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Leapfrogging dank Digitalisierung?

Bei entwicklungspolitischen Debatten über die Zukunft des Globalen Südens im digitalen Zeitalter fällt immer wieder der Begriff Leapfrogging. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Länder des Globalen Südens dank der digitalen Revolution ein paar Entwicklungsstufen überspringen?
Von Sven Hilbig am 21.10.2018 - 17:09
Sven HilbigReferent für Welthandel
+49 (0) 30 65211-1815E-Mail: sven.hilbig@brot-fuer-die-welt.de
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Die Plattform Industrie 4.0 steht unter Leitung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie

Der aus der Wirtschaftswissenschaft stammende Begriff Leapfrogging (zu Deutsch: Bocksprung) beschreibt einen Prozess, bei dem es Ländern dank neuer Technologien möglich ist, (ganze) Entwicklungsphasen zu überspringen. So gab es in vielen Entwicklungsländern beispielsweise keinen Markt für VHS-Videokassetten, vielmehr wurden gleich DVDs angeboten. Und für viele Menschen auf dem afrikanischen Kontinent begann die erstmalige Nutzung des Telefons nicht mit einem Festnetzanschluss, sondern sie kauften sich gleich ein Handy.  

Wie wahrscheinlich ist es jedoch, dass die Digitalisierung ganzen Gesellschaften in Entwicklungsländern dazu verhilft, von der Ersten oder Zweiten Industriellen Revolution direkt in die Vierte Industrielle Revolution überzuwechseln? Oder sogar direkt von einer Agrarwirtschaft in das Digitale Zeitalter zu springen?

Wie der vorherige Beitrag ‚Elektronischer Handel polarisiert‘ zeigte, ist dieser große Sprung bislang nur einem Land gelungen: China. Chinas äußerst erfolgreiche Aufholjagd kam aber bekanntlich nicht von ungefähr. Wie auch in anderen Wirtschaftssektoren schottete sich China einerseits, mittels protektionistischer Maßnahmen, vom digitalen Welthandel ab; zugleich baute es eine eigene, staatlich gelenkte – auf die nationalen Bedürfnisse zugeschnittene – digitale Infrastruktur auf, - und kopierte erfolgreiche US-amerikanische Internet-Plattformen: Alibaba (Online-Handel), Tencent (Social Media, Onlinemedien, etc.) sowie die Suchmaschine Baidu.

Auch andere demokratische Staaten, die bei der Digitalisierung vorne mitspielen, haben dies einer Politik zu verdanken, in der unternehmerischer Geist stark vom Staat gefördert wurde. Indien, beispielsweise, überlies den erfolgreichen Aufbau seiner Softwareindustrie ebenfalls nicht dem Zufall – besser gesagt: nicht alleine dem Markt. Bangalores Aufstieg zum Silicon Valley des globalen Südens, Anfang der 1990er Jahre, beruht auf staatlicher Förderung: Angefangen von der Unterstützung beim Aufbau der Technologieparks, über Exportanreize, Zollbefreiungen für notwendige Einfuhr von Waren bis hin zu Steuererleichterungen.

Diese Entwicklungen bei der Informations- und Kommunikationstechnologie decken sich mit den Erfahrungen beim analogen Handel der vergangenen siebzig Jahre. Nach dem 2. Weltkrieg waren jene Entwicklungsländer (wie Südkorea) vom wirtschaftlichen Erfolg gekrönt, in denen die Regierungen die Integration in den Weltmarkt mit verschiedenen wirtschaftspolitischen Instrumentarien steuerten.

Deutsche Wirtschaft bittet Politik um Hilfe

Und wie verlaufen die Debatten in Deutschland? Nachdem bei der Hannover Messe 2013 Katerstimmung in der deutschen Industrie herrschte, da die führenden Unternehmer der Ansicht waren, sie können Google, Amazon und den anderen Digitalen Plattformen aus den USA nichts entgegen setzen, wurde die Plattform Industrie 4.0 ins Leben gerufen. Über 300 Unternehmer und Gewerkschaftsvertreter entwickeln dort, zusammen mit den Bundesministerien für Wirtschaft und Energie sowie dem Bundesforschungsministerium, Rahmenbedingungen für eine umfassende Digitalisierung der industriellen Produktion. Und inzwischen sehen sie sich auf diesem Feld, zusammen mit Japan und Südkorea, auch als einer der Weltmarktführer.

Die Erfahrungen der  erfolgreichen Schwellenländer und führenden Industrienationen machen deutlich: Die Digitalisierung wird nur dann einen wesentlichen Beitrag zur Bekämpfung von Armut und Ungleichheit leisten, wenn die staatlichen und nicht-staatlichen Akteure in der Entwicklungszusammenarbeit nicht (nur) darauf vertrauen, dass sich dieser technische Wandel lediglich von unten nach oben zum Wohle der Menschen entwickeln wird. Die Entwicklungspolitik muss vielmehr erkennen, dass wir diesen Prozess auch für die Länder des Globalen Südens aktiv gestalten müssen. Dafür bedarf es der Schaffung politischer Rahmenbedingungen  zugunsten der Menschen im Globalen Süden sowie der Bereitstellung von Ressourcen zu deren Umsetzung. 

Die Notwendigkeit Entwicklungsländer auch politisch zu unterstützen, wird umso deutlicher je mehr wir uns vergegenwärtigen, dass der digitale Wandel die Mehrzahl von ihnen vor noch viel größere Herausforderungen stellt, als Deutschland und andere führende Industrienationen. Da ihre Ausgangssituation eine andere ist und weitere spezifische Probleme auf sie zu kommen, wie im folgenden Beitrag Automatisierung fordert Globalen Süden heraus‘ dargestellt wird.

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