ein Land wirklich bereit ist, der Entwaldung jetzt ein Ende zu setzen? CLARA ist der Auffassung, dass ein weltweites Moratorium für Abholzungen in natürlichen Waldbeständen erforderlich ist. Jetzt.

Weitere wichtige Punkte zur Bewertung neuer Klimaschutzverpflichtungen:

  • Werden die Rechte der indigenen und anderen Gemeinschaften vor Ort respektiert?  Die indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften stehen an vorderster Front im Kampf gegen mächtige Akteure  und brauchen unsere Unterstützung. CLARA ruft die lateinamerikanischen Staaten dazu auf, das Escazú-Abkommen zu ratifizieren – ein rechtlich bindendes Abkommen, das den Schutz von Umwelt- und Menschenrechtsaktivisten enthält (Artikel 9).
  • Wird der Ernährungssicherheit Priorität eingeräumt?  Es besteht ein großer Bedarf an finanzieller und technischer Unterstützung, um den Bauern bei der Klimaanpassung zu helfen. Auf dem Klimagipfel sind auch Finanzzusagen erwünscht – und die wohlhabenden Länder sollten die Anpassungsbemühungen in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer mit beträchtlichen Finanzzusagen unterstützen.
  • Wird Agrarökologie als eine Lösung erwähnt?  Der lange Schatten von Agrarindustrie auf den NBS-Verhandlungsstrang ist besorgniserregend, denn heute weiß man, dass die von Chemikalien abhängige industrielle Landwirtschaft uns tötet: angefangen von einem höheren Krebsrisiko bis hin zu einer „Insekten-Apokalypse“. Eine auf agrarökologischen Prinzipien beruhende Landwirtschaft ist für den Planeten – und für die Menschen – am gesündesten.
  • Werden in den Verpflichtungen Plantagen als Wälder deklariert? Plantagen sind keine Wälder. In Bezug auf Widerstandskraft und Produktivität unterscheiden sich gesunde und abwechslungsreiche Naturwälder ganz erheblich von Monokulturplantagen. Der Erfolg sollte nicht an der Fläche der Baumpflanzungen gemessen werden, sondern vielmehr an der Wiederherstellung der Funktion des Waldökosystems bei gleichzeitigem Schutz der menschlichen Lebensgrundlagen. Am wichtigsten ist daher der Wechsel von einer auf Entnahme ausgerichteten Waldwirtschaft hin zu einer auf Wiederherstellung ausgerichteten Waldbewirtschaftung.
  • Ist in der Verpflichtung die Rede davon, dass Bioenergie eine Lösung sei?  Den Brennstoff Kohle durch Holz aus den Wäldern zu ersetzen, ist schlicht und einfach die falsche Lösung, was von Wissenschaftlern auch zunehmend erkannt wird. Forderungen nach einer Ausweitung von Bioenergie sind unverantwortlich und in einem Verhandlungsstrang über „naturbasierte Lösungen“ fehl am Platz.

Und nicht zuletzt …

  • Ist die Verpflichtung lediglich eine verschleierte Forderung nach einem Emissionsausgleich?  Die Mitgliedsorganisationen von CLARA sind der festen Überzeugung, dass der Klimanotstand so problematisch ist, dass die Kohlenstoffbindung in Böden und Wäldern nicht als Ausgleich für eine weitere Nutzung fossiler Brennstoffe dienen darf. Kohle-, Öl- und Gasunternehmen – oder auch Fluglinien – sollten keinen „Freibrief“ erhalten, gegen Ausgleichszahlungen mit ihrer Umweltverschmutzung weitermachen zu können. Jeder Sektor muss seine eigenen Verpflichtungen eingehen und nicht danach trachten, den Ehrgeiz in anderen Sektoren für sich zu nutzen. Es wäre vollkommen irrsinnig, die mühsam erzielten Erfolge im Landnutzungssektor dafür einzutauschen, um ressourcen- und emissionsintensiven Industrien und Lebensstile fortführen zu können. Die CLARA-Mitglieder sind besorgt, dass zu viele der potenziellen Verpflichtungen darauf abzielen könnten, Handelsmechanismen zu etablieren, die schlecht für die Ambitionen und schlecht für den Planeten sind.

 

 

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