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Welternährungstag: Dürre Aussichten

Die Bundesregierung weigert sich, die Klimakrise wirksam zu bekämpfen. Damit untergräbt sie den globalen Kampf gegen Hunger und Mangelernährung.
Von Eike Zaumseil am 15.10.2019 - 11:09
Eike ZaumseilReferent für Klima und Landwirtschaft
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„Sagt endlich die Wahrheit über die ökologische Krise und handelt danach!“ Das fordern die zumeist jungen Unterstützer*innen von Fridays for Future oder Extinction Rebellion, die mit Demonstrationen, Straßenblockaden und vielfältigen Aktionen eine friedliche Rebellion gegen das Aussterben begonnen haben. Was sie damit meinen, haben mehrere wegweisende Berichte des Weltklimarates IPCC in den letzten Monaten unmissverständlich klargemacht. Erstens: Noch in diesem Jahrhundert wird es zu dramatischen und unumkehrbaren Klimaveränderungen kommen. Gravierende Missernten, extremer Wassermangel und der Zusammenbruch ganzer Ökosystemen gefährdet das Überleben von hunderten Millionen Menschen. Bis zu einer Millionen Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Zweitens: Uns bleiben nur knapp zehn Jahre, um durch die drastische Minderung von Treibhausgasemissionen die schlimmsten Folgen dieser Klimakatastrophe zu verhindern.

Angriff auf die Zukunft

Noch nie hatte Politik mehr Verantwortung für kommende Generationen und das wissen die Verantwortlichen ganz genau. Regierungsvertreter*innen haben sämtliche IPCC-Berichte nicht nur gelesen, sondern auch deren öffentlichkeitswirksamen Zusammenfassungen in tagelangen Verhandlungen Wort für Wort untereinander abgestimmt. Das schwache Klimaschutzpaket der Bunderegierung muss folglich als unterlassene Hilfeleistung, wenn nicht sogar als Angriff auf all jene Menschen gewertet werden, die schon heute unter der Klimakrise leiden, sowie aller künftigen Generationen. Nicht nur bleiben die deutschen Klimaziele meilenweit hinter den Verpflichtungen aus dem Pariser Klima-Abkommen zurück. Viele der vereinbarten Maßnahmen werden auch nicht sofort, sondern wenn überhaupt erst in einigen Jahren Auswirkungen auf den deutschen Treibhausgasausstoß entfalten.

Das Versagen deutscher Klimapolitik wirkt jedoch weit über die heimische Klimabilanz hinaus. Das Pariser Klimaabkommen befindet sich aktuell in einer kritischen Phase: Im nächsten Jahr sind alle Staaten aufgefordert ihre nationalen Klimapläne vorzulegen oder bestehende Pläne zu verschärfen. Dann wird sich zeigen, ob das Pariser Prinzip eines völkerrechtlich bindenden Abkommens mit freiwillig festgelegten Klimaschutzbeiträgen der Mitgliedsstaaten tatsächlich die nötigen Klimaschutzambitionen entfaltet. Dazu braucht es Vorreiterstaaten, die zeigen, dass ein Umbau des fossilen Energie- und Wirtschaftssystems schnell und sozialverträglich möglich ist und andere Staaten mitziehen. Wer, wenn nicht ein reiches Hochtechnologieland wie Deutschland, sollte hier mit gutem Beispiel vorrangehen?

Hungerkrise mit Ansage

Am morgigen Welternährungstag wird die Bundesregierung wieder ihr Engagement für eine Welt ohne Hunger betonen. Doch dieses Ziel rückt mit jeder Tonne CO2, die in die Atmosphäre gelangt, in immer weitere Ferne. Schon jetzt sind zunehmende Extremwettereignisse neben gewaltsamen Konflikten, zunehmender sozialer Ungleichheit und ungerechten Handelsstrukturen ein zusätzlicher Hungertreiber. Steigen die globalen Temperaturen um mehr als 1,5 Grad, wird es in vielen Teilen der Welt zu erheblichen Ertragseinbußen, Nahrungsmittelpreisschwankungen und Wasserknappheit kommen. Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2080 weitere 600 Millionen Menschen allein aufgrund des Klimawandels hungern werden. Betroffen sind vor allem marginalisierte Gruppen, wie kleinbäuerliche Produzent*innen oder Menschen in städtischen Armenvierteln, meist Frauen, die durch Ernteausfälle und steigende Lebensmittelpreise in ihrer Existenz bedroht sind. Strukturelle Diskriminierungen, wie der fehlende Zugang zu Land und Wasser und sozialen Sicherungssystemen, machen sie besonders verwundbar gegenüber den Klimawandelfolgen.

Kein weiter wie bisher

Die Warnung vor klimabedingten Ertragseinbußen lässt schnell das Mantra der industriellen landwirtschaftlichen Produktionssteigerung erklingen. Doch mit industrieller Landwirtschaft, die selbst ganz erheblichen Anteil an der Erderhitzung und Umweltzerstörung hat, lässt sich der drohenden Ernährungskrise nicht begegnen. Stattdessen bedarf es mehr denn je einer ökologischen Wende in der Agrarproduktion, der verstärkten Nutzung der verfügbareren Ackerflächen für die Produktion von Grundnahrungsmitteln (statt für Futtermitteln oder Bioenergie) sowie eines Menschenrechtsansatzes, der den Zugang marginalisierter Bevölkerungsgruppen zu natürlichen Ressourcen und gesellschaftlicher Teilhabe stärkt. Das hochrangige Expertengremium des Welternährungskomitees (HLPE) hat die Bedeutung von Agrarökologie für gerechte und nachhaltige Ernährungssysteme besonders hervorgehoben, da sie natürliche Ressourcen und genetische Vielfalt schützt, bäuerliche Selbstbestimmung stärkt und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimarisiken erhöht.

Ob es den Menschen, insbesondere in ärmeren Ländern, auf lange Sicht gelingt, sich an den Klimawandel anzupassen, hängt aber in erster Linie von einer engagierten Klimapolitik und der schnellen Verringerung von Treibhausgasemissionen ab. Industrieländer wie Deutschland stehen hier besonders in der Pflicht, schließlich geht es um Schäden, die wir mitverursachen. In diesem Sinne muss die Bundesregierung ihr Klimapaket deutlich nachschärfen. Die Rebellion hat gerade erst begonnen.

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