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Voller Widersprüche!? Die Chancen von Bioökonomie im Spannungsfeld von „Food First“, Wachstum und Transformation

Von Stig Tanzmann am 18.11.2015 - 21:59
Stig TanzmannReferent für Landwirtschaft
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Voller Widersprüche!?

Die Chancen von Bioökonomie im Spannungsfeld von „Food First“, Wachstum und Transformation

Bioökonomie ist eines der aufkommenden Konzepte für das post-fossile Zeitalter. „Biomasse“ soll die konventionellen Rohstoffträger immer weiter ersetzen. Viele Industrienationen setzen große Hoffnungen auf dieses Konzept. Dies zeigen insbesondere die in den letzten Jahren entwickelten Bioökonomie-Konzepte vieler Staaten. Aber wie sind in der bisherigen Auseinandersetzung mit den Konzepten die möglichen Konflikte zwischen „Food First“ (Primat der Ernährungssicherung), biobasiertem Wirtschaftswachstum und einer notwenigen sozialen und ökonomischen Transformation insbesondere aus der Sicht der Ärmsten der Armen adressiert?

Eine zentrale Frage lautet: Wie verhält sich das Bioökonomie Konzept zu den Fragen des Wirtschaftswachstums? Ein neues Konzept, welches nur die Rohstoff- und Energieträger des bestehenden Wirtschaftssystems erneuern oder austauschen will, sich aber nicht der Frage der Reduktion des Ressourcenverbrauchs stellt, wird keine positiven Antworten für die Ärmsten der Armen und für die Nachhaltigkeit liefern. Der Ressourcenverbrauch des heutigen deutschen und weltweiten Wirtschaftsmodells ist eindeutig zu hoch. Langfristig werden nur noch 2000m² landwirtschaftliche Nutzfläche pro Person für die Produktion zur Verfügung stehen. Allein von dieser Fläche die menschliche Ernährung zu sichern, ist eine große Herausforderung.

Das Spannungsfeld Wachstum

Mit Blick auf das deutsche Bioökonomie-Konzept fällt auf, dass es hier vornehmlich darum geht, das bestehende Wirtschaftsmodell einfach auf eine neue Rohstoffbasis zu stellen. Eine Neuorientierung in zentralen Fragen wird nicht angestrebt, Wachstums- und Exportparadigma werden nicht angetastet. Was aber bedeutet das Wachstumsparadigma mit Blick auf Bioökonomie? Schon heute verbraucht die deutsche Wachstums- und Konsumgesellschaft mehr Ressourcen als ihr zur Verfügung stehen. Wie die Bioökonomie diesen Widerspruch lösen soll, ist unklar. Letztlich werden mit der Bioökonomie natürliche Anbauzyklen der Landwirtschaft vollends in das industrielle System integriert. Dieses ist im Sinne des Wachstums auf immer schnelleres Produzieren, Konsumieren und Verbrauchen ausgerichtet. Radikal gesehen wird heute im Sinne des Wachstums häufig für die Müllhalde produziert, damit möglichst schnell Neues hergestellt und konsumiert werden kann. Man spricht auch von geplanter Obsoleszenz. Dass dies langfristig weder auf Basis fossiler Rohstoffe noch auf Basis von „biobasierten“ Rohstoffen funktionieren kann, sollte einleuchtend sein.

Eine Bioökonomie-Strategie, die sich also nicht kritisch mit den Konsequenzen des Wachstums und dem Prinzip der geplanten Obsoleszenz auseinandersetzt, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Zusätzlich kann so eine Strategie die Hungerproblematik auf der Welt stark verschärfen, weil sie die Nachfrage nach landwirtschaftlicher Fläche erhöht, die für die Lebensmittelproduktion gebraucht wird.

Ein radikales Beispiel für den Wachstumszwang und die dramatischen Auswirkungen der verschiedenen Obsoleszenz-Strategien ist der Textilsektor. Längst gibt es keine Kollektionen mehr, die sich an den Jahreszeiten orientieren. Es wird auf immer neue innovative und preiswerte Kollektionen im Zwei-Wochen-Takt gesetzt. Dies führt dazu, dass immer schneller Kleidung genäht und immer mehr Baumwolle angebaut werden muss. Die negativen Konsequenzen werden von den Näherinnen und in den sich ausweitenden Anbaugebieten der Baumwolle getragen. Das Paradigma des immer schnelleren Konsums, vorangetrieben durch geplante technische oder psychologische Obsoleszenz, durchzieht heute die gesamte Industrie. Dies ist der Sektor, den die Bioökonomie mit nachhaltigeren Ressourcen beliefern will. Es ist natürlich verlockend, wenn das Wegwerfen von Produkten auf den ersten Blick kein Problem mehr ist, weil sie biologisch abbaubar sind oder gar eine Kohlenstoffsenke darstellen.

Insbesondere ein Konzern wie Apple ist ein Meisterbeispiel dafür, wie man mit geschickten Produkt- und Systemdesign, oder kurz mit psychologischer Obsoleszenz, Produkte extrem schnell altern lässt und so den Konsum, die Produktion und den Gewinn maximiert. Dies bedeutet aber auch, dass immer mehr Produkte in immer kürzerer Zeit weggeworfen werden oder  ihren Nutzen verlieren. Für die Bioökonomie im Sinne von Nachhaltigkeit bedeutet dies , dass wenn zum Beispiel ein Smartphone nur eine Funktionszeit (oder „Coolness“) von zwei Jahren hat, es im Blick auf die Nachhaltigkeitsfrage recht egal ist, ob die Hülle des Smartphone aus fossilem Plastik oder „biobasiertem“ Plastik ist. Die Nachfrage wird mittelfristig die verfügbaren Ressourcen überschreiten.

Das Spannungsfeld „Food First“ und Recht auf Nahrung

Dramatisch ist der Zusammenhang zwischen „biobasiertem“ Plastik und der Produktion von Lebensmitteln, denn diese treten in Konkurrenz zueinander. Kurz: Eine modische Handyhülle aus Bioplastik wird in der heutigen Gesellschaft immer mehr Wert sein, als eine Schale Reis und der Hunger wird wieder zu nehmen. Die Frage in diesem Zusammenhang muss daher lauten: Welchen neuen Kräften öffnet man den Zugang zu Flächen, die zum Anbau von Nahrungsmittelmitteln genutzt werden können; angesichts von 800 Millionen Hungernden genutzt werden müssen?

In diesem Zusammenhang fällt auf, dass von Seiten der Treiber der Bioökonomie-Strategien gar nicht mehr von Lebensmitteln, sondern von Biomasse gesprochen wird. Dieser neue Sprachgebrauch sollte alarmieren, denn wer von Biomasse spricht, versucht sich von der Tatsache zu lösen, dass das erste Ziel landwirtschaftlicher Produktion die Erzeugung von Lebensmitteln und die Erfüllung des Rechts auf Nahrung sein muss. Letztlich ist es sogar nur die halbe Wahrheit von Biomasse zu sprechen. Ganz radikal gesehen, wird es den Industriekonzernen, aus ihrer eigenen Produktionslogik heraus, nur noch um die Anzahl nutzbarer Kohlenstoff- oder Zuckerketten pro Hektar gehen. So kommt man zu Produktionsmodellen und einem Abstraktionsniveau, die keine Verbindung mehr mit „Food First“ oder dem Recht auf Nahrung haben. Im Sinne der Ausgangsfrage bedeutet dies, man öffnet die Lebensmittelproduktion für die vollständige Industrialisierung und Abkoppelung von ihrer ursprünglichen Bedeutung, nämlich der Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln.

Weiter stellt sich die Frage: Kann man die Kräfte dieser Konzerne und Investoren in der Bioökonomie regulieren? Mit Rückblick auf die Regulierungsversuche der letzten Jahre im Bereich Agrartreibstoffe, Futtermittelimporte, Papier- und Holzverbrauch sowie Fischkonsum, sollte man hier sehr skeptisch sein. Zwar sind heute viele Labels bekannt und sehr viele Produkte gelabelt. Doch haben sich weder der Ressourcenverbrauch noch die Verschwendung reduziert. Ganz zu schweigen davon, dass die Macht der Konzerne angegangen worden wäre.

Interessant ist auch die eher theoretische Frage, ob die Industriekonzerne überhaupt ein Interesse daran haben, Rohstoffe von denen zu beziehen, die heute die Lebensmittelproduktion in Händen halten, also von den kleinbäuerlichen Familienbetrieben. Angesichts der großen homogenen Masse, die die Industrie nachfragen wird, wenn sie auf Bioökonomie setzt, muss dies stark bezweifelt werden. Folgerichtig würde die Umsetzung von Bioökonomie-Strategien nicht nur die Umsetzung des Rechts auf Nahrung bedrohen, sondern auch die Existenz vieler kleinbäuerlicher Familienbetriebe.

Mit diesem Wissen muss zum momentanen Zeitpunkt bezweifelt werden, dass die „Food First“-Ansätze, die in der deutschen Bioökonomie-Strategie verankert sind, umgesetzt werden können. Dies umso mehr, da die staatlichen Forschungsgelder vor allem in technische Umsetzungsprojekte fließen, nicht aber in Projekte, die hinterfragen, wie das Recht auf Nahrung im Kontext der Bioökonomie realisiert werden könnte.

Das Spannungsfeld Transformation

Kann die Bioökonomie aber einen Beitrag zur sozialen und ökologischen Transformation leisten? Die Frage wurde in den beiden vorherigen Abschnitten eindeutig negativ beantwortet. Dies insbesondere, weil die Bioökonomie nicht mit dem Wachstumsparadigma bricht und mit ihrem Bedarf an landwirtschaftlicher Nutzfläche die Überwindung des Hungers in Frage stellt. Die Frage sollte daher anders lauten: Können Elemente der Bioökonomie in einer Gesellschaft, die mit dem Wachstumsparadigma gebrochen, die sich sozial und ökologisch transformiert und den Hunger überwunden hat, eine wichtige Rolle spielen? Hier lautet die Antwort ja.

Die Herausforderung der nächsten Jahre wird es sein, zu dieser Veränderung der Gesellschaft zu kommen. Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang können und müssen die Ziele für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) spielen. Es werden nicht die technokratischen Ansätze der Bioökonomie sein, die die Gesellschaft voranbringen, sondern die Diskussionen und Auseinandersetzungen, die in Prozessen wie den SGDs geführt werden.

Abschließend ist aus Sicht der Ärmsten der Armen festzuhalten: Das Konzept der Bioökonomie ist eher eine Gefahr denn ein Segen. Für sie sind die ganzheitlichen Ansätze der Agrarökologie, die sich ähnlich weit wie die Bioökonomie ausdehnen lassen, viel interessanter, denn es stellt die nachhaltige Nutzung der knappen Ressourcen und ihre Erweiterung durch geschickte Pflege und das Recht auf Nahrung in den Vordergrund.

 

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